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Bregenzer Festspiele: Oper im "Wiener Wald" und unter dem Donauturm

Die unter das Motto "Wien zartbitter" gestellte Saison begann nach dem Geschmack des Publikums.
Die unter das Motto "Wien zartbitter" gestellte Saison begann nach dem Geschmack des Publikums. ©VOL.AT/Philipp Steurer
Ödön von Horvath hatte sich Kurt Weill für eine Vertonung seiner "Geschichten aus dem Wiener Wald" gewünscht. Bekommen hat er Heinz Karl Gruber. Das macht nichts, denn der klingt mehr nach Weill als nach Walzer, Schmalz und Wienerlied. Davon durfte man sich am Mittwoch bei der Uraufführung der Oper im Festspielhaus in Bregenz überzeugen. Die erste Bregenzer Festspiel-Premiere wurde ausgiebig bejubelt.
"Wiener Wald" in Bregenz
Großer Jubel bei Uraufführung

“Du wirst meiner Liebe nicht entgehen.” Dieser wohl berühmteste Satz des Stückes findet sich auch im Libretto von Michael Sturminger. Grubers Oper endet nach knapp drei Stunden in einer eindrucksvollen Schlussszene zwischen Oskar und der von ihm auf recht eigenwillige Weise geliebten, vom Schicksal und den Männern gebeutelten Marianne, die bekennt: “Ich kann nicht mehr. Jetzt kann ich nicht mehr -” Der feiste Fleischer antwortet: “Dann komm -“, hebt die niedersinkende Frau auf seine Arme und trägt sie im wabernden Bühnennebel triumphierend heim. Ein Raubtier mit seiner Beute. Ein Verbrecher mit seinem Opfer. Einer der seltenen wirklich opernhaften Momente des Abends.

An der Alten Donau

Sturminger hat die Exposition des Stückes gestrichen. Statt mit der langsamen Einführung der Figuren hebt die Oper gleich an der “schönen, blauen Donau” an. Diese ist offenbar eher die Alte Donau und im famosen, mit wenigen halbtransparenten Folien, vom Schnürboden kommenden Bühnenteilen und Projektionen arbeitenden Bühnenbild von Renate Martin und Andreas Donhauser mit Hochhaus-Skyline und Donauturm eindeutig im Heute angesiedelt. Die Wachau ist keine Kitsch-Landschaft, sondern eine kalte, mit Hochwasserschutzbauten verbarrikadierte Siedlung, die “stille Straße” mit Spielzeuggeschäft, Fleischhauer und Tabak-Trafik eher in Favoriten oder Ottakring als in der Josefstadt angesiedelt.

Dass die berühmte Geschichte erst allmählich in Fahrt kommt, bevor sie am Ende doch nachhaltig zu Herzen geht, liegt nicht nur an Verknappungen im Text, der betonten Nüchternheit der Ausstattung und der häufig auf konventionelle Sängertableaus zurückgreifenden Regie Sturmingers. HK Gruber, den alle Welt “Nali” nennt, verzichtet auf traditionelle Abfolgen von gesprochenen Dialogen und Gesangsnummern. Anstatt, dass er die Handlung vom Text weitertreiben lässt und sich auf starke, auratische, emotionale Wendepunkte konzentriert, unterlegt er das gesamte Stück mit einer Musik, die aus dem Vollen schöpft, aber kaum je zur Ruhe kommt.

Dreieinhalb Jahre komponiert

Die prägnanten Horvath’schen Stillen, in denen sich die Diskrepanz von Schein und Sein entlarvt und im Nachhall der Worte die Urgründe der Seele bloßgelegt werden, sind Mangelware. Dreieinhalb Jahre hat der 71-jährige Wiener an der Oper komponiert. Es ist ihm eine Menge eingefallen. Er sorgt für eine üppige, häufig ins Fortissimo getriebene Musik voller bunter Klangfarben, eine Idee jagt die andere. Die von Gruber selbst dirigierten Wiener Symphoniker, denen der Komponist im lange anhaltenden Schlussjubel mit einem Kniefall dankte, sind pausenlos gefordert und werden in der mit Pole-Dance und leicht geschürzten Girls freizügig gestalteten Maxim-Szene noch extra mit einem kleinen Bühnenorchester ergänzt. Manchmal möchte der Zuhörer aufstöhnen: “Halt! Zuviel!”

Der Grundgestus des rhythmisierten Sprechgesangs, der Musik und Sprache zu einer Einheit macht, ist eindrucksvoll, verhindert aber weitgehend markante Momente, die sich in die Erinnerung eingraben. Wichtige Wendepunkte der Geschichte, wie der Skandal um Mariannes Auftritt im Nachtklub, drohen in der allgegenwärtigen Musik unterzugehen. Auf der Gegenseite muss man HK Gruber zugutehalten, wie souverän er allen Gefahren des Epigonentums ausweicht, wie subtil er mit der Wiener Musiktradition umgeht – das Einbauen des titelgebenden Strauß-Walzers als abgehacktes Übungsstück ist dabei beispielgebend – und den Griff in die Klischeekiste vermeidet. Grubers Musik ist wienerisch und modern zugleich, unterhaltend, aber nicht anbiedernd.

Zwischen Erotik und Biederkeit

Für die Sänger bieten diese “Geschichten aus dem Wiener Wald” viele Möglichkeiten zur Profilierung. Herausragend nützt dies Angelika Kirchschlager, die ihre Trafikantin Valerie zur zentralen Figur macht, in Spiel und Stimme die richtige Mischung aus Vulgarität und Herzenswärme, Erotik und Biederkeit findet. Die Tragik der Frauen in dieser Männerwelt verdeutlicht sich auf andere, resolutere Weise als die zarte Marianne, die von Ilse Eerens mit sprödem Charme ausgestattet wird. Ihr nicht allzu großer Sopran gewinnt mit Dauer des Abends an Wärme. Am Ende wurde sie ebenso bejubelt wie Jörg Schneider als Oskar, dem die Gratwanderung zwischen Mensch und Monster ebenso hervorragend gelingt wie Anja Silja als prägnante Großmutter. Auch Daniel Schmutzhard als Strizzi Alfred, Albert Pesendorfer als Zauberkönig und Michael Laurenz als Erich gefielen gut.

Noch zwei weitere Male in Bregenz

“Wien zartbitter” hat Intendant David Pountney seine Abschiedssaison genannt, und die erste Premiere war offenbar ganz nach dem Geschmack des Publikums. Die Aufführung wird nur noch zwei weitere Male in Bregenz gezeigt und übersiedelt ab 14. März 2015 an das koproduzierende Theater an der Wien. Gut möglich, dass man die “Geschichten aus dem Wiener Wald” künftig nicht nur auf Theater-, sondern auch auf Opernspielplänen häufiger findet. Das Zeug dazu hätten sie.

“Geschichten aus dem Wiener Wald”

Oper von Heinz Karl Gruber, Text nach Ödön von Horvath, Libretto von Michael Sturminger, Wiener Symphoniker, Musikalische Leitung: HK Gruber, Regie: Michael Sturminger, Bühne und Kostüme: donmartin supersets – Renate Martin & Andreas Donhauser, Mit: Ilse Eerens – Marianne, Daniel Schmutzhard – Alfred, Jörg Schneider – Oskar, Angelika Kirchschlager – Valerie, Albert Pesendorfer – Zauberkönig, Anke Vondung – Mutter, Anja Silja – Grossmutter, Michael Laurenz – Erich, Markus Butter – Rittmeister / Beichtvater, David Pittman-Jennings – Mister, Alexander Kaimbacher – Der Hierlinger Ferdinand, Robert Maszl – Havlitschek, u.a.;

Bregenzer Festspiele, Weitere Aufführungen im Festspielhaus Bregenz: 27. Juli und 3. August, jeweils 11 Uhr; Karten: 05574 / 407 6, http://bregenzerfestspiele.at

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