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"Bin sozusagen der Onkel der Antibabypille"

Ivo Fischer erinnert sich noch gut an die Vergangenheit
Ivo Fischer erinnert sich noch gut an die Vergangenheit ©MiK
Bregenz - Ivo Fischer (88) aus Bregenz entwickelte die erste Antibaby-Pille mit, gründete das Forum Alpbach, die Festspiele und vieles mehr. Er traf Päpste, die Queen und hätte um ein Haar Adolf Hitler erschossen.

WANN & WO: Hat der 1. Mai für Sie eine spezielle Bedeutung?

Ivo Fischer: Als Arbeiterfeiertag war er für uns Ärzte – das bin ich in der siebten Generation, die achte und neunte gibt es auch schon – immer wichtig. Entstanden ist er kurz nach dem ersten Weltkrieg. Ich bin in der Hitlerjugend aufgewachsen, war Luftwaffenhelfer in Friedrichshafen und dann beim Reichsarbeitsdienst. Bei der Wehrmacht in Salzburg war ich Funker und Fernsehsprecher sowie bei der Gebirgsartillerie. Am Kriegsende war ich dann am Plattensee stationiert. Nach Hitlers Tod am 30. April bin ich am 1. Mai unter General Dönitz, dem letzten Staatsoberhaupt des Deutschen Reichs, neu vereidigt worden. Ich schwor mit der einen Hand und zeigte mit der anderen auf den Boden, dann gilt es nämlich nicht. Ich weiß noch gut, wie die Kirche nach dem Weltkrieg den 1. Mai in einen Kirchenbettag umfunktioniert hat.

WANN & WO: Wie prägt eine Kindheit in der Zwischenkriegszeit?

Ivo Fischer: In den goldenen 20er-Jahren war alles im Überfluss da, fast wie jetzt. Nur war die Schere zwischen Arm und Reich größer als heute. In Bregenz gab es z.B. das Vorkloster, die Verbindung zur Stadt war der Schutterdamm. Da hat man den Müll abtransportiert und niedergewalzt. Dort, wo jetzt die Sportanlagen stehen, hat es furchtbar nach Müll gestunken – Neu Amerika ist eigentlich eine Müllhalde. Da gab es eine große Dampfsäge, wo man natürlich Arbeiter brauchte. Weil es wenige Wohnungen gab, wurden Baracken gebaut. Dort hat es jeden jede Nacht geknallt, Leute sind erstochen worden und es ging ganz extrem zu. Später hat sich das Vorkloster etwas gemausert. Mich hat die politische Situation interessiert, mein Vater war Heimatwehrführer. Gegen Hitler, für Dollfuß und Schuschnigg. Er hatte immer etwas gegen die Nazis und wurde bedroht, man werde mich entführen. Ich wurde in einem gepanzerten Auto von der Schule abgeholt. Vater hatte rund um die Uhr eine Privatmiliz im Haus.

WANN & WO: Gibt es ein Erlebnis aus der Kindheit, das Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist?

Ivo Fischer: Ich war mit meinem Vater auf der Römerstraße unterwegs, als uns ein Mann entgegen kam. Er zog ein Stilett, zeigte meinem Vater die blanke Klinge und sagte: „Sie haben bestimmt ein paar Schilling in der Tasche. Her damit!“ Vater sagte in aller Ruhe: „Stecken Sie Ihren Zahnstocher weg, ich habe ein Feuerzeug“, zog seine Pistole und hielt sie ihm auf den Bauch. Der steckte das Messer wieder ein und ging an uns vorbei. Es waren sehr unsichere Zeiten. Überall war eine allgemeine Anspannung spürbar.

WANN & WO: Stimmt es, dass Sie mit dem ehemaligen Papst Benedikt, Josef Ratzinger, im Krieg waren?

Ivo Fischer: Ja, wir haben ihn Peppi genannt. Ganz nah war er gegen Ende in der Gefangenschaft. Ich war mit meinen 1,96 Metern immer einer der Längsten. Beim Antreten musste ich deswegen ganz vorne stehen, der kleine Peppi direkt links von mir. Wenn es dann hieß „Rechts um und marsch!“, musste ich immer ganz kleine Schritte machen, damit er auch nachkommt. (lacht)

WANN & WO: Wie war Ihre Begegnung mit Adolf Hitler?

Ivo Fischer: Den musste ich in einer Winternacht am Westbahnhof in Innsbruck bewachen. Heute noch, wenn ich am Westbahnhof vorbeifahre, bin ich gezwungen, zur Remise zu schauen, wo sein Wagen gestanden hatte. Er kam am Morgen heraus und eigentlich wäre es üblich gewesen, dass er sich bei den Bewachern einzeln mit Handschlag für die Nachtwache bedankt. Stattdessen stellte er sich vor jeden mit einem Meter Abstand hin und blickte ihm gezählte fünf Sekunden in die Augen. Wenn es ganz ruhig ist und ich mir diesen Moment in Erinnerung rufe, läuft mir heute noch ein kalter Schauer über den Rücken. Dieser Mann hatte eine ungeheure Ausstrahlung. Ich überlegte, mein Gewehr zu nehmen und ihn zu erschießen, dachte mir aber, so wie der zittert, lebt er eh nicht mehr lange. Da kann ich auch warten, bis er hin ist.

WANN & WO: Wie kam es zur Gründung des Forum Alpbach?

Ivo Fischer: Im Oktober 1945 wurde ich vom Landesausschuss – so hieß der Landtag noch bis Dezember – als Vorarlberger Vertreter beim Institut für Kultur und Wissenschaft in Innsbruck auserkoren. Ich überlegte, was man tun könnte und brachte den Slogan auf: „Wir müssen aufhören, auf einander zu schießen, und lernen, miteinander zu sprechen.“ Der spätere Außenminister Gruber war damals Tiroler Landeshauptmann. Von einer früheren Begegnung während des Krieges kannte ich Frau Dr. Maja Rusch aus Bregenz, die in Innsbruck arbeitete. Sie lud mich zu ihr ein, wo ich Fritz und Otto Molden kennenlernte. Ich dachte mir, dass die beiden als Kosmopoliten geeignet wären, denn sie hatten Kontakte nach Großbritannien. Durch meinen Vater, der drei Monate vor Kriegsende starb, hatte ich noch weitere Verbindungen, etwa in die Schweiz. Er wäre einer der Kandidaten als Vorarl­berger Landeshauptmann gewesen, aber da er mit einer unserer Hausdamen ein uneheliches Kind hatte, wäre das gesellschaftlich wohl nicht mehr möglich gewesen. Wir überlegten, was man tun kann, dass all diese Dinge nicht mehr passieren. Mit Gruber und meinen Bekanntschaften ist das gut gegangen.

WANN & WO: Was machten Sie nach der Gründung des Forums?

Ivo Fischer: Ich war Entnazifizierungskommissar in Bregenz, in Innsbruck habe ich das dann auch gemacht. Dort wurde ich von der Odessa (Organisation der ehemaligen SS-Angehörigen) beschossen. Der erste Schuss pfiff knapp an meinem Kopf vorbei. Ich warf mich auf den Boden, wodurch mich die drei weiteren Schüsse ebenfalls verfehlten, und robbte zum Bahndamm in Sicherheit.

WANN & WO: Wie kam es zur Gründung der Bregenzer Festspiele?

Ivo Fischer: Ich war Initiator und Mitgründer. In Salzburg sagte der Generalmusikdirektor Klemens Kraus während des Krieges zu mir: „Herr Fischer, wie wäre es, wenn wir nach dem Endsieg in allen Deutschen Gauen Festspiele veranstalten würden?“ Er setzte mir diese Idee in den Kopf. Im zweiten Jahr der Festspiele konnte ich ihn als Dirigent nach Bregenz holen. Ich holte ihn am Bahnhof ab und er sagte: „Fischer, das war meine Idee!“ Ich erwiderte: „Ja, aber gemacht hab’s ich!“ (lacht)WANN & WO: Blickt man auf diese Gründungen voller Stolz zurück?

Ivo Fischer: Ich bin nicht stolz, aber froh und dankbar. Ich habe viele interessante Leute kennengelernt, einmal habe ich z.B. mit Erdogan Mittag gegessen. Er meinte, ich solle ihn anrufen, wenn ich etwas brauche. Meine Enkelin wurde später in der Türkei verhaftet, weil sie angeblich als Animateurin ohne Lizenz gearbeitet hat. Ich meldete an, dass ich mit Erdogan sprechen würde, und so kam meine Enkelin rasch wieder frei.

WANN & WO: Wie haben Sie die Nachkriegsjahre in Erinnerung und was sagen sie zur heutigen Politik?

Ivo Fischer: In meiner Tätigkeit als Sekretär bei Bundeskanzler Figl (ÖVP) hatte ich gute Einblicke in die politischen Mechanismen. Damals hat man so regiert, dass die Leute zufrieden waren. Wenn man aber weiß, wie es funktionieren kann, muss man auch mal auf den Tisch hauen. Aktuell hat das die ganze Regierung versäumt und darum bei den Wahlen so mies abgeschlossen. Besonders von „Django“ Mitterlehner, den ich persönlich kenne, habe ich das erwartet. Auch Spindelegger davor hat nichts erreicht. Der hat übrigens die Tochter des Dornbirner Sparkassendirektors geheiratet. Als ich ihn mal getroffen habe, sagte ich ihm: „Ihr kennt euch was die Finanzen angeht überhaupt nicht aus. Ihr macht furchtbare Fehler! Geh zu deinem Schwiegervater nach Dornbirn und lass dich beraten!“ Er hat immer gelächelt im Fernsehen. Das geht doch nicht! Um glaubwürdig zu sein, muss man ernst aussehen. Ich sagte: „Hau mal auf den Tisch, sonst glaubt dir kein Mensch.“ Als er zwei Mal grinsend auf den Tisch geklopft hat, hab ich ihn angerufen und gesagt, er solle das bitte wieder lassen.

WANN & WO: Waren Sie wirklich in den USA an der Entwicklung der ersten Antibabypille beteiligt?

Ivo Fischer: Ja, das war 1956, zusammen mit Dr. Pincus und Dr. Djerassi. Letzterer sagte oft, er sei der Vater der Pille. Ich habe ihn mehrfach darauf hingewiesen, dass er eher die Mutter sei. Der Vater ist Dr. Pincus – ich bin sozusagen der Onkel der Pille. Zwei Jahre später kam ich mit ihr im Gepäck nach Europa. Niemand wusste, dass man das Kinderkriegen einschränken kann – außer durch Gummischutz. Ich musste sie propagieren und hielt viele Vorträge.

WANN & WO: Gab es starken Gegenwind aus der Bevölkerung?

Ivo Fischer: Überhaupt keinen, denn niemand wusste davon. Weder Philosophen noch Theologen haben da­­mals erkannt, wie sich dadurch ein Emanzipationsgedanke manifestieren könnte. Der führende Gynäkologe Prof. Antoine in Wien, rief mich 1964 an. Er habe gehört, dass ich so ein Medikament ausgebe, und wollte wissen, wie das funktioniert. Ich habe ihm gesagt, dass wir damit eine Schwangerschaft imitieren. Er sagte, er habe verstanden, glaubte aber, dass man dieses Medikament nach neun Monaten absetzen müsse – länger dauert ja eine Schwangerschaft nicht. In den Lehrbüchern stand noch 30 Jahre lang, dass man die Pille nur neun Monate nehmen darf.

WANN & WO: Da gab es dann einen weiteren „Papstbesuch“.

Ivo Fischer: 1968 schreib Papst Paul VI. die Enzyklika de Humani Vitae, laut welcher die Pille verboten wurde. Ich habe sie trotzdem weiter ausgegeben, bis ich unter Androhung der päpstlichen Bulle nach Rom zitiert wurde. Das erste Gespräch war unter vier Augen. Ich wollte ihm klar machen, dass diese Enzyklika nicht gut war. Am nächsten Tag war sein Sekretär als Zeuge beim Gespräch dabei und er nannte mir den Grund, wieso er die Enzyklika nicht in anderer Form hätte formulieren können: Es sei nicht möglich, in der gleichen Sprache mit allen Frauen zu sprechen. Damit meinte er, dass es vor allem in Ländern der Dritten Welt eine soziale Absicherung sei, viele Kinder zu haben. Ich verstand das, fuhr nach Hause und bearbeitete in Österreich trotzdem die Bischofskonferenz. Im Vatikan machten sie deshalb wieder ein Theater (lacht).

WANN & WO: Wie haben Sie die Queen zum Lachen gebracht?

Ivo Fischer: Sie hat nur „amused“ die Mundwinkel hochgezogen – lachen darf sie ja nicht. Zu der Einladung zum Lunch kam ich durch die Bekanntschaft mit Dr. John Peel, der Elizabeth II. entbunden hat und mich als sein Gast mitgenommen hat. Am englischen Königshof ist es Sitte, dass sich die Queen am Tisch so verhält, wie die Person, die sich am schlechtesten benimmt. Mit Argusaugen be­­obachtete sie diesen ihr unbekannten Österreicher beim Essen, bis ich sagte: „Majestät, sie müssen sich keine Sorgen machen. Ich weiß, wie man mit Messer und Gabel umgeht.“

WANN & WO: Wie beurteilen Sie die Entwicklung Vorarlbergs?

Ivo Fischer: Gesellschaftlich hat sich Vorarlberg immer etwas zurückhhalternder gegeben. Hier hat Vorarlberg nie Pionierarbeit geleistet, sondern ist immer nur nachgezogen. Das Gute hat sich erhalten und das Moderne hat sich eingefügt. Darüber sprechen, was nicht gut ist, bringt meist nichts. Man muss sich auf jene Dinge besinnen, die gut sind, nicht herumjammern, was alles schlecht ist. Die Vergangenheit braucht keine Richtschnur zu sein, aber sie ist ein Angelpunkt zum Richtigen. Ich blicke nie im Zorn zurück oder wühle im Dreck, der hinter mir liegt. Vorbei ist vorbei. Das Jetzt zählt, aber die Erinnerungen und Erfahrungen, die ich gemacht habe, brauche ich.

WANN & WO: Was gibt es über Ihre Familie zu erzählen?

Ivo Fischer: Meine drei Töchter sind alle Ärztinnen geworden. Die Älteste wurde in Amerika geboren, denn so hätte sie jederzeit wieder in die USA gehen und ihre Eltern mitnehmen können. Darum haben wir geplant, dass sie dort zur Welt gebracht wird, falls die Visa aus Europa gesperrt würden und wir fliehen müssten.

WANN & WO: Was machen Sie, wenn Sie 100 Jahre alt sind?

Ivo Fischer: Ich werde weiter so arbeiten, wie bisher. Werde versuchen, am Computer zu sein und an den neuen Entwicklungen teilzunehmen. Außerdem werde ich natürlich weiterhin versuchen, zu verhindern, dass wir auf einander schießen, anstatt miteinander zu sprechen.

Wordrap

Sexualität: Menschenrecht

Religion: Glaubensfrage

Politik: Das Mögliche machbar machen.

Europa: Eine dringende Einheit, die Bestand haben soll.

Vorarlberg: Ein Land, das sehr viel zur Entwicklung beigetragen hat, wirtschaftlich, industriell und auch im menschlichen Bereich.

Flucht: Unterscheiden, warum jemand flüchtet, wovor er flüchtet und versuchen, die Ursache eventuell zu verändern.

Alpbach: Eine sehr positive Institution, weil dort viele junge Menschen hinaufkommen können und erfahren, dass man Gedanken braucht, um im Leben weiterzukommen.

Bundespräsident: Zur Regierung eines Staates wie Österreich dringend notwendig ist der Bundespräsident nicht.

Zukunft: Positiv sehen und alles vermeiden, was Ängste hervorruft. Schauen, dass man die Menschen, die mit einem leben, auch gut in diese Zukunft hinein können. Hilfreich sein, wenn Not ist und fördern, wenn es sinnvoll ist.

Zur Person

Medizinalrat Univ.-Prof. Dr. Ivo Frithjof Fischer

Jahrgang, Wohnort: 1927, Bregenz

Beruf/Ausbildung: Gynäkologe/Uni Innsbruck, Wien, Pittsburgh, Yale, Harvard

Sonstiges: Gründer Forum Alpbach, Gründer Bregenzer Festspiele, Gründer StV Augia Brigantina Mehrerau, Mitentwickler der Antibabypille, Sekretär von
Bundeskanzler Figl, 35 Jahre lang Leiter Sanatorium Mehrerau

 

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