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Der "Gänseflüsterer“

©AP
Eine Gänseschar läuft lauthals im Hof-Van-Delft-Park umher. Die Vögel schnattern, fauchen und verteilen überall ihren Kot.

Plötzlich taucht ein schlaksiger junger Mann auf, um für Ruhe zu sorgen. Während er sich der aufgebrachten Schar langsam nähert, flüstert er ihr „tut-tut-tut“ zu.

Martin Hof ist in den Niederlanden kein Unbekannter mehr. Er wird von seinen Landsleute wegen seiner Fähigkeit im Umgang mit Gänsen liebevoll der „Gänseflüsterer“ genannt. Sein Flüstern mit den Vögeln mag etwas seltsam, ja fast schon komisch wirken, doch es steckt weitaus mehr dahinter. Die Gänse im Park von Delft sollen nämlich nicht geschlachtet, sondern ins öffentliche Leben integriert werden. Dafür müssen sie allerdings häufig umgesiedelt werden. Martin Hof wurde von der Stadtverwaltung mit eben diesem Programm betraut.

Im Alter von sieben Jahren entdeckte Hof seine Faszination für die Schwimmvögel, als er versuchte, eine im Fischernetz gefangene Gans zu befreien. Seitdem entwickelte der „Gänseflüsterer“ seine ungewöhnliche Methode im Umgang mit den gefiederten Tieren. „Das geschieht alles aus Respekt für die Gänse“, betont der heute 23-Jährige.

Das Hauptproblem des Hof-Van-Delft-Parks und anderer öffentlicher Grünanlagen liegt in der Überzüchtung der Vögel einerseits und deren Begegnung mit Menschen andererseits. Martin Hof versucht, ein friedliches Miteinander zu schaffen. „Man nennt sie ’dumme Gänse’, aber sie sind so gewieft, sie lernen alles“, erklärt der Tierfreund. „Wir dummen Menschen sind es, die in ihren natürlichen Lebensraum eindringen, indem wir sie mit Brot füttern.“

Einmal wurde ein vorbeilaufender Jogger von einer Gans angegriffen, die ihn in die Beine beißen wollte. Da knöpfte sich Hof den gefiederten Übeltäter vor. Um der Gans zu zeigen, dass er ein Freund ist, ging er auf „Gänsehöhe“ in die Hocke und gab sich als Artgenosse aus. Die Gans schaute ihm dabei zu. Ihre Unterhaltung verlief so leise, dass man sie nicht verstehen konnte. Doch die Gans schien beruhigt und watschelte zur ihrer Gruppe zurück.

Diese Gans sei nicht aggressiv gewesen, ist sich Hof sicher. Sie sei lediglich beim Anblick des Fremden erschrocken, der ohne Vorwarnung in ihr Revier eingedrungen sei. Am häufigsten passierten Unfälle, wenn Gänse von Parkbesuchern gefüttert würden. Dann würden Kinder gekniffen, Eltern beschwerten sich darüber, und schließlich würden die Vögel getötet. Das sei falsch und unnötig, betont Hof.

Gänse sind nach seinen Worten gewöhnlich monogame Tiere. Ein Pärchen kann bis zu 40 Jahre zusammen leben. Partner, die plötzlich allein zurück bleiben, vielleicht weil der andere geschlachtet wurde, erholen sich nie von der Trennung. „Einige sterben buchstäblich an Einsamkeit“, erklärt der „Gänseflüsterer“. Wem solche Emotionen gleichgültig sind, sollte wenigstens an die steigende Lärmbelästigung denken. Denn die verlassenen Gänse kreischen unendlich lange nach ihren vermissten Familienmitgliedern.

In seiner 13-jährigen Laufbahn als „Gänseflüsterer“ kann Hof inzwischen die Gänsefamilien auf einen Blick identifizieren. Dafür stellt er sich flüsternd und schnatternd mitten in die Gänseschar und beobachtet ihre Reaktion: „Erst als ich sie auseinandertrieb, fingen die Familien an, sich gegenseitig zu rufen: Hier bin ich! Wo bist du?“

Joke Fransen, die ihren Hund spazieren führt, schimpft indessen lautstark über den herumliegenden Gänsekot. „Es wird täglich schlimmer“, entrüstet sich sich. „Werft sie in die Pfanne oder macht Pastete aus ihnen!“ Doch Hof kann die Spaziergängerin in wenigen Minuten besänftigen. Eigentlich mag Fransen Gänse, wie sie sagt, nur nicht so viele. Sie würde die Vögel lieber umsiedeln, anstatt sie zu töten.

Unterdessen müssen die Mitarbeiter der Stadtverwaltung von Delft die Geburtenkontrolle der Vögel überwachen. Ende des Frühlings werden alle zwei Wochen die Eier in Wassernähe kontrolliert. Ein effektives und umweltfreundliches Mittel gegen das Schlüpfen von ungewollten Gänseküken ist das Beschmieren der Eier mit Maiskernöl.

Die Kosten für Hofs Umsiedlungsprojekt sind genauso teuer wie das alte Ausrottungsprogramm. Die Umsiedlung von 30 Gänsen kostet zwischen 1.500 und 2.200 Euro. Nur das Einfangen der Gänse für den Transport ist „der stressigste Teil“, sagt Hof. Zum Abschied küsst er jede Gans auf den Nacken. Dann werden die Geflügeltiere auf seine „Königliche Gänsekutsche“ verladen, die sie an einen anderen Ort bringt, mit Aussicht auf ein besseres Leben.

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