Bestehendes ökologisieren!

Wie das geht, soll der „Bodenlehrgang“ des Klimabündnisses vermitteln.

Der sogenannte „Bodenlehrgang“ des Klimabündnisses Österreich, der heuer erstmals in Vorarlberg in zwei zweitägigen Blöcken – 31. Mai in Hohenems, 13. Juni in Mäder – abgehalten wird, richtet sich an Gemeindevertreter(innen), Bürgermeister(innen), Gemeinderäte/­Gemeinderätinnen und Leute aus der Kommunalverwaltung.   Auch interessierte Bürger(innen) sind willkommen. Mit der Leitung ist Univ.-Prof. DI Dr. Gerlind Weber betraut, die „die Reise in die Wunderwelt des Bodens“ im Interview erläutert.

Was soll der Lehrgang „Kommunale Raumplanungs- und Bodenbeauftragte“ bewirken?

Unsere Bundesverfassung ermächtigt und verpflichtet die Gemeinden Österreichs zur „örtlichen Raumplanung“, eine Aufgabe, die in Selbstverwaltung, also frei von staatlichen Weisungen zu erledigen ist. Es geht darum, Gemeindegebiet vorausschauend zu gestalten. Was in der Praxis bedeutet, ausgehend vom Bestand Freiräume zu sichern und Siedlungsteile sowie Leitungs- und Verkehrswege planend zu einem Ganzen zu fügen. Das löst mitunter enorme ökonomische Verpflichtungen, Eingriffe in den Naturhaushalt und sozialräumliche Folgen aus, die einmal realisiert, auch langfristig nur mehr schwer korrigierbar sind. Der Lehrgang „Kommunale Raumplanungs- und Bodenbeauftragte“ soll Wissenslücken schließen.

Auf welche Inhalte geht beispielsweise der „Bodenlehrgang“ ein?

Bodenschutz wird hier sowohl in quantitativer als auch qualitativer Sicht verstanden. Das heißt zum einen aus Sicht der Raumplanung, den unbebauten Boden möglichst weitgehend vor Versiegelung durch Hoch- und Tiefbauten zu schonen. Zum anderen heißt das aus Sicht der Bodenkunde, die dünne, sehr verletzliche Bodenschicht auch vor Qualitätsverlusten etwa durch unsachgemäße Bewirtschaftung oder Erosion zu schützen. So trägt beispielsweise eine Vortrags- und Diskussionseinheit den Titel „Der Werkzeugkasten für eine erfolgreiche Bodenpolitik in der Kommune“ und eine andere „Eine Reise in die Wunderwelt des Bodens“.

Zudem werden die Lehr­gangsteilnehmer(innen) dazu angeregt, eine bodenrelevante Herausforderung in ihrer Gemeinde zu identifizieren und dafür Lösungen zu erarbeiten, also das Erlernte anzuwenden und
zu präsentieren. Zukunftsweisende Bodenschutzbeispiele werden in Hohenems und Mäder besichtigt. Zum Abschluss gibt es die Verleihung einer Urkunde.

Welche Herausforderung ist aktuell Ihrer Meinung nach die vordringlichste in der ­Bodenpolitik?

Die vordringlichste Herausforderung ist, die Einsicht bei den Menschen zu verankern, dass die Klimaschutzziele ohne rigorosen Bodenschutz nicht erreichbar sein werden. Mit dem Bauen im Außenbereich werden einerseits immer mehr klimaschädigende Emissionsquellen geschaffen und anderseits der Boden als potenzielle Treibhausgassenke verringert. Diese Schere geht derzeit immer mehr auf, statt sich zu schließen. Daher der eindringliche Appell an die Gemeinden, ihre Entwicklungsstrategie von der gepflogenen Außenentwicklung zur Innenentwicklung zu ändern. Das heißt, schon Bestehendes effizienter zu nützen wie durch die Schließung von Baulücken oder durch verträgliche Verdichtung mittels An-, Um- oder Zubau. Aber auch organisatorische Verbesserungen sind gefragt wie das Anlegen eines Leerstandskatasters oder einer Immobilientauschbörse.

Worin liegen Ihrer Meinung nach die Ur­sachen dafür, dass trotz des Aufeinandertreffens zahlreicher Krisen, wir dennoch mit einem ausgeprägten Bauboom konfrontiert sind und in vielen Regionen Österreichs die Immobilienpreise „durch die Decke gehen“?

Es ist kein Geheimnis, dass die Null- bzw. Niedrigzins­politik im Bankwesen, die Volatilität der Börsen, die Inflation und weitere Erschütterungen wie die Covid-19-Pandemie oder Kriege die Flucht ins Betongold anheizen. Diese Bauwut von meist institutionellen Anlegern zielen auf die ihrer Meinung nach guten Ertragslagen ab wie etwa in Vorarlberg das Rheintal und den Walgau, aber auch auf die Tourismusregionen. Es steht dabei das Bestreben im Vordergrund, die auf dem Papier existierenden Gelder in Krisenzeiten in reale Sachwerte zu überführen.

Das ergibt letztlich immer mehr Beton, für immer weniger Leute, die sich diese Immobilien überhaupt leisten können, weder zum Kauf noch zur Miete. Da sie primär der Sicherstellung dienen, spielt es aber keine entscheidende Rolle, ob sie genützt werden oder nicht. Denn auch im Leerstand arbeitet ohnehin das Geld rund um die Uhr im Dienst der Absicherung oder gar der Mehrung des Vermögens.

Was erwarten Sie sich persönlich vom Lehrgang?

Ich erhoffe mir, dass es gelingt, das Bewusstsein bei den Teil­nehmenden dahingehend zu stärken, dass unsere gegenwärtige bodenrelevante Herausforderung nicht in einem Mehr an Siedlung und Straßenzügen liegt, sondern darin, das bereits Bestehende in eine zukunftsverträglichere Art des Lebens aller, also neben dem der Menschen, auch das der Pflanzen und Tiere zu führen. Und dass sie es als ihre Aufgabe erkennen, auch in den Kommunen die Ideen und Investitionen in diese Transformation zu lenken.

Denn die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos!

Infos/Anmeldung: www.bodenbuendnis.or.at/bodenlehrgang

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