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Den Marathon zu Ende gebracht

Bregenz -   Wie zwei Opfer des Mehrerauer Missbrauchsskandals ihren Täter 40 Jahre später über Internet besiegen.
Selbstanzeige von Ex-Mehrerau-Pater
"Ich ging in die Mehrerau"
Kirche: Eine Million Austritte?
16 weitere Missbrauchs-Opfer in Vorarlberg

Er meldet sich aus dem Auto. Fährt irgendwo am Walensee entlang. So also klingt „bregenz58“. Er spricht mit süddeutschem Dialekt. Flüssig, aber ohne überhöhte Emotion. Er fühle sich erleichtert, sagt er. Gemeinsam mit dem deutschen Internetuser „einopfer“ hat „bregenz58“ in wenigen Tagen jenen Mehrerauer Pater aufgespürt, der die beiden gegen Ende der Sechzigerjahre zumindest sexuell bedrängt, wenn nicht missbraucht haben soll. Dies also ist die Geschichte einer späten Genugtuung, die ohne Internet wohl nie erzielt worden wäre.

„Das hieß schon was damals“

Bregenz58, der sein Pseudonym behalten will, kam 1968 in die Mehrerau. „Mein Großvater hat mich hingebracht.“ Ihm war das wichtig. Mehrerau, das hieß schon was. Da war man wer. Doch der ehemalige Schüler hat keine guten Erinnerungen an das Internat. „Mit uns gemeinsam hat Pater Gregor dort angefangen.“ Dieser Erzieher der ersten Klasse ist in den Erinnerungen von Bregenz58 „ein kleiner schmächtiger Mann, nicht viel größer als wir Zehnjährigen. Er sprach diesen Schweizer Dialekt, den wir Vorarlberger ja bestens verstehen.“ Es sei „eine Missbrauchsgeschichte“ gewesen „von Beginn an“. Bregenz58 nennt die Namen von vier Mitschülern, denen der Pater zudringlich geworden sei. Er erzählt von Prügeln und Streicheleinheiten, wo sie fehl am Platz waren. Er selber sei knapp entronnen: „Plötzlich packte er mich an den Haaren und versuchte mich zu küssen. Ich habe ihn ins Gesicht gebissen und habe geschrien. Er hat zugeschlagen mit dem Stock, mich zusammengeschlagen, um mich ruhig zu kriegen.“

Strategie entwickelt

Bregenz58 hat diese und andere Erinnerungen in die Foren von „Vorarlberg Online“ getippt. Als der Missbrauchsskandal in Deutschland seinem ersten Höhepunkt zutrieb, sah sich Bregenz58 wieder an jene Zeit erinnert. Und er entwickelte eine Strategie. „Ich wollte nicht meine Geschichte aufbereitet sehen, sondern Mitschüler von damals animieren.“ Tatsächlich stieß Bregenz58 auf einen Mitstreiter, der sich „einopfer“ nennt. Der, wie er erzählt, selber von jenem Pater im Priorat Birnau missbraucht worden sei. Einopfer war es auch, der den Peiniger von damals schließlich ausfindig machte.

Nach Oelenberg versetzt

Damals, Ende der Sechzigerjahre, war der Erzieher ja über Nacht aus dem Verkehr gezogen worden. „Er wurde zur Strafe ins Trappistenkloster Oelenberg versetzt“, wie der heutige Abt der Mehrerau Anselm van der Linde inzwischen recherchiert hat. Letztendlich landete der Pater im November 1992 in der Pfarrgemeinde Schübelbach im Kanton Schwyz. Er wurde dort Pfarr-Administrator. Und hat sich als Organisator und vehementer Verfechter von Narren-Gottesdiensten einen Namen gemacht. Ein heiterer Geselle. Zu heiter, fand Bischof Vitus Huonder zuletzt und stoppte das närrische Treiben im Gotteshaus. Als Einopfer den Pater ausgespäht hatte, begann er Briefe zu schreiben. An die Gemeinde Siebnen, zu der Schübelbach gehört. Keine Antwort. Er schrieb im Internet. Er suchte Gleichgesinnte, die mit ihm nach Schübelbach fahren würden, um in der Kirche Transparente zu entrollen. Am Montag schließlich rief er den Pater an. Der habe um Mitleid gebeten. Einopfer verständigte den Bischof von Chur. „Der fiel aus allen Wolken.“ In der Erklärung, die später an die Medien ging, beteuert Bischofsvikar Christoph Casetti, dass „das Bistum zu keinem Zeitpunkt, weder 1992 noch bis zum 15. März 2010, über die sexuellen Übergriffe des Paters auf Minderjährige informiert worden“ sei. Aus seiner Zeit in der Diözese Chur seien keine strafbaren Taten bekannt. Dennoch wartet man in Chur ab, ob sich Opfer melden.

Den Marathon beendet

Damit endet die Geschichte. Der Pfarrer von Schübelbach ist weg. Verreist. Der Abt von Mehrerau hat ihn suspendiert. Der Täter von damals wird den Orden verlassen müssen. Er wird sich einem Kirchenverfahren stellen. Bei der Kripo in Bregenz hat er sich selber angezeigt. „Ob da jetzt Vergewaltigungen rauskommen oder nur sexuelle Nötigung“, wird sich weisen. Für Bregenz58 jedenfalls ist die Sache abgeschlossen. „Jetzt, wo der Mann aufgeflogen ist, hab ich meinen Marathon beendet.“ Bregenz58 atmet durch. „Es geht mir jetzt besser.“ Er lege nicht einmal Wert auf eine Anzeige. „Dieser Mann ist heute 69. Er schaut auf ein verpfuschtes Leben zurück.“ Damit muss er klar kommen. So wie Bregenz58 damit klar kommen musste, dass seine spätere Schullaufbahn „eine Katastrophe“ war, dass er unter Aggressionsschüben litt. Aber jetzt hat er den kleinen schmächtigen Mann von damals ja via Internet zur Strecke gebracht.

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