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Der zähe Kampf um Mitbestimmung

Seit 100 Jahren dürfen die Vorarlbergerinnen wählen und gewählt werden.
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Elfriede Blaickner und Anna Mayr haben Geschichte geschrieben. Sie waren Ende der 1950er-Jahre die ersten Frauen, die in den Vorarlberger Landtag einzogen. Vor der ÖVP-Politikerin Blaickner und Mayr von der SPÖ gab es in Bregenz keine Mandatarinnen. Damals war es schon knapp vierzig Jahre her, dass die Österreicherinnen das aktive und passive Wahlrecht bekommen hatten. Es war seit dem 12. November 1918, jenem Tag, als die Erste Republik ausgerufen wurde, Realität. Bei der Wahl zur konstituierenden Nationalversammlung 1919 konnten Frauen erstmals wählen und gewählt werden. In Vorarlberg, wo eine Wahlpflicht galt, dauerte es noch, bis die Frauen in der Landespolitik mitbestimmen konnten, selbst nachdem die demokratischen Verhältnisse wiederhergestellt worden waren. Erst bei der Wahl am 18. Oktober 1959 kamen Blaickner und Mayr zum Zug. Eine erste Landesrätin sollte es erst gut 30 Jahre später mit Elisabeth Gehrer (ÖVP) geben.

Erste Bürgermeisterin 1998

Das Bürgermeisteramt blieb noch länger eine reine Männerdomäne. Erst 1998 wurde eine Frau Gemeindechefin, nämlich Anna Franz (ÖVP) in Bezau. Es sei damals schon ein Dammbruch gewesen, erinnert sich Franz. Sie hatte sich seit jeher besonders politisch engagiert, war etwa Obfrau der ÖVPFrauenbewegung im Bregenzerwald. 1990 wurde sie als einzige Frau in der Bezauer Gemeindevertretung gewählt. „Ich war immer dahinter, dass Frauen in die Politik gehen. Und ich war immer diejenige, die gesagt hat: Wenn es die Möglichkeit gibt, ein Amt anzunehmen, soll man nicht Nein sagen“, erzählt Franz, die von 2002 bis 2013 dem Nationalrat angehören sollte. Von den 96 Vorarlberger Gemeinden haben heute gerade einmal sieben eine Bürgermeisterin, nämlich Alberschwende, Bildstein, Dornbirn, Lingenau, Reuthe, Schlins und Sonntag. Wie der Gleichstellungsbericht des Landes 2017 zeigt, ist der Anteil der Gemeindevertreterinnen auch deutlich niedriger als der Anteil der Frauen im Landtag. Zwar stieg er seit den 1990er-Jahren beständig an, lag aber nach den Gemeindewahlen 2015 nur bei 23,6 Prozent. Im Landtag waren 2016 36 Prozent der Abgeordneten Frauen. Der derzeitigen siebenköpfigen Landesregierung gehören zwei Landesrätinnen an: Katharina Wiesflecker (Grüne), die für Soziales, Frauen, Pflege, Kinder- und Jugendhilfe und Kleinkindbetreuung zuständig ist, sowie Barbara Schöbi-Fink (ÖVP), deren Agenden Gesetzgebung, Bildung, Wissenschaft und Sport umfassen. Dass sich Frauen in der Politik mitunter schwerer tun als Männer, liegt auch an konservativen Rollenerwartungen, sagt die Vorarlberger Politikwissenschaftlerin Kathrin Stainer-Hämmerle. Die Expertin, die an der Fachhochschule Kärnten lehrt, erinnert an die Vorgänge rund um Carmen Willi vor zwei Jahren in Egg. Willi sollte Bürgermeisterin werden, machte aber nach bösartigen Anrufen und Beschimpfungen einen Rückzieher. Sie sei von einigen Bürgern als Mutter von drei kleinen Kindern für ungeeignet befunden worden, gab Willi an. Stainer-Hämmerle betont: „Wenn ein Politiker kleine Kinder hat, ist das kein Thema.“ Wo eine konservative Rollenerwartung vorherrscht, tut man sich auch mit dem Angebot an Kinderbetreuungsplätzen schwer. „Es herrscht die Meinung vor, dass eine Mutter zu Hause bleiben soll.“

Keine gleichberechtigte Teilhabe

In Vorarlberg zeigen sich die unterschiedlichen Voraussetzungen schon an der Einkommenskluft, erläutert die Politologin. So verdienen ganzjährig vollbeschäftigte Frauen 27,6 Prozent weniger als Männer, das ist der höchste Wert im Bundesländervergleich. Erschwerend kommt hinzu, dass es keine größeren Städte und keine Universität gibt. Denn Städte bieten Frauen mehr Möglichkeiten, etwa im Bereich der Kinderbetreuung, erläutert Stainer- Hämmerle. „Gerade Frauen mit höherer Bildung ziehen für ein Studium in die Universitätsstädte. Dort bleiben sie eher hängen als Männer. Auch viele Spitzenpolitikerinnen sind nicht mehr zurückgekehrt.“ Knapp 100 Jahre, nachdem die Vorarlbergerinnen erstmals wählen durften, 59 Jahre, nachdem Elfriede Blaickner und Anna Mayr ihr Amt als Landtagsabgeordnete antraten, bleibt für die tatsächliche gleichberechtigte Teilhabe der Frauen in der Politik also noch genug zu tun.

Von den 96 Vorarlberger Gemeinden haben heute gerade einmal sieben eine Bürgermeisterin, nämlich Alberschwende, Bildstein, Dornbirn, Lingenau, Reuthe, Schlins und Sonntag. Die erste Gemeindechefin in Vorarlberg war Anna Franz im Jahr 1998 in Bezau.

CHRONOLOGIE FRAUEN IN DER POLITIK

1907 In Österreich wird das direkte, allgemeine, gleiche und geheime Wahlrecht für Männer eingeführt.

12.November 1918 Die Erste Republik wird ausgerufen. Das Wahlrecht gilt unabhängig des Geschlechts.

1933 bis 1945 Im autoritären Ständestaat bis 1938 und der nationalsozialistischen Diktatur bis 1945 gibt es keine freien Wahlen mehr.

1959 Elfriede Blaickner (ÖVP) und Anna Mayr (SPÖ) sind die ersten Vorarlbergerinnen, die in den Landtag gewählt werden.

1983 Maria Hosp (ÖVP) zieht als erste Vorarlbergerin in den Nationalrat ein.

1985 Das Frauenreferat der Vorarlberger Landesregierung wird eingerichtet.

1990 Elisabeth Gehrer (ÖVP) wird die erste Landesrätin. Sie ist u. a. für die Bereiche Schule, Wissenschaft, Frauen, Jugend, Familie und Gemeindeentwicklung zuständig.

1990 Johanna Dohnal (SPÖ) wird zur ersten Bundesministerin für Frauen-Angelegenheiten.

1998 Anna Franz (ÖVP) übernimmt das Amt der Bezauer Gemeindechefin. Sie ist die erste Vorarlberger Bürgermeisterin.

2006 Barbara Prammer (SPÖ) wird die erste Nationalratspräsidentin Österreichs. Das ist das höchste politische Amt, das eine Frau bisher in der Zweiten Republik bekleidet hat.

2009 Zum ersten Mal gibt es mit Bernadette Mennel (ÖVP) eine Vorarlberger Landtagspräsidentin.

MAGDALENA RAOS magdalena.raos@vn.at 05572 501-187

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