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Beslan: Gedenken an Geiseldrama

Mit einer bewegenden Gedenkfeier haben tausende Menschen in Beslan an das blutige Ende der Geiselnahme in einer Schule der nordossetischen Stadt vor einem Jahr erinnert.

Gut 2000 Überlebende und Angehörige von Opfern versammelten sich am Samstag in den Ruinen der Schule Nummer Eins zu einer Schweigeminute. 331 weiße Luftballons stiegen in Gedenken an die Getöteten in den Himmel. Auch in anderen Teilen Russlands gab es Schweigeminuten und Gottesdienste. Präsident Wladimir Putin kündigte an, die russische Staatsanwaltschaft werde der von Hinterbliebenen beklagten mangelnden Aufklärung des Geiseldramas nachgehen.

Die Schweigeminute in Beslan wurde um 13.05 Uhr Ortszeit eingehalten, genau zu dem Zeitpunkt, wann die russischen Truppen vor einem Jahr nach einer Explosion mit der Stürmung der von Geiselnehmern besetzten Schule begonnen hatten. In den Ruinen des Gebäudes waren mehr als 2000 Menschen versammelt. In das stille Gedenken hinein klang immer wieder das Schluchzen und Klagen Hinterbliebener. In der zerstörten Turnhalle mit Fotos der Opfer legten Trauernde Blumen nieder. Viele von ihnen trugen Kerzen.

Den Boden in der Mitte der Sporthalle, in der die Geiseln zusammengepfercht worden waren, bedeckte ein breiter Teppich aus roten Nelken. „Das ist der Weg, auf dem die Terroristen hin- und hergelaufen sind“, sagte Swetlana Psogojewa, die ihre Enkelin verlor. „Wir haben ihn mit Blumen bedeckt, damit ihn niemand betreten kann. Unsere Kinder werden uns vom Himmel aus zusehen und ich bin sicher, es würde sie ängstigen, wenn jemand hier entlang ginge.“

Im Anschluss begaben sich rund 4000 Menschen, unter ihnen zahlreiche Bewohner von Beslan, zu dem Friedhof, auf dem viele der Opfer beigesetzt sind. Dort wurden in strömendem Regen die Namen der Getöteten verlesen. Anschließend wurde eine neun Meter hohe Bronzeskulptur zum Gedenken an die Getöteten enthüllt. Die Skulptur zeigt einen aus den Körpern von vier trauernden Müttern gebildeten Baum, der anstelle von Blättern Engeln an seinen Ästen trägt. „Vor einem Jahr hat es auch geregnet. Es ist ein Zeichen, dass Gott heute mit uns weint“, sagte Viktor Essjew, der vor einem Jahr seinen Sohn verlor.

Bei der Gedenkfeier verloren einige verzweifelte Frauen das Bewusstsein, wie das russische Fernsehen berichtete. Zahlreiche Mütter hatten die vergangenen Nächte in der Schulruine ausgeharrt. Sie nahmen drei Tage lang keine Nahrung zu sich, genauso lang wie ihre Kinder bei der Geiselnahme vom 1. bis 3. September 2004. Aus den Reihen der versammelten Angehörigen wurde erneut Kritik am Vorgehen der Sicherheitsbehörden gegen die überwiegend tschetschenischen Terroristen laut. Bis heute fehlt ein offizieller Untersuchungsbericht.

Das Geiseldrama, das am 1. September 2004 begonnen hatte, war am 3. September mit einem Einsatz der Sicherheitskräfte zu Ende gegangen. Von den rund 1100 Schülern, Eltern und Lehrern, die sich ursprünglich in der Gewalt der Geiselnehmer befunden hatten, kamen 319 ums Leben. Außerdem wurden zwölf Sicherheitskräfte und 31 der 32 Geiselnehmer getötet.

In der ganzen Provinz Nordossetien gedachten Menschen in einer Schweigeminute, der öffentliche Verkehr wurde unterbrochen. In der russischen Hafenstadt Wladiwostok ließen Demonstranten weiße Luftballons in den Himmel steigen. Im ganzen Land wurden Gottesdienste abgehalten.

Während eines im Fernsehen übertragenen Treffens mit Ministern hielt auch Präsident Putin einen Moment des stillen Gedenkens ein. Die Staatsanwaltschaft solle eine „zusätzliche vollständige Überprüfung aller Aspekte der gesamten Informationen“ vornehmen, die in der Sache vorlägen, zitierte ihn die Nachrichtenagentur Interfax. Dazu sollten Sonderermittler nach Beslan entsandt werden. Am Vortag hatte Putin vier Müttern getöteter Kinder eine eingehende Untersuchung des Massakers zugesagt. Das Komitee, zu dem die Frauen gehören, wirft den russischen Behörden seit Monaten schwere Fehler bei der Befreiung der Geiseln vor.

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