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Calle Fuhr krempelt das Volkstheater in den Bezirken um

Der neue Leiter des Volkstheaters in den Bezirken, Calle Fuhr
Der neue Leiter des Volkstheaters in den Bezirken, Calle Fuhr ©APA
Vor ein paar Wochen zeigte sich Calle Fuhr noch zurückhaltend, was das Streaming von Aufführungen betrifft. "Ich bin erstmal nicht heiß drauf, die nächste Produktion digital zu machen", hatte er im APA-Gespräch beteuert. Nun wird "Die Recherche-Show", für die der neue Verantwortliche für die Bezirke-Tournee die Dramaturgie übernommen hat, am 12. Februar sogar überhaupt die erste Produktion der neuen Volkstheater-Direktion sein, die gezeigt wird. Vorerst jedoch bloß online.

"Es gab zwei Argumente, die uns überzeugt haben: Zum Einen das streamingtaugliche Show-Format, aber vor allem die Tatsache, dass wir am selben Tag, an dem die 'Dossier'-Recherchen zu Red Bull veröffentlicht werden, unsere Premiere spielen können. Dieses kleine Wunder wollten wir möglich machen", sagt Fuhr zur Entscheidung, bei der Premiere des in Kooperation mit dem Theater im Bahnhof Graz erarbeiteten Stücks, für das die Journalisten von "Dossier" den Getränkekonzern Red Bull und dessen Miteigentümer Dietrich Mateschitz unter die Lupe genommen haben, nicht auf das Ende des derzeitigen Lockdowns warten zu wollen. Damit wird man nun, wenngleich nur via Zoom, erstmals einen Eindruck bekommen, wie sich der neue Intendant Kay Voges die künstlerische Arbeit an seiner neuen Wirkungsstätte vorstellt. Und welche Richtung das "Volkstheater in den Bezirken" künftig nehmen wird, das seit 2005 von Doris Weiner geleitet wurde.

"Ich bin hier Mitglied des Leitungsteams. Meine genau Bezeichnung lautet 'Künstlerischer Produktionsleiter Volkstheater in den Bezirken', das heißt ich bin hauptsächlich für die Bezirke verantwortlich. Ich bin mitverantwortlich für die Programmierung, ich inszeniere selber, mach Dramaturgie da draußen und komme auch mit einem eigenen Text raus", erklärt der 1994 in Düsseldorf geborene Theatermacher, der bereits unter Intendantin Anna Badora als Regieassistent und Regisseur am Volkstheater Wien verpflichtet war und nun "in mein Theater-Zuhause zurück gekommen" ist, seine Rolle.

Der geplante sanfte Übergang von Doris Weiner auf Fuhr verlief allerdings coronabedingt holprig. Weiners Inszenierung der Komödie "Barfuß im Park", in der sie selbst als agile, ältere New Yorker Mutter mitspielte, konnte noch gezeigt werden, ihr Abschiedsstück "Sechs Tanzstunden in sechs Wochen", mit dem die 71-Jährige nach 45 Jahren dem Volkstheater-Publikum Ade sagt, wird, sobald es die Umstände erlauben, erst an Ersatzterminen gezeigt werden können. "Mir tut's für Doris total leid, aber wir wollen diese Produktion rausbringen, sobald wir spielen können. Das ist unsere klare Ansage." Klar ist allerdings auch die Ansage, dass man in den Bezirken eine radikale Kursänderung anstrebt.

"Vor Anna Badora wurden mehr oder weniger ausschließlich Boulevardkomödien gespielt. Das meine ich komplett wertfrei. Ich selbst liebe Boulevard. Anna Badora hat versucht, dem eine andere Richtung zu geben, da waren Klassiker dabei, Schulstoffe, aber auch Stoffe wie 'Der Trafikant'. Das ist so mittelgut gegangen, wenn man ehrlich ist. Die Abo-Zahlen sind deutlich hinuntergegangen, die Auslastung lag bei 45 Prozent", erklärt Fuhr. "Was macht man jetzt damit? Sagt man, wir gehen zurück zu dem, wo es mal voll war, vor 15, 16 Jahren? Ne! Es ist ja seither was passiert in der Welt."

Lieber hat man sich an der Geschichte der Volkshochschulen orientiert, die nach wie vor die hauptsächlichen Spielstätten stellen ("Dabei gibt es Bühnen, die vier Meter, und andere, die 20 Meter breit sind."). Man will sich "dem Hier und Jetzt" widmen, allerdings ohne Umweg über herkömmliche Stücke. "Wir haben gesagt, lasst uns nicht Illusionstheater und Scheinwelten aufbauen, sondern dokumentarische Zugänge finden, die unsere komplexe Welt künstlerisch abbilden. Wir wollen vor Ort kleine Lupen legen auf unterrepräsentierte Themen oder Personen. Ich habe die große Hoffnung, dass wir sehr viele Menschen damit abholen - vor allem, weil wir ja nicht ästhetisch Remmidemmi machen, sondern es eine inhaltliche Verschiebung ist."

So wird die vierte geplante Bezirke-Produktion dieser Saison, Calle Fuhrs Monolog "Heldenplätze", ausgehend von Toni Sailer das Thema Missbrauch im Skisport behandeln. "Da geht's um Erinnerung, um Denkmalkultur, da sind wir ruckzuck bei Blacklivesmatter und beim Karl Lueger Denkmal. Ich glaube, dass wir durchaus Themen ansprechen werden, die für alle relevant sind. Ich habe den Eindruck, dass sich hier in Wien sehr oft um das weiße Bildungsbürgertum gekloppt wird, aber ganz viele Menschen nicht in den Theatern sitzen. Um die müssen wir uns bemühen!"

Das gilt selbstverständlich auch für das Haupthaus. Als Mitglied der Dramaturgie ist Calle Fuhr auch in die dortigen Planungen eingebunden. "Kay, mein Chef, ist schon ein Verfechter von Hierarchien, aber von flachen, respektvollen Hierarchien, wo jeder seinen Zuständigkeitsbereich hat, aber wo jeder mitreden darf. Das ist ein total angstfreies Arbeiten. Das war auch mit ein Grund, hier mitmachen zu wollen."

Dass er wie Volkstheater-Direktor Kay Voges vergleichsweise wenig Wien-Erfahrung mitbringt, sieht Calle Fuhr nicht als Nachteil: "Vielleicht bringt das auch etwas frischen Wind, dass wir den Blick von etwas weiter außen haben. Ich hab die Wiener Theaterlandschaft teilweise auch als Sumpf kennengelernt. Nicht komplett in diesem Sumpf zu stecken, finde ich erstmal total super. Speziell beim Volkstheater gibt es ja so viele Leute, die wissen, wie das hier zu laufen hat. Wir wissen es nicht - und das finde ich viel ehrlicher. Wir finden das jetzt gemeinsam raus, mit dem Publikum, mit unserem Ensemble, das aus so vielen Ecken der Welt zusammengewürfelt ist. Wien dabei als die europäische Metropole zu begreifen, die sie ja auch ist, finde ich eine total gute Taktik."

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E - "Die Recherche-Show" von Kreation Kollektiv, basierend auf einer Recherche von "Dossier", Regie: Ed. Hauswirth, Mit Pia Hierzegger, Rupert Lehofer, Julia Franz Richter, Martina Zinner und Thomas Pfeffer. Uraufführung, Premiere im Livestream: 12.2., 19.30 Uhr, Weitere Aufführungen am 14., 20., 21., 27., und 28. Februar. Tickets: Nach Erwerb des Tickets erhält man einen Link zum Livestream. ; )

(APA)

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