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Das Dilemma der Schweine-Mäster

Feldkirch (VN) -  Tobias Hartmann ist 29 Jahre alt und Schweinebauer. Nebenberuflich. Mit seinem Bruder hat er eben erst einen nagelneuen Schweinestall gebaut, über den Mindeststandards. Davon leben können sie jedoch nicht. Zwischen Mästern und Handel herrscht ein harter Preiskampf.
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Es war dunkel, als sie kamen. Unbemerkt schlichen sie in den Schweinestall. Ende Juli war das. Tobias Hartmann bemerkte nichts. Erst der Amtstierarzt informierte ihn vergangene Woche über die Anzeige. Und darüber, dass bei ihm keine Mängel festgestellt wurden.

Ferkel mit Sonnenbrand

Tobias Hartmann steht jetzt vor seinem Stall in Feldkirch. Mehrere Dutzend seiner 105 Schweine tummeln sich draußen im Freigehege. Nur die Ferkel müssen drinnen bleiben. „Die waren am Vortag zu lange draußen und haben jetzt einen Sonnenbrand“, schmunzelt der 29-Jährige. Morgens um halb sechs steht er jeden Tag im Stall. Dann fährt er zur Arbeit. Und dann wieder in den Schweinestall. Hartmann ist Orthopädieschuhtechniker. Schweinebauer ist er nur nebenberuflich. Genau wie sein Bruder Andreas. Denn leben könnten sie von dem, was ihm die Schweine bringen, nicht. Im Gegenteil: Gerade haben sie Hunderttausende Euro investiert. Der Stall ist nagelneu. Erst vorige Woche war die Bauabnahme.

Als der Großvater vor ein paar Jahren starb, hatten sie die Wahl: entweder alle Schweine verkaufen, oder investieren. Denn der alte Stall war zum Ärger der Anrainer mitten im Gisinger Dorfzentrum. Sie entschieden sich für die Sauen und einen neuen Standort. Es riecht streng. Nach Schweinen, eben. Fünf Buchten reihen sich aneinander. Ganz links die Ferkel, ganz rechts die Schlachtschweine. Je nach Gewicht wandert das Schwein von einer Bucht in die nächste. „Die kleinen sind besonders wundrig“, bemerkt Hartmann, während er mit der Fütterung beginnt. Aus allen Ecken kommen die Tiere herangestürmt. Ein regelrechtes Grunzkonzert beginnt auch in den anderen Buchten. Der Feldkircher ist gern im Stall. Seit er ein kleiner Junge ist, seit er laufen kann.

“Robuster und gesünder”

Der 29-Jährige hält seine Tiere über den gesetzlichen Mindeststandards. Ja, er hat auch Spaltenböden. Aber nur bei den Futtertrögen. Im restlichen Bereich verzichtet er darauf. Dort liegt Stroh, die Schweine können tagsüber ins Freie. Das müsste er nicht. „Aber es ist so besser. Sie haben Frischluft, werden robuster und gesünder.“ Beim Abnehmer bekommt er deshalb aber keinen Cent mehr. „Das wird nicht honoriert, es gibt keinen Aufschlag“, meint er beinahe grimmig.

Kampf um Schweine-Schleuderpreis

Er schaut auf seine Tiere, und sagt pragmatisch: „Als Ferkel sind sie lieb. Als Große bringen sie Geld.“ Der Feldkircher ist jung, aber schon ziemlich verbittert. „Es ist ein harter Kampf gegen Schleuderpreise. Die Flugblätter der Supermärkte sind voll mit diesen verdammten Rabatten. Das sind Sonderangebote auf dem Rücken der Bauern. Es geht einfach nicht, die höchsten Standards zu billigsten Preisen zu produzieren.“ Im Vorjahr blieben ihm pro Schwein 25 bis 40 Euro übrig, wenn er die Kosten abzog. Seine Arbeit war dabei aber nicht eingerechnet. Auch die Futterpreise steigen. Und die machen bei einem Schwein bis zu 70 Prozent der Kosten aus.

Von der kleinen Stube im ersten Stock des Stalls hat Hartmann durch ein Fenster den ganzen Stall im Blick. „Vom Gesetz her könnte ich noch fast 400 weitere Schweine halten“, sagt er. Und schüttelt den Kopf. „Nein, das wäre nicht tiergerecht. Vorher höre ich auf, bevor ich das Schwein bis aufs Blut plage.“ Eine Kennzeichnung nach Art der Haltung würde er sich wünschen. „Die Kunden würden mehr bezahlen, zehn bis 15 Prozent sicher, für bessere Haltung. Aber wenn es jetzt nicht klappt, dann gar nicht mehr. Wenn man jetzt die Chance nicht nützt, kann man die Schweinemast in Vorarlberg bald vergessen.“

In die Offensive

Seit Tierschützer die Haltung der Schweine in Vorarlberg angeprangert haben, und bei 14 Betrieben Mängel nachgewiesen wurden, muss sich der 29-Jährige viel anhören. Er sagt bestimmt: „Ich schlafe gut. Bei der Haltung muss ich mich nicht verstecken.“ Das tut er nicht. Morgen sperrt er seine Stalltüren auf und lädt Besucher ein, einen Blick in seinen Stall zu werfen. Tagsüber.

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