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Der Täter als Opfer: Babysitter bestraft

Feldkirch - Der Täter war auch ein Opfer: Ein behinderter Babysitter wurde am Donnerstag dafür bestraft, dass er ein schreiendes Kind geschlagen hat.

Am Ende des Prozesses merkte Richterin Karin Dragosits an, über Fingerspitzengefühl verfügende Journalisten würden über den soeben verhandelten Fall nicht berichten. Ihr Mitgefühl dürfte dem soeben von ihr verurteilten Angeklagten gegolten haben. Vielleicht lässt sich über den Prozess mit Fingerspitzengefühl dennoch berichten und so daraus etwas lernen. Darüber etwa, dass Täter nicht nur Täter, sondern auch Opfer sind, Opfer der Umstände und ihrer eigenen Geschichte. Besonders in diesem speziellen Falle schienen die Grenzen zwischen Täter und Opfer zu verschwimmen. Dennoch musste die Richterin im Namen der Republik Grenzen ziehen, zwischen dem Gesetz nach straffreiem und zu bestrafendem Verhalten.

240 Euro bedingt

So verurteilte sie gestern am Landesgericht Feldkirch einen geständigen Jugendlichen zu einer bedingten Geldstrafe von 240 Euro. Der 18-Jährige, der das Urteil annahm, hatte ihrer Ansicht nach gegen den Paragrafen 92 des Strafgesetzbuches verstoßen: „Quälen oder Vernachlässigen unmündiger, jüngerer oder wehrloser Personen.“ Wer demnach „einem anderen, der seiner Fürsorge oder Obhut untersteht und der das achtzehnte Lebensjahr noch nicht vollendet hat oder wegen Gebrechlichkeit, Krankheit oder Schwachsinns wehrlos ist, körperliche oder seelische Qualen zufügt, ist mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren zu bestrafen“.

Geistig leicht behindert

Der Angeklagte wurde für schuldig befunden, als Babysitter ein von ihm betreutes Kind geschlagen zu haben. Bei ihrer Beurteilung des Sachverhalts berücksichtigte die Richterin auch den von ihr angenommenen Umstand der „eingeschränkten Zurechnungsfähigkeit“ des Beschuldigten. Der Angeklagte machte vor Gericht den Eindruck, geistig leicht behindert zu sein. Auch deshalb habe sich der junge Mann, sagte Dragosits bei ihrer Urteilsbegründung, „nicht zu helfen gewusst“, als das „Kind schrie“ und damit nicht mehr aufhörte. Zumal er „die ganze Nacht allein“ mit dem zu beaufsichtigenden Buben einer jungen Mutter gewesen sei. Der überforderte Babysitter habe, so die Richterin, daher „die Nerven weggeschmissen“ und dem schreienden Kind „Schläge aufs Gesäߓ versetzt.

Keine Wiederholungsgefahr

Der 18-Jährige, ein Arbeiter, wurde zudem dazu verurteilt, der Mutter des von ihm geschlagenen Kindes als Geste der Wiedergutmachung 200 Euro zu bezahlen. Sie habe „stark den Eindruck“, sagte die Richterin zu dem reumütigen Angeklagten, „dass Ihnen so etwas nie mehr passieren wird“.

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