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Der letzte Weg

©NEUE/Paulitsch
Götzis - Täglich werden bei Loacker-Recycling in Götzis 100 Autos verschrottet. Eines davon ist der Fiat Tipo von Petra Gmeiner aus Dornbirn. Der "Sonntag“ war live dabei.  Video 

Mei.“ Petra Gmeiner aus Dornbirn hält sich die Hand vor den Mund. Gerade hat ein Shredder ihren Fiat Tipo in hunderttausend Stücke zerrissen. Durch eine dicke Glasscheibe konnte die 43-Jährige mitansehen wie ihr Auto über zwei Triebrollen in den 2000 PS starken Shredder gedrückt wurde. Drinnen drehte sich ein Rotor, auf dem 16 Hämmer angeordnet sind. Diese zerteilten das Fahrzeug in etwa faustgroße Teile.

Ein langgedienter Freund

Ein beklemmender Moment. Immerhin fuhr Gmeiner mit diesem Auto acht Jahre lang täglich in die Arbeit, besorgte den Einkauf und kutschierte ihre Söhne durchs Land. Jetzt werden gerade die Schrott- und Müllteile, die davon noch übrig sind, in mehreren Arbeitsvorgängen voneinander getrennt und anschließend in Waggons verladen. Diese bringen die wiedergewonnenen Rohstoffe unter anderem in die Schweiz oder nach Italien zur Weiterverarbeitung.

Recyclingrate 90 Prozent

Eigentlich war der dunkelgrüne Fiat noch gut in Schuss. Doch seit einem Auffahrunfall war das Auto ein Totalschaden. Der Rahmen war total verzogen, fahren konnte man aber noch. Und so brachte sie den kleinen Italiener auf ihrer letzten gemeinsamen Fahrt zum Schrottplatz. Schrottplatz ist das falsche Wort. Die riesige Recycling-anlage der Firma Loacker in Götzis ist ein hochmoderner Betrieb, in dem täglich 38.000 Tonnen Material verarbeitet werden. Die Recyclingrate liegt dabei bei 90 Prozent. Wöchentlich ereilt zwischen 20 und 50 Fahrzeuge das gleiche Schicksal wie Gmeiners Tipo. Zur Zeit herrscht in Götzis allerdings Hochbetrieb. Denn noch bis zum 30. Juni bekommt jeder, der ein komplettes Fahrzeug abgibt, 200 Euro. „Komplett“ bedeutet in diesem Zusammenhang, dass keine entscheidenden Fahrzeugteile wie etwa der Motor oder Katalysator fehlen dürfen. Für nicht komplette Fahrzeuge vergütet Loacker Recycling einen Betrag von 50 Euro.

200 Euro: ein super Angebot

200 Euro sind ein verlockendes Angebot. Es gab auch Jahre, in denen man fürs Abgeben von Autos Geld zahlen musste. „Der Grund, warum wir jetzt 200 Euro bezahlen können, sind die hohen Rohstoffpreise“, erklärt Marco Ortner, zuständig für das Umweltmanagement bei Loacker. Pro Jahr werden in Österreich zirka 280.000 Fahrzeuge abgemeldet, aber nur rund 65.000 davon gelangen in eine der sechs Recyclinganlagen in Österreich. Der Rest wird laut Ortner entweder in einige neue EU-Länder oder nach Afrika geschafft. So manche Karosserie rostet auch in irgendeinem Vorgarten jahrzehntelang vor sich hin. Die heurige Aktion entstand in Rücksprache mit den Gemeinden. „Die sind auch froh, wenn die alten Rostschüsseln aus dem Ortsbild verschwinden“, so Gmeiner. Und weiter: „Wir wollten aber auch sehen, ob wir auf dem Markt etwas bewegen können, wenn wir 200 Euro bieten.“ Sie können. Und wie sie können. Anstatt der 50 Fahrzeuge pro Woche werden seit Beginn der Aktion beinahe 100 Fahrzeuge pro Tag nach Götzis gebracht. Wenn es Autos, anders als Gmeiners Tipo, nicht mehr selbst bis zu Loacker Recycling schaffen, können sie auch mittels Abholservice nach Götzis gebracht werden. Die Kosten dafür werden nach Aufwand verrechnet.

Auto wird „trocken“ gelegt

Wenn das Auto auf dem Betriebsgelände ankommt, wird als erstes die Übereinstimmung von Fahrgestellnummer und Typenschein überprüft. Das Fahrzeug könnte ja gestohlen sein. Dann geht es los. Ein Gabelstapler bringt das Auto auf das Recycling-Gelände. Dort werden Schadstoffe und Flüssigkeiten wie Öl oder Benzin abgesaugt. „Trockenlegung“ nennt sich das. Im Tipo war noch eine ganze Menge Benzin. „Ich habe aber nicht mehr extra fürs Herfahren getankt“, erzählt die Dornbirnerin lachend. Danach werden die Reifen, die Batterien oder der Katalysator aus dem Fahrzeug entfernt. Auch die Glasscheiben kommen raus. Dann wird das Auto auf den Boden geschmissen, sodass es auf dem Rücken zu liegen kommt. Ein Kran entreißt ihm den Tank. Es wirkt, als ob er sich mit einer riesigen Kralle in seine Eingeweide bohrt. Nein, zimperlich wird hier mit den Fahrzeugen nicht umgegangen. „Für mich sind sie Rohstoffe“, erklärt Ortner dazu. Wenn man im Recyclingbereich arbeitet, bietet sich diese Sichtweise natürlich an. Ortner tut sich aber auch so etwas leichter als andere: „Ich bin kein Auto- oder Motorradfreak“, erklärt er. Aber ein bisschen bestialisch mutet das ganze Prozedere schon an. Dann folgt der letzte Schritt. Der Kran hebt das Fahrzeug – inzwischen nur noch ein zerquetschtes Autoskelett – in die Höhe und befördert es in Richtung Triebrollen, die es dann in den Shredder drücken werden. Fast will man rufen: „Wartet noch, habt Mitleid.“ Doch was sollen die Sentimentalitäten. Es ist ja wirklich nur eine Maschine. Und dann geht alles ganz schnell. Das Fahrzeug stürzt auf die Rollen, ein grausiges zermahlendes Geräusch – und es ist vorbei.

Ein neuer Fiat wartet schon

„Es war schon hart, das mitanzusehen“, bestätigt Gmeiner noch einmal. „Andererseits ist es auch interessant, wie alles verarbeitet wird.“ Und wirklich. Es ist faszinierend, dass aus riesigen Bergen Schrott und Müll wiederverwertbare Rohstoffe gewonnen werden. Ließe man sie in der Natur so liegen, würden sie Jahrzehnte, vielleicht Jahrhunderte brauchen, um zu zerfallen. Für Gmeiner war es kein leichter Abschied von ihrem Tipo. „Aber ich habe mir schon wieder ein neues Auto gekauft“, sagt sie. Und was für eines? Was für eine Frage – „Natürlich einen Fiat.“

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