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"Dass die Gletscher zurückgehen, macht mir keine Angst"

Thüringerberg. Günther Groß ist Gletscherbeobachter. Der Thüringerberger spricht über das Phänomen Klimawandel und dass die Gletscher in Vorarlberg in der Römerzeit, vor rund 2000 Jahren, kleiner waren als heute.
So stark sind die Gletscher zurückgegangen

Glücksgefühle für Gletscherbeobachter? Die gab es in Vorarlberg zum letzten Mal um 1980. Denn in den letzten 160 Jahren wurden die Gletscher jedes Jahr kleiner. Ausnahmen gab es in den Jahren um 1920 – nach einem Vulkanausbruch – und eben um 1980. Damals war Günther Groß schon auf Gletschern unterwegs. “Schon als Student habe ich Gletscher vermessen. Aus Liebe zu den Bergen habe ich Geografie studiert”, erzählt Groß. Später hat er bei der Erstellung des ersten österreichischen Gletscherinventars mitgearbeitet: “Ich habe sämtliche 925 Gletscher der Republik kennengelernt.”

Das ewige Eis?

Die Gletscherflächen des letzten Gletscherhochstandes um 1855 lassen sich man mit Hilfe der Gletscherablagerungen rekonstruieren und berechnen. Damals endete die sogenannte “kleine Eiszeit”, eine fünfhundertjährige Periode großer Gletscherstände. Seitdem hat beispielsweise der Ochsentaler Gletscher im Silvrettamassiv ein Drittel seiner Fläche eingebüßt. Bei kleineren Gletschern hat sich der Eisschwund noch stärker ausgewirkt, so dass die gesamte österreichische Gletscherfläche um fast 60 Prozent und das Gletschervolumen hochgerechnet um 70 Prozent abgenommen hat.

Gletscher waren kleiner als heute – zuletzt vor 2000 Jahren

“Es macht mir keine Angst, dass die Gletscher zurückgehen”, sagt Groß. Der 66-Jährige hat Beweise gefunden, dass die Gletscher sogar schon einmal kleiner waren als heutzutage. “In Hochmooren der Silvretta habe ich mehrere Holzstämme und -reste gefunden, an Stellen, an denen heute kein Wald wächst.“ Dendro-chronologische Analysen der Jahresringe der Baumstämme zeigten, dass diese zwischen 7500 und 2500 Jahren vor Christi gewachsen waren. Und zwar im Silvretta-Klostertal auf über 2200 Meter. “Damals lag die Baumgrenze in Vorarlberg höher als heute”, erklärt der Geographieprofessor. Seit 1855 schrumpfen die Gletscher wieder.

Ihr Rückgang ist für Groß natürlich. Als Gründe für den Eisschwund nennt er den natürlichen Klimawandel hin zu einer wärmeren Periode und den Faktor Mensch: “Sieben Milliarden Menschen auf der Erde haben einen Einfluss auf das Klima, den man aber nicht nur auf die Erhöhung der Treibhausgase reduzieren sollte. Auch Veränderungen von Meeresströmungen oder Vulkanausbrüche können über Klimaimpulse das Gletscherverhalten beeinflussen. ” Sind die Gletscher überhaupt notwendig? Laut dem Alpinisten gehören Gletscher zum Hochgebirgscharakter.

Der Kit der Berge

“Für den Tourismus haben die Gletscher sicher eine Bedeutung. Und so wie der Permafrost den Felsen zusammenhält, bildet das Gletschereis einen Kit für das Geröll.” Die Gletscher binden loses Gestein, verhindern Muren. Als Trinkwasserreservoir seien die Volumina der Gletscher allerdings zu klein. Auch für die Wasserkraftwerke ist der “glaziale Abfluss”, das Schmelzwasser der Gletscher, nicht mehr ausschlaggebend. Pumpen heben die Wassermassen wieder an. Ganz wird das ewige Eis nicht abschmelzen, beruhigt Groß: “Auch in Zukunft wird es noch Gletscher geben.” Zwar kleiner, und höher oben. Doch: “So schnell werden die Gletscher nicht verschwinden.”

Zeittafel

Die letzte Eiszeit, in den Alpen als Würmeiszeit bezeichnet, dauerte circa von 115.000 bis 11.600 Jahre vor heute.
22.000 bis 24.000 Jahre vor heute war der Höhepunkt oder Maximalstand der letzten Eiszeit.

Die Zeit seit 11.600 vor heute nennt man Nacheiszeit, eine Warmphase, in der wir heute leben: Aufgrund von Holzfunden lässt sich sagen, dass diese Nacheiszeit durch lange Perioden höherer Baumgrenze und kleinerer Gletscherstände mit Höhepunkt um 5500 vor Christi gekennzeichnet war.

Die letzte längere Periode wärmerer klimatischer Verhältnisse herrschte ab circa 400 v. Chr. und dauerte bis ins 4. Jahrhundert n. Chr., also von der La-Tène-Zeit bis in die späte römische Kaiserzeit.

1300 – 1850: “kleine Eiszeit”, eine Periode großer Gletscherstände; vor allem zwischen 1600 und 1850 n. Chr.
Um 1855: letzter  Gletscherhochstand, markiert gleichzeitig die größten Gletscherstände der ganzen Nacheiszeit
1920er Vorstoß:  Gletscherwachstum – intensiviert durch einem Vulkanausbruch 1912
1980er Vorstoß: Gletscherwachstum, meist in den 70er- bis Mitte der 80er-Jahre

2015: Seit dem letzten Gletscherhochstand um 1855 haben Österreichs Gletscher rund 70 Prozent ihres Volumens verloren.

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