"Die Gesellschaft hält das aus"

Es waren einst zwei Fischer. Jeden Tag fuhren sie aufs Meer an eine besondere Stelle. Sie wussten:

Sobald ein Sturm aufkommt, müssen sie sich sputen. Hier entsteht ein Strudel, der sie in die Tiefe zieht. Eines Tages schafften sie es nicht mehr rechtzeitig an Land. Der große Strudel zog sie immer weiter in die Tiefe. Sie klammerten sich an ihr Schiff. Als der Jüngere aufblickte und merkte, dass lose Einzelteile nach oben schwimmen, schlug er vor, das Schiff loszulassen. Der Ältere widersprach. Das Schiff sei die einzige Rettung. Der Jüngere ließ los und trieb nach oben. Der Ältere ertrank.

Dieses Gleichnis stammt von Edgar Allan Poe. Soziologen sehen darin den Unterschied zwischen einem Verhalten in der Emotion und einem aus der Distanz. Wer Emotionalität verlässt, kann aus der Distanz anders entscheiden. Der jüngere Fischer blickte auf, weshalb Handlungsmöglichkeiten entstanden sind. Aber was hat das mit der Coronakrise zu tun? Sehr viel, ist der Soziologe Simon Burtscher-Mathis überzeugt. Mit dieser Sichtweise könnten die beiden Pole der Gesellschaft relativ einfach wieder aufeinander zugehen.

Schattierungen

Die Pole, das sind auf der einen Seite radikale Maßnahmenverweigerer und Impfgegner, auf der anderen Seite extreme Lockdownforderer. Viele sehen darin eine gespaltene Gesellschaft. Doch gibt es diesen Spalt überhaupt? „Eine Spaltung basiert auf der Idee, dass es links und rechts, richtig und falsch, gut und böse gibt. Menschen auf der einen und anderen Seite“, erläutert Burtscher-Mathis. „In der Realität sehen wir zwei Pole und dazwischen sehr viel Schattierungen. Es gibt Menschen, die sind geimpft und tragen alle Maßnahmen mit, halten aber nichts von der Impfpflicht. Und nicht alle, die nicht geimpft sind, sind Impfgegner.“

Die Sozialwissenschaftlerin Eva Häfele blickt mit etwas Sorge auf die Demonstrationen. „Es ist eine sehr lautstarke Minderheit, die aus unterschiedlichen Gruppen Zulauf erhält.“ Aber auch sie sieht keine gesamtgesellschaftliche Spaltung. Sie ortet eine personalisierte Auseinandersetzung. „Ein kleiner Teil der Bevölkerung, also Politiker, Medien und Gesundheitspersonal, wird von einem ebenso kleinen Teil angegriffen.“ Häfele rät dennoch: „Wir müssen im Gespräch bleiben. Gegenseitiges Dämonisieren ist extrem schädlich.“ Man müsse die Spannung ernst nehmen, sagt auch Burtscher-Mathis. Deshalb laute das Gebot der Stunde, für Entspannung zu sorgen.

Besonders junge Menschen werden immer wieder kritisiert. Sie würden sich nicht an die Einschränkungen halten, sich nicht impfen lassen. Gudrun Quenzel von der PH Vorarlberg erforscht Werte von Jugendlichen in Deutschland und Österreich. Sie ist überzeugt: „Die ganz große Mehrheit macht das super. Sie nimmt es relativ gelassen hin, auch wenn es nervt.“ Die Gesellschaft müsse den Jugendlichen die Dankbarkeit zukommen lassen, die sie verdienen. „Sie waren solidarisch, sind für Ältere zu Hause geblieben. Wenn sie dann einmal an der Pipeline feiern, werden sie angemeckert.“ Auch unter Jugendlichen werde diskutiert. Aber: „Sie sind viel toleranter. Diese Toleranz lässt gar keine Spaltung zu. Wenn die Gesellschaft so wäre wie die Jugend, hätten wir viel gewonnen.“

Gesellschaft funktionsfähig

Wer von einer gespaltenen Gesellschaft rede, verstärke die Emotionalisierung, warnt Simon Burtscher-Mathis. „Wir sind als Gesellschaft funktionsfähig. Die Wirtschaft funktioniert, das Gesundheitssystem ist am Anschlag, funktioniert aber, das Sozialsystem funktioniert, die Demokratie funktioniert. Trotz der Pandemie.“ Auch Eva Häfele ist positiv gestimmt: „Die Gesellschaft hält das aus.“

Wer kann sich noch an Zwentendorf erinnern? Oder an die Bundespräsidentschaftswahl? Kommentatoren sprachen von einer tief gespaltenen Gesellschaft. Es kam anders. Sollte auch die Coronakrise wieder einmal vorbei sein, ist Simon Burtscher-Mathis überzeugt: „In zwei Jahren wird man nicht mehr viel darüber sprechen.“

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