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Die Mäusefrau

Ulrich Gabriel
Ulrich Gabriel

Zanzenberg. Säbelgeklirr vom Körnerstein, leichte Brise. Es gurrt keine Friedenstaube. GAFAMs1) Pimmel schiebt den Stern von Bettelheem über den Nachhimmel. Bogenschützen hocken herum, tunken ihre Giftpfeilspitzen in gläsernen Impfdosen. „Freue dich, s‘Spritzkind kommt bald!“ rieselt es leise zwischen den Bäumen am Zanzen. Der Volk hockt im Klockdaun und freut sich auf die globale Bestechung. In der Stadt werden Impfgegner gejagt. Neonschriften kriechen über Bankfassaden: „2021 - das Jahr, in dem wir Ware werden.“ Handelsware Menschenkörper, Gier der Pharmakonzerne. GAFAM tritt jetzt die Weltherrschaft offen an. Milliarden feiler ReisgängerInnen wollen endlich chemisch (abhängig) werden. Die Neonschrift wechselt: „Chemie ist besser, das menschliche Immunsystem ist eine Reminiszenz aus dem alten Biologiebuch.“ Einwegmedien infizieren weiter. In den geimpften Kundenleibern wachsen Aktiengewinne heran. Wer sich für gesund hält, kriegt ein Medikamend. Wer nachdenkt zwei. Zweifeln macht nicht hansiglücklich. „Ich freu mich auf die Impfung“ sagt Opi, entblößt den Arm. Omi läutet das Glöckelein, rollt die Bluse hoch. Papi, schon im Unterleibchen, brüllt „Hauhau“. Nur Mami, bereits gespritzt, lacht: „Mein Oberarm gehört mir!“ Tante pfizt, Onkel hält Modernaktien. Jesus konvertiert. So laicht der vervirrte Volk und erstirbt Unsterblichkeit. An Sylvester erreicht er den Styx2), Charon3) angelt Obulusse4) unter den grauen Zungen hervor. Geier picken Hirnreste aus den Schädeln.

Wir sind nicht mitgekommen, sitzen einfach so da und tragen Gedichte vor. Irgendwas wird immer geboren. Der Baron liest eine Geschichte aus Franz‘ Leben. Diese:

„Es schwamm der Mond in mein Gemach hinein, weil er da draußen so allein bei den entlaubten Bäumen stand. Ich habe ihm ein Kissen hingerückt, damit er ruhen konnte, und er tat‘s beglückt sich untern Kopf. Ich legte ihm die Hand schnell auf die Augen, und da schlief er auch. Mich aber plagte schlechte Luft im Bauch. Sie plagte mich, bis eine Uhr schon zwölfe schlug. Da hatte ich verdammt genug und ließ sie ab, die Luft. Davon ist zwar der Mond nicht aufgewacht, doch in dem Fenstereck die Mäusefrau. Sie hat im ersten Schreck geboren, was noch gar nicht gar nicht fällig war. Die kleinen rosa Schnauzen piepsten da so nett, dass ich sie zu mir nahm ins warme Bett.

Mein Gott, die lütten Dinger, noch ganz nackt und blind: Wie hat das Elend mich gepackt! Ich glaub, dass mir was Nasses in die Augen kam. Dabei hat manches Mädchen schon von mir ein Kind gekriegt und starb vor Scham. Die armen Würmer aber kuschten sich in meine Hand, als wäre ich ihr Vater Mäuserich. Zuletzt war auch die Mäusefrau so zahm geworden, dass sie schwänzelnd zu mir kam. Die schwarzen Augen glänzten froh und groß in mein Gesicht hinein. Und plötzlich war ich auch so mäuseklein wie dieses Tier und nahm es in den Schoß und habe wohl die ganze Nacht bei ihr geruht. Ich, Franz5) war Blut von ihrem Blut.“

  • 1) GAFAM ist die offizielle Abkürzung für die Big Five: Google, Amazon, Facebook, Apple und Microsoft.
  • 2) Styx: Fluss vor dem Eingang der Unterwelt
  • 3) Charon: Fährmann. Fährt tote Seelen hinüber.
  • 4) Obulus: Münze unter der Zunge des Toten. Fuhrlohn.
  • 5) Franz: Francois Villon, Dichter (+ nach 1463)
  • 6) Autor des zit. Textes ist Francois Villon in der Nachdichtung von Paul Zech mit dem Titel "Eine kleine Ballade von dem Mäuslein, das in Villons Zelle Junge bekam".
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