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"Das Böse hat keine Faszination"

Die Kommunikationsunfähgikeit bringt die Zunahme der jugendlichen Gewalt. Das glaubt der Kriminalpsychologe Dr. Thomas Müller.

VN: Wie wird man Kriminalpsychologe?

Müller: Wenn man als Polizeibeamter jedes Jahr an Weihnachten zum selben Familienvater gerufen wird, der seine Familie schlägt, dann stellt man sich die Frage nach dem Warum. Ich habe vor Jahren parallel zu meinem Polizeidienst Psychologie studiert, durfte dann an einem sogenannten „Fellowship-Projekt“ in den USA teilnehmen, das sich mit psychologischen Aspekten bei Verbrechen beschäftigt hat. 1993 erhielt ich dann vom damaligen Generaldirektor für Öffentliche Sicherheit, Michael Sika, eine Planstelle für Kriminalpsychologie. Es hat damals den Fall Jack Unterweger gegeben und daher eine Nachfrage für eine solche Einrichtung. Elf Monate und vier Tage später ging das mit den Briefbomben los. Damals fragten Leute den Generaldirektor, warum er schon etwas gewusst hatte. Und er durfte auf die neue Einrichtung verweisen

VN: Was zeichnet einen guten Kriminalpsychlogen aus?

Müller: Es gibt drei Qualitäten, die jemand mitbringen muss. Das erste ist der Hausverstand. Er muss verstehen, dass Blut zwar nach oben spritzen aber nur nach unten rinnen kann. Die Gesetze des Lebens, so sagte schon Schiller, liegen nicht in den Büchern, sondern auf der Straße. Die zweite Qualität ist die Art und Weise wie er denkt. Die dritte Qualität ist die Wertschätzung des sogenannten „luxury of innocence“, sprich, der Luxus der Unschuld. Es ist ein Luxus hier zu sitzen, ein Gespräch zu führen und einen Kaffee zu trinken, ein Luxus, eine tolle Tätigkeit ausüben zu dürfen. Es gibt tausende, die das nicht haben. Weil sie krank sind, weil sie irgendwelche Verbrechen begehen. Die gar nicht die Möglichkeit haben, etwas zu tun.

VN: Gibt es die, wenn auch grauslige, Faszination eines Täters oder einer schrecklichen Tat?

Müller: Die Faszination des Bösen gibt es für mich nicht. Wenn Sie die Obduktionsbilder von zu Tode gequälten Kleinkindern analysieren, hört sich die Faszination auf. Das Spannende ist, dass es immer anders ist. Sie müssen versuchen auf Grund des Verhaltens einer unbekannten Person, Rückschlüsse auf diese Person zu ziehen. Wenn einer ein Verbrechen begeht oder 20, zeigt er seine Persönlichkeit, seine persönlichen Bedürfnisse am Tatort. Auf Grund der Tatortanalyse etwas über die Person aussagen zu können, ist spannend.

VN: Wie wird jemand zu einem Verbrecher?

Müller: Es oft kleine Umstände, die in ihrer Summe aus einem Menschen dies oder das machen. Wir haben einmal Weltliteratur aus kriminalpsychologischer Sicht aufgearbeitet und sind drauf gekommen, dass zum Beispiel ein William Shakespeare viele Fähigkeiten gehabt hat, die auch ein Jack Unterweger besaß. In Bezug auf Wahrnehmung oder Antizipation.

VN: Warum wird aus dem einen ein bekannter Literat, aus einem anderen ein Massenmörder?

Müller: Es gibt Menschen, die benützen ihre Intelligenz nicht dazu, etwas konstruktives zu machen, sondern etwas destruktives. Der Grund dafür liegt oft in kleinen Demütigungen liegen. Diese findet man immer mehr am Arbeitsplatz. Leute sind in der Lage plötzlich außergewöhnlich destruktive Handlungen zu setzen. Die können von Mobbing, über Sachbeschädigungen bis zu Mord reichen. Denken Sie zum Beispiel an den 5. Juli 2001. Wo einer in der Zürcher Kantonalbank zwei seiner Chefs erschossen hat. Früher, als der Arbeitsplatz noch nicht so viel wert war, ist einer aufgestanden und einfach gegangen. Das geht heute nicht mehr so leicht.

VN: Gibt‘s noch andere Beispiele?

Müller: Ja, nehmen wir den Briefbombentäter Franz Fuchs. Wären ein paar Dinge in dessen Leben anders gelaufen, dann hätten wir in Österreich einen weiteren Nobelpreisträger gehabt.

VN: Wie sehen Sie die Gewaltproblematik im Zusammenhang mit Jugendlichen?

Müller: Das große Problem bei Jugendlichen ist die Unfähigkeit zur Kommunikation. Ich meine das nicht im technischen Bereich, sondern im psychologischen. Wenn man Beziehungen per SMS beendet so ist das ein Zeichen für das Fehlen von Identifikationsfiguren. Jugendliche haben ein zusehend größeres Problem mit Misserfolgen umzugehen. Das ist problematisch und wird sich negativ auswirken.

Zur Person

Alter: 41
Wohnort: Wien
Familie: Verheiratet
Beruf: Kriminalpsychologe
Hobbys: Lesen, Reisen
Lieblingsspeise: Semmelknödel mit Dillsauce

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