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Die Iraker sind zehn Jahre nach der US-Invasion verbittert

Invasion brachte Freiheit, aber auch Hass, Milizen und Terror.
Invasion brachte Freiheit, aber auch Hass, Milizen und Terror. ©AP
Fragt man einen Iraker heute, zehn Jahre nach dem Beginn der US-Invasion, wie dieser Waffengang sein Leben verändert hat, hört man fast immer ein und denselben Satz: "Die Amerikaner haben mein Land zerstört." Ausgenommen davon sind nur einige Politiker und ehemalige politische Gefangene, die im Frühjahr 2003 aus den Folterkellern der Schergen von Präsident Saddam Hussein befreit wurden.

  Selbst Iyad Allawi, der damals mit anderen Exil-Oppositionellen in den USA Lobbyarbeit für eine Invasion geleistet hatte, kommt heute ins Grübeln. Vor einigen Tagen fragte ihn eine arabische Reporterin, ob er sich vorstellen könne, dass einige Iraker heute mit Nostalgie an die Saddam-Ära zurückdenken. Er antwortete: “Ich schließe das nicht aus. Was momentan im Irak passiert, ist traurig und wir hatten nicht erwartet, dass sich die Dinge in diese Richtung entwickeln würden.”

Gesellschaft zerfällt

Was Allawi, der nach dem Sturz von Saddam eine Übergangsregierung geleitet hatte, meint, ist der Zerfall der irakischen Gesellschaft. Der Terror der sunnitischen Jihadisten und schiitischen Parteimilizen hat die Iraker traumatisiert. Günstlingswirtschaft und Korruption sind in den Ministerien heute nicht weniger verbreitet als unter dem Diktator Saddam.

Die Politiker der verschiedenen Parteien finden in ihrer streng gesicherten Enklave im Zentrum von Bagdad keinen gemeinsamen Nenner mehr. Dass die US-Armee Ende 2011 ihre letzten Soldaten aus dem Irak abzog, hat die Lage weder beruhigt noch verschlimmert.

“Wir brauchen eine neue Vision”, sagt Jawad al-Bolani. Er war in der ersten Regierung des heute wieder amtierenden Ministerpräsidenten Nuri al-Maliki von 2006 bis 2009 Innenminister. Auch während seiner Amtszeit wurde in irakischen Gefängnissen gefoltert.

Sunniten sehen sich benachteiligt

Vor allem die Minderheit der Sunniten fühlt sich im “neuen Irak” benachteiligt. Denn die Iraker haben zwar heute Wahlen, eine demokratische Kultur fehlt jedoch nach wie vor. Das führt dazu, dass die meisten Wähler ihre Stimme Parteien geben, die ihre Volks- oder Religionsgruppe repräsentieren: Die Kurden wählen kurdische Parteien, die Schiiten wählen eine der Schiiten-Parteien, die Sunniten wählen Sunniten oder gehen gar nicht zur Wahl. An Protestdemonstrationen gegen die Regierung des Schiiten Al-Maliki beteiligten sich in den vergangenen Monaten fast ausschließlich Sunniten.

Doch auch der schiitische General Safa (48) fühlt sich als Verlierer des Regimewechsels. Nach dem Einmarsch der US-Truppen in Bagdad lösten sich erst die irakischen Truppenverbände auf. Später wurde die Armee offiziell aufgelöst. Als hochrangiger Offizier galt General Safa als Teil des alten Regimes, weshalb seine Bewerbung um eine Stelle in der neuen Armee erfolglos blieb. “Ich habe viel getan, um zu meiner alten Arbeit zurückzukehren, aber ich bin nur mit dem Kopf gegen die Wand gerannt”, sagt er. Dass der Offizier der schiitischen Bevölkerungsmehrheit angehört, die von Saddam einst diskriminiert wurde, half ihm nichts.

“Meine Familie muss ja von irgendetwas leben, deshalb benutze ich mein altes Auto gelegentlich als Taxi”, sagt der General, dessen Haar sich vorne lichtet. Seine alte Uniform hängt noch gebügelt im Schrank. Seit seinem Rauswurf aus der Armee trägt er nur noch traditionelle arabische Gewänder.

Auf der Seite der Gewinner hat sich dagegen Abu Sajad wiedergefunden, der vor dem Regimewechsel in Bagdad ein bescheidenes Auskommen als Zwischenhändler für Lebensmittel und andere Waren des täglichen Bedarfs hatte. Heute hat er einen guten Posten in einem Ministerium, den ihm Verwandte beschafft haben. Auch er ist Schiit. Er sagt: “Ich habe auch meinen Doktor gemacht. Nie hätte ich gedacht, dass ich es einmal so weit bringen würde.”

(APA)

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