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"Bruno": Flut von Strafanzeigen

Der Abschuss des Braunbären "Bruno" vom Montag hat eine Flut von Strafanzeigen ausgelöst - und das nicht nur bei der zuständigen Staatsanwaltschaft München II.

Auch bei anderen Anklagebehörden sowie bei der Polizei sei bereits „eine Vielzahl“ von Anzeigen eingegangen, sagte der Leitende Oberstaatsanwalt Rüdiger Hödl am Mittwoch.

„Anzeigen kommen laufend – bei uns sind es jetzt 15“. Die Anzeigen richten sich unter anderem gegen Umweltminister Werner Schnappauf (CSU) sowie die beim Abschuss beteiligten Jäger.

Tirol ist Bären-Management-Plan beigetreten

Tirol ist dem Bären-Management-Plan beigetreten. Dies gab das Land Tirol am Mittwoch bekannt. Martin Janovsky wurde zum Bären-Manager des Landes bestellt.

Sollte abermals ein Bär Tirol durchwandern oder in Tirol einwandern, werde sich der ausgebildete Veterinärmediziner mit der Situation befassen. „Damit sind wir auf weitere Bären-Besuche bestens vorbereitet“, erklärte der zuständige Agrarlandesrat Anton Steixner (V) in einer Presseaussendung. Auch die Koordination mit den anderen Ländern sowie den anderen Landesstellen werde zum Aufgabengebiet des Bären-Managers gehören.

Empörung und Kritik in Österreich

Unverständnis, Empörung und Kritik – das ist die Reaktion der Österreicher auf den Abschuss Brunos, die in den vergangenen Tagen auch der WWF zu spüren bekommen hat. Insgesamt habe sie einen bis zu fünf Zentimeter dicken Stapel mit Reaktionen auf dem Tisch liegen, berichtete Beate Striebl, Leiterin des Bärenprojekts im World Wide Fund for Nature, am Mittwoch der APA.

Darunter finden sich auch einige Nachrichten, die sich etwa mit den Worten „Man sieht, dass Bären keinen Platz bei uns haben“ gegen alle Wiederansiedlungspläne aussprechen, sagte die Tierschützerin. Viele hoffen allerdings auch, dass sich der WWF weiterhin für die Bären einsetzt. Die negative Reaktion der Bevölkerung bemerkt auch WWF-Bärenanwalt Georg Rauer. Allerdings würden auch in Zukunft andere Tiere, die ein Verhalten wie Bruno zeigen, aus der Population entfernt, so der Experte. Für das Bärenvolk sei der Abschuss auf jeden Fall weniger gravierend, als seine Bedeutung in der öffentlichen Darstellung. Kein Weibchen wäre dem Tier auf seiner langen Wanderschaft gefolgt.

Grundsätzlich sei es wichtig, früher mit Vergrämungs-Maßnahmen auf Bären zu reagieren, die sich so entwickeln wie Bruno, unterstrich Rauer. Wenn die Tiere erst ein bestimmtes Alter erreicht haben, könnten sie nur mehr schwer beeinflusst werden.

„Die Optik ist natürlich auf den ersten Blick schlecht“, sagte Striebl. Durch die sechswöchigen Fangversuchen und den Abschuss ohne lange weitere Suche sei viel Unverständnis entstanden. Sie selbst sei ebenfalls über die rasche Tötung des Tiers überrascht.

Viele wissen allerdings nicht über den unterschiedlichen Einsatz eines gewöhnlichen und eines Betäubungs-Gewehrs Bescheid, meinte die Tierschützerin. Während eine Kugel aus über 150 Meter Entfernung treffsicher ist, kann der Bär aus einer Distanz von höchstens 60 Metern mit dem Narkosemittel beschossen werden. In einem bewaldeten Gebiet sei es sehr schwer, so nahe heranzukommen, erklärte Striebl. Fehlschüsse und eine falsche Dosierung des Betäubungsmittels können aus dieser Distanz rasch zur Gefahr für Menschen werden.

Sehr gespaltene Reaktionen gebe es auf die Kosten für die Einfangversuche. Während ein Teil sich über die hohe Geldsumme beschwere, kritisieren andere, dass zu wenig für die Rettung des Tieres getan wurde. Die Finanzierung der Einsätze dürfte bald geregelt sein, berichtete Striebl. Man werde sich mit dem Tiroler Agrarlandesrat Anton Steixner einigen, der über Medien Gesprächsbereitschaft signalisiert habe. Auch Sponsoren hätten einen Teil der Kosten übernommen.

Oberbehörde Jagd beim Land Tirol verteidigt Vorgehen

Die Oberbehörde Jagd beim Amt der Tiroler Landesregierung hat am Mittwoch die Abschussgenehmigung für Braunbär „JJ1“ verteidigt. Es habe sich nach Einschätzung der Experten um einen „Risikobären“ gehandelt, von dem eine konkrete Gefahr für Menschen ausgegangen sei.

„Die Fachleute haben überhaupt keine andere Möglichkeit als einen Abschuss gesehen“, sagte Vorstand Franz Krösbacher zur APA. Man habe vergeblich versucht, den Bären zu vergrämen oder einzufangen. Agrarlandesrat Anton Steixner (V) – er war vorerst für keine Stellungnahme erreichbar – habe sich die Entscheidung über den Abschuss nicht leicht gemacht. Er sei als Bauer “äußerst tierliebend“ und habe alle Möglichkeiten des Fangens ausgeschöpft. Auf Grund von drei schriftlich vorliegenden Gutachten im Hinblick auf die Gefährlichkeit des Bären habe er aber einen Abschussauftrag erteilen müssen. In Tirol wäre dieser erst am Montag in Kraft getreten.

Krösbacher bat um Verständnis, wenn eine Behörde sich auf Gutachten „international anerkannter Fachleute“ (Bärenanwälte, Universität Freiburg, Österreichischer Bärenmanagementplan und Koordinierungsstelle für Bärenfragen; Anm.) stützen müsse und nicht auf Aussagen „selbst ernannter Fachleute, die vorgeben von Bären etwas zu verstehen, obwohl sie noch nie einen gesehen haben“. An diesem Umstand bzw. der Gefährlichkeit könne auch die Tatsache nichts ändern, dass Touristen und Wanderer den Bären fotografiert, gefilmt oder „begleitet“ hätten.

An eine aktive Hetzjagd sei nie gedacht gewesen. Wie der Bär nach nur fünf Stunden in Bayern geschossen werden konnte, sei eine Angelegenheit der dortigen Behörden.

Virtuelles Grab gut besucht

Zwei Tage nach Braunbär „Brunos“ Tod wächst im Internet seine Trauergemeinde: Mehr als 1.800 Tierfreunde nahmen bereits am virtuellen Grab Abschied vom ersten Bären in Bayern seit mehr als 170 Jahren, wie der Sprecher der Bad Homburger Betreiberfirma Online-Grab, Marcel Möller, am Mittwoch sagte. „Die Anteilnahme ist überraschend groß.“ Mehr als 100 Leute hätten ihren Schmerz im Kondolenzbuch in Worte gefasst.

Nur wenige Stunden nach dem Ableben des Raubtiers am Montagmorgen legte Möller ein virtuelles Grab für den wohl berühmtesten Bären im Alpenraum an. Auf dem Bild eines grauen, mit Efeu umrankten Steins stehen die Daten von „Brunos“ kurzem Leben: 10.03.2004 – 26.06.2006. Daneben gibt es ein Foto, das den wochenlang streunenden Bär auf seiner Tour durch Bayern und Österreich zeigt.

Möller, der selbst im Tierschutzverein aktiv ist und erst vor ein paar Tagen den virtuellen Tierfriedhof eingerichtet hat, versteht das Grab als „Tribut an ’Bruno’“: „Es war falsch, ihn abzuschießen. Es hätte Möglichkeiten gegeben, ihn einzufangen.“ Möller fügte hinzu, er verstehe aber auch, „dass die Leute Angst um ihre Kinder oder vor einem Angriff auf Menschen haben“.

Einige Internet-Nutzer fanden diese Sorge offenbar unbegründet: „Er war ein guter Bär“, äußerte sich etwa ein User namens Thomas überzeugt. Ina schrieb in ihrem Eintrag ins virtuelle Kondolenzbuch von einem „süßen Teddie“. Mehrere Tierfreunde beteuerten auf der mit Rosen und Vergissmeinnicht geschmückten Seite, sie würden den Bären vermissen.

Außerdem äußerten viele Internet-Nutzer Kritik an der Vorgehensweise der Behörden, die als „Armutszeugnis“ und „abgekartetes Spiel“ bezeichnet wurde. Der bayerische Umweltminister Werner Schnappauf (CSU) hatte den Bären nach mehrwöchiger erfolgloser Jagd zum Abschuss frei gegeben, nachdem „Bruno“ auch extra eingeflogenen Spezialisten aus Finnland immer wieder entwischt war. Ein User namens Erwin empörte sich: „Der Tod ist ein Meister aus Bayern“. Mitunter wurde auch Vergeltung für die Jäger gefordert.

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