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Beim Mordprozess gegen jungen Wiener Polizisten: Die ungeklärte Frage nach dem Warum

Beim Prozess in Wien
Beim Prozess in Wien ©APA
Am Donnerstag stand in Wien ein 24-jähriger Polizist vor Gericht, der seine schwangere Lebensgefährtin und sein Kind getötet haben soll. Enormes Publikumsinteresse begleitete die Verhandlung im Wiener Straflandesgericht, bei der die Frage nach dem Hintergrund der Tat letztlich nicht geklärt werden konnte. VIENNA.at war für Sie vor Ort.
Beim Mordprozess
Mordprozess steht bevor
Kollegen griffen spät ein
Anklage wegen Doppelmords
Einvernahme des Polizisten
Frau erschossen, Sohn erwürgt
U-Haft verhängt - Suizidgefahr
Fundort der Leichen
Mordverdacht: Polizist verhaftet
Polizei überprüft Hinweise
Schwangere und Sohn abgängig

Der Angeklagte Daniel L., der die Tat seit längerem geplant haben dürfte, soll Anfang Oktober 2016 seine Freundin Claudia K. erschossen und tags darauf seinen 22 Monate alten Sohn erwürgt haben. Dem Mann drohen zehn bis 20 Jahre oder lebenslange Haft.

Riesiges Publikumsinteresse beim Prozess in Wien

Der Große Schwurgerichtssaal war Donnerstagfrüh vor Beginn des Prozesses um 9:15 Uhr brechend voll – da niemand in dem Verhalndlungsaal stehen durfte, musste sogar die Zuschauergalerie für das Publikum geöffnet werden. Nicht alle fanden zunächst einen Platz, sodass der Prozess erst mit ein wenig Verspätung gestartet werden konnte bis der Vorsitzende des Schwurgerichts, Richter Stefan Apostol, den Ablauf erklärte. Der vor den Geschehnissen der Anklage unbescholtene 24-jährige Angeklagte wurde mit gesenktem Haupt in den Saal geführt. Er bekannte sich schuldig und brach im Zuge seiner Anhörung immer wieder in Tränen aus.

“Wollte die Beziehung unbedingt retten”

“Ich wollte die Beziehung unbedingt retten”, sagte er schluchzend. Staatsanwältin Karina Fehringer legte dem jungen Mann zweifachen Mord und das Verbrechen des Schwangerschaftsabbruches ohne Einwilligung der Schwangeren zur Last. “Unbegreifliche Taten”, wie sie ausführte. Rein rechtlich sei der Tod des ungeborenen Kindes – das Opfer war im fünften Monat schwanger – nicht als “dritter Mord zu sehen”, sagte Fehringer.

Das Paar lernte sich im Jänner 2014 über ein Dating-Portal kennen, traf sich im März zum ersten Mal auch persönlich und ging eine Beziehung ein. Bereits im April wurde die 25-jährige Frau schwanger und das Paar zog nach Wien, wo Daniel L. seine Tätigkeit als Polizist aufnahm. Als der 24-Jährige im Oktober 2015 in den Polizeidienst übernommen wurde und in seiner Arbeit aufging, fehlte dem jungen Mann zunehmend Zeit für seine kleine Familie. Die gebürtige Kärntnerin konnte sich nach dem Umzug nach Wien nur schwer einleben, sie wollte mehr Aufmerksamkeit von ihrem Lebensgefährten, der dieses Verhalten zunehmend als “lästig” empfand, sagte die Anklägerin. Dennoch kam er dem Wunsch der Frau nach einem zweiten Kind nach, auch wenn der Angeklagte zunächst – wie sich heraussstellte, wahrheitswidrig – behauptete, dass seine Lebensgefährtin ohne sein Wissen die Verhütung mittels Dreimonatsspritze abgesetzt habe. Claudia K. wurde erneut schwanger.

Affäre mit anderer Frau begonnen

Als die Frau im Sommer 2016 den Führerschein in ihrer Kärntner Heimat machen wollte, zog sie samt Kind für sieben Wochen zu ihren Eltern. Nur einen Tag nach ihrer Abreise suchte Daniel L. bereits auf dem Dating-Portal badoo nach anderen Frauen, führte Fehringer aus. Eine junge Frau namens Anna-Maria, die sich als “Single mit Kind” präsentierte, fiel dem 24-Jährigen gleich ins Auge. Er ließ die Frau im Glauben, dass er ein junger Single-Vater mit Kind sei und mit seiner in Kärnten lebenden “Ex” einen Sohn habe. Er teilte Anna-Maria mit, er hätte sich aufgrund der “grundlosen Eifersucht” seiner Ex-Freundin getrennt. Dass diese nicht grundlos war, ging aus dem weiteren Prozessverlauf klar hervor. Aus dem harmlosen Flirt mit Anna-Maria, der sich über den Messenger-Dienst WhatsApp zügig intensivierte, wurde rasch eine Affäre, die Daniel L. unter Zuhilfenahme eines zweiten Handys am Laufen hielt, mittels dessen er mit seiner Geliebten rege kommunizierte. Generell spielten WhatsApp-Protokolle, die beim Prozess in zwei dicken, rund 11.000 Nachrichten umfassenden Heftordnern omnipräsent waren und wiederholt auszugsweise verlesen wurden, eine große Rolle.

Dass der Polizist mit seiner Geliebten in ständigem Kontakt war, bekam mit der Zeit auch Claudia K. mit. Der 24-Jährige beruhigte seine Lebensgefährtin jedoch damit, dass es sich bei der Frau lediglich um eine Arbeitskollegin handle. Claudia K. ließ nicht locker und es kam immer wieder wegen Eifersucht nach Angaben des Angeklagten zu heftigen Auseinandersetzungen. Dennoch führte der 24-Jährige sein Doppelleben weiter, wobei seine Situation aufgrund der Lügen immer schwieriger wurde. “Anna war immer wieder Thema in der Beziehung”, sagte die Staatsanwältin. “Alter, die verhaut mir mein Leben”, schrieb er laut Staatsanwältin etwa an seine Geliebte.

Doppelleben führte zu Mordgedanken

Im September 2016 soll er laut Anklage zum ersten Mal darüber nachgedacht haben, seine schwangere Freundin zu töten. Über das Handy googelte er Begriffe wie “Genick brechen”, führte die Staatsanwältin aus. Den ersten Tötungsversuch hat er der Anklägerin zufolge am 26. September 2016 unternommen, indem er den Hals seiner Freundin packte und von hinten würgte, als sich die Familie für einen Ausflug auf den Kinderspielplatz fertig machte. Claudia K. konnte sich befreien, der 24-Jährige versicherte, ein Blackout gehabt zu haben. “Ich liebe dich über alles, mein Schatz. Es tut mir unendlich leid, was da passiert ist ich hab selber Angst vor mir!”, schrieb er laut Anklage in einer SMS.

Nur vier Tage nach der Attacke kaufte er im Zuge dessen, dass er Blumen “für zuhause” besorgen wollte, bei einem Baumarkt eine Axt und Müllsäcke, die laut Anklage zur Entsorgung der Leiche dienen sollten, und versteckte sie unter dem Bett. Seiner Lebensgefährtin teilte er mit, dass er “eine Überraschung” für sie habe, so die Staatsanwältin. Claudia K. entdeckte die Sachen, der Angeklagte stellte sich jedoch auf Nachfragen dumm; er wisse nicht, was er gekauft habe. Die Frau gab alles im Baumarkt zurück.

Google-Suchbegriffe belasteten den Polizisten

Anfang Oktober wurden seine Tötungsabsichten laut Anklage immer konkreter. Als Tatwaffe sollte seine Dienstwaffe herhalten, was seine Google-Suche nach “Schuss mit Kissen dämpfen”, “Kopfschuss” oder u.a. “Hinrichtung durch Kopfschuss – was für ein Schadensbild” zeigte. Dafür holte er seine Glock aus der Dienststelle und versteckte sie in der Wohnung. “Der Plan stand fest”, hielt Staatsanwältin Fehringer fest.

Am 2. Oktober 2016 “fasste der Angeklagte den Entschluss, das Ganze nun zu Ende zu bringen”, heißt es in der Anklage. Nach einem neuerlichen Streit zog sich Claudia K. weinend ins Schlafzimmer zurück. Der Angeklagte folgte ihr, holte aus dem Schlafzimmerkasten die Waffe und schoss der Frau aus kurzer Entfernung in den Kopf. “Claudia war sofort tot”, sagte die Anklägerin. Die Leiche legte er in die Badewanne. Um keinen Verdacht zu erwecken, schrieb er der Mutter seines Opfers vom Handy Claudias aus eine SMS, da die beiden intensiven Kontakt pflegten.

“Es hat länger gedauert wegen der Claudia”

Zeitgleich vereinbarte er mit seiner Geliebten, deren Kindern und seinem Sohn ein Treffen auf einem Indoor-Spielplatz, dem “Family Fun Park” in der Donaustadt. “Es hat länger gedauert wegen der Claudia”, schrieb er Anna-Maria als Entschuldigung für die Verspätung. Bei seiner Rückkehr am Abend beseitigte er die Blutspuren in der Wohnung. Am nächsten Tag beantragte er Pflegeurlaub und erwürgte laut Anklage sein Kind, nachdem er ihm Frühstück gemacht hatte. Mit dem Begriff “Wie kann man eine Leiche entsorgen”, suchte der 24-Jährige dazu im Internet. Beide Leichen versteckte er vorerst im Keller.

Da sich Claudia K. nicht mehr bei ihrer Familie meldete, waren ihre Mutter und ihre Freundin zunehmend besorgt. Am 4. Oktober 2016 machte der Angeklagte eine Vermisstenanzeige. Da den Angehörigen das komisch vorkam, alarmierte die Mutter der schwangeren Frau zwei Tage später die Polizei. Trotz im Stiegenhaus und im Aufzug entdeckter Blutspuren wurden die Beamten zunächst nicht tätig, sodass der 24-Jährige genügend Zeit hatte, um die Leichen von Wien in seine steirische Heimat nach Trofaiach zu bringen und dort zu verstecken. Als ihm die Kollegen vom Landeskriminalamt Wien dann doch auf die Schliche kamen, ihn in der Steiermark verhören wollten, gestand er, seine Freundin und sein Kind getötet zu haben, und führte die Polizisten zu den Leichen bei einem Erdwall.

Verteidigung: “So sieht kein geplantes Verbrechen aus”

Für Verteidigerin Iris Augendoppler seien die Taten keineswegs geplant gewesen. Dass er offen im Internet nach Tötungsformen gesucht habe und etwa auch die Leichen am helllichten Tag in den Keller brachte, “lassen den Schluss zu, das so ein geplantes Verbrechen nicht auszusehen hat”, sagte die Anwältin. Er habe Gedanken dazu wieder verworfen, weil er dazu “nicht fähig” gewesen sei. Als Polizist habe er gewusst, wie Ermittlungen aussehen, auch dass seine Handydaten und Google-Suchbegriffe letztlich ausgewertet würden.

Man müsse einen Unterschied machen, “ob es sich um einen eiskalten Killer handelt” oder ob seine Partnerin ihn dazu “getrieben” habe, meinte Augendoppler. Er habe immer alles richtig machen wollen, sei introvertiert und unauffällig gewesen, habe funktionieren wollen.

Daniel L. habe die Versorgerrolle schon in einem sehr frühen Alter von 20 Jahren übernehmen müssen, obwohl er sich dazu nicht bereit fühlte, diese Rolle nahm er ernst, habe sich nie gedrückt, musste erst hineinwachsen. “So wurde er an seine Grenzen gebracht”, beschrieb sie die ständigen Streitereien zwischen dem Paar. “Unserem Mandanten hat es den Boden unter den Füßen weggezogen und den hat er nicht wiedererlangt. Und da er hat sich zu der Tat hinreißen lassen”, erklärte die Verteidigerin.

“Ein Alptraum, der ihn sein ganzes Leben verfolgen wird”

“Jetzt ist es wie für die Opferfamilie und auch für unseren Mandanten ein Alptraum, der ihn sein ganzes Leben verfolgen wird”, sagte Augendoppler. Die Taten würde dies nicht entschuldigen, es biete jedoch einen “gewissen Erklärungsansatz”. Die Familie der 25-Jährigen schloss sich dem Verfahren als Privatbeteiligte an. Die Eltern, die unter einer posttraumatischen Belastungsstörung leiden würden, schlossen sich mit je 50.000 Euro und zusätzlich mit einem Schadenersatz von 11.280 Euro für die Begräbniskosten an. Die Schwester von Claudia K., die eine enge Beziehung hatten, plädierte einen Trauerschaden von 40.000 Euro.

Aussage des Polizisten: Claudia “war fixiert auf mich”

“Sie war fixiert auf mich”, sagte der Angeklagte zum Vorsitzenden des Schwurgerichts, Richter Stefan Apostol. Gefühle für Claudia habe er nur am Anfang gehabt, sie hätten sich relativ gut verstanden am Anfang. “Aber das hat sich schnell relativiert, weil ich gemerkt hab’, das passt einfach nicht”. Bereits nach zwei Wochen sei das Kind unterwegs gewesen. “Ich wollte, dass es funktioniert.” Warum er seine erneut schwangere Freundin und den 22 Monate alten Sohn getötet hat, “ist für mich unverständlich, nicht erklärbar”, schluchzte Daniel L. Sein Sohn habe ihm alles bedeutet: “Ich habe mich sofort in Noah verliebt, als er auf der Welt war.”

Auf die Frage der beisitzenden Richterin Christina Salzborn, warum er nicht einfach gegangen ist, anstatt die schwangere Freundin und seinen Sohn zu töten, meinte der Angeklagte, “ich weiß es nicht”. “Es ist doch einfacher zu gehen, als jemanden zu erschießen?”, fragte Salzborn. “Das frag’ ich mich jeden Tag, warum ich nicht gegangen bin”, sagte Daniel L. leise. “Ich weiß, es ist unmenschlich und verabscheuenswürdig. Ich hasse mich dafür jeden Tag, ich kann’s mir nicht erklären”, fügte er an anderer Stelle an.

“Wollte keine perfekte, aber normale Familie”

“Ich wollte keine perfekte, aber eine normale Familie haben und für mein Kind da sein. Ich habe selber meinen Vater verloren. Deswegen habe ich nicht aufgegeben und es immer wieder probiert”, meinte der 24-Jährige zuvor. Im Sommer 2016 war Claudia für die Führerscheinausbildung vorübergehend mit dem gemeinsamen Sohn Noah nach Kärnten zu den Eltern gezogen. Bereits einen Tag später lernte der Polizist auf einem Datingportal eine andere Frau kennen und begann mit ihr eine Affäre.

“Für mich waren keine Gefühle im Spiel”, die Affäre habe sich ergeben, vielmehr sei es ihm ums Abschalten gegangen, “meine Probleme waren für kurze Zeit weg”. Nach knapp zwei Monaten kam das spätere Opfer wieder zurück nach Wien. Ab September gab es gehäuft Streitereien, dennoch führte er sein Doppelleben weiter. Noch im September googelte er erstmals “Genick brechen”. “Ich war todunglücklich und überfordert mit der Situation”, sagte er am Donnerstag vor Gericht. Er habe lediglich gedankenverloren etwas im Internet eingegeben, dachte sich, “alles ist besser als das, was ich jetzt habe”.

Claudia K. wurde gewürgt

Wenige Tage, nachdem die Frau in der gemeinsamen Wohnung ein Foto seiner Affäre in der Küche fand, soll sie der Steirer laut Anklage gewürgt haben. Gegenüber dem Richter gab er nun an, sich nicht daran erinnern zu können. Ende September kaufte er in einem Baumarkt eine Axt und 240-Liter-Müllsäcke, die er im Schlafzimmer deponierte. Auf Nachfrage des Richters gab er zu, dabei den Gedanken gehabt zu haben, seine Freundin zu töten. “Ich hab irgendeinen Ausweg gesucht, ich war sehr verzweifelt.” Die Frau fand die Sachen unter dem Bett und gab sie im Baumarkt zurück.

Anfang Oktober wurden die Tötungsabsichten des Angeklagten immer konkreter. Als Waffe sollte seine Dienstwaffe herhalten, was seine Google-Suche nach “Schuss mit Kissen dämpfen”, “Kopfschuss” oder u.a. “Hinrichtung durch Kopfschuss – was für ein Schadensbild” vom 1. Oktober zeigte. “Ich war emotional aufgewühlt”, sagte er zum Richter. Er sei in einem negativen emotionalen Strudel gewesen, habe nicht herausgefunden. Noch am Abend holte er seine geladene Glock aus der Dienststelle und versteckte sie in der Wohnung.

“Dann war das ganze Bett voller Blut”

Am 2. Oktober, Daniel L. hatte frei, gab es einen neuerlichen Streit mit Claudia. “Es hat mich so verletzt, wenn sie gesagt hat, du bist so ein schlechter Vater”, sagte der Angeklagte. “An dem Tag ist alles zusammengekommen, Claudia hat keine Ruhe gegeben, wollte mich nicht gehen lassen.” Sie habe seine Familie beschimpft und beanstandet, dass er ihr kein Geld gebe. Laut seinen Angaben soll ihm die junge Frau Schlüssel und Geldbörse weggenommen haben. Die im fünften Monat Schwangere zog sich schließlich weinend ins Schlafzimmer zurück. “Weil ich nicht mehr aus und ein wusste”, habe er schließlich zur Pistole gegriffen. Claudia L. lag auf dem Bett, “die Waffe habe ich an den Hinterkopf gehalten, die Augen zugemacht und den Abzug getätigt”, schilderte der Angeklagte. “Dann war das ganze Bett voller Blut, ich war komplett fertig, habe nimmer gewusst, was soll ich jetzt machen.”

Während der Tat habe der kleine Noah im Wohnzimmer sein “Mittagsschläfchen gehalten”. Nach dem Kopfschuss band er der Frau noch einen Gürtel um den Hals, der am Nachtkästchen gelegen sei, “damit weniger Blut rauskommt”. Er zog die Tote aus, legte sie ins Bad, machte sauber und schrieb seiner Affäre eine SMS, wegen Claudia habe es “länger gedauert”. Noah sei irgendwann munter geworden.

“Ich war in einer Ausnahmesituation”

“Sie sind mit ihrer Geliebten und ihrem Kind auf den Spielplatz gefahren, während Claudia in der Badewanne gelegen ist?”, fragte Apostol. “Ja”, antwortete Daniel L.. Seine Affäre bemerkte überhaupt keine Veränderung. “Ich war in einer Ausnahmesituation, hab mich konzentriert auf den Noah”, rechtfertigte sich der Angeklagte. Bei seiner Rückkehr am Abend überforderte ihn das Geschehene seiner Beschreibung nach. “Mir ist der Kopf explodiert.” Zunächst beseitigte er die Blutspuren in der Wohnung. Am nächsten Tag beantragte er Pflegeurlaub. “Ich hab den Noah versorgt, so wie ich das jeden Tag gemacht habb.” Nachdem er am nächsten Morgen seinem Sohn Frühstück gemacht hatte, erwürgte er das spielende Kind. Wie lange er zugedrückt hatte, wisse er nicht mehr, außerdem habe er “die Augen geschlossen” gehabt, sagte er vor Gericht. “In meiner damaligen Situation hab’ ich gelaubt, das ist das Beste für ihn.”

Beide Leichen versteckte er im Keller. Die Nacht verbrachte er gemeinsam mit seiner Geliebten in der Wohnung, “in der Sie Frau und ihr Kind getötet haben”, konstatierte Apostol. “Ich wollte nicht allein sein”, meinte Daniel L.. Seine Dienstwaffe brachte er in die Polizeiinspektion zurück, dort erstattete er auch die Vermisstenanzeige. Mit den Leichen im Kofferraum fuhr er schließlich zu seiner Mutter in die Steiermark. Als ihm die Kollegen vom Landeskriminalamt Wien auf die Schliche kamen und in die Steiermark fuhren, um ihn zu verhören, gestand er, seine schwangere Freundin und sein Kind getötet zu haben und führte die Polizisten zu den Leichen.

Schwester Claudias: “Es zerreißt einem das Herz”

Sehr gefasst hat die Schwester der getöteten Claudia K. Donnerstagnachmittag ihre Aussage vor dem Geschworenengericht gemacht. Auf die Frage des Vorsitzenden Stefan Apostol, wie es ihr nach dem Tod der 25-Jährigen geht, meinte sie: “Das kann man nicht beschreiben.” Als sie die alten Videos von Claudia und Noah ansieht, sei das “so schön anzuschauen und gleichzeitig zerreißt es einem das Herz”.”Meine Eltern sind nicht mehr dieselben, wie sie früher waren. Das Familienleben ist ganz anders geworden. Wir müssen jetzt als Familie zusammenhalten”, meinte die 34-Jährige, die selbst junge Mutter ist. Sie hätte nie gedacht, dass der 24-Jährige ihrer Schwester etwas antun könnte. Doch habe das Verhalten von Daniel L. nach dem Verschwinden ihrer Schwester und ihres Neffen nicht zum “Verhalten eines liebenden Vaters” gepasst. Er hatte sich nicht bei der Familie des Opfers gemeldet oder beim Suchen geholfen.

“Warum hat er sich nicht einfach getrennt”

“Die Medien haben ein provokatives und gefärbtes Bild meiner Schwester gezeichnet. Es ist mir wichtig zu zeigen, wer sie war”, sagte die 34-Jährige. “Wenn meine Schwester herumkommandiert hat, dann war das verbunden mit einem ‘Bitte'”, meinte sie. “Das heißt, sie war die Dominante und er der Ruhige”, fragte Richter Apostol. “Ja, auf jeden Fall”, sagte die Zeugin.

Es sei ihr wichtig, dass Daniel eine Strafe dafür bekomme. Da brach die Schwester in Tränen aus. “Warum hat er sich nicht einfach getrennt”, sagte sie schluchzend. “Und jetzt sitzt er da, so emotionslos”, meinte sie und blickte zum Angeklagten, der seinen Kopf gesenkt hielt. “Er sagt, dass er den Noah geliebt hat, aber so was macht ein Vater nicht.”

“Daniel war für Claudia die große Liebe”

Zu Wort kam auch eine Freundin des Opfers, die die 25-Jährige im Zuge ihrer Führerscheinausbildung in Kärnten kennengelernt hat. “Daniel war für Claudia die große Liebe und sie war sehr stolz auf ihren Daniel”, sagte die Fahrlehrerin. Die 25-Jährige sei für den jungen Polizisten nach Wien gegangen. “Sie war eine liebevolle Mama und war aufopferungsvoll für den Kleinen da.”

Die beisitzende Richterin Christina Salzborn fragte die Zeugin allerdings, wie dieses Bild des Opfers mit den im Akt befindlichen Angaben zu vereinen sind. Demnach sei die 25-Jährige als Kind schwierig gewesen, hätte Probleme in der Schule gehabt, sodass das Jugendamt eingegriffen habe und sie in ein Krisenzentrum gebracht wurde. Nach Angaben der Mutter des Opfers hätte Claudia auch immer wieder Probleme mit ihren Lebensgefährten gehabt. “Unkompliziert klingt anders”, so Salzborn. Dazu könne sie nichts sagen, meinte die Zeugin. Sie habe Claudia als aufmerksame Freundin erlebt, mit der sie täglich in Kontakt war.

Am Tag vor ihrem Tod hatten sich die beiden noch über den Nachrichtendienst Whatsapp unterhalten. Am 2. Oktober sei die Fahrlehrerin allerdings erst am Abend zum Schreiben gekommen. “Da kam sofort ein ‘Gute Nacht’ zurück”, erzählte sie. Zu diesem Zeitpunkt war die 25-Jährige längst tot.

Expertise des Gerichtsmediziners zum Mordfall

Der Gerichtsmediziner Nikolaus Klupp führte in seiner Expertise aus, dass Claudia K. durch einen gezielten Kopfdurchschuss gestorben sei. Der Schuss sei rechtsseitig oberhalb des Ohrknorpels eingedrungen und im linken Scheitel wieder ausgetreten. Die 25-Jährige hatte keine Verletzungen an den Händen, die auf Abwehrspuren deuten würden. Bei der Obduktion der Schwangeren zeigte sich eine “männliche Leibesfrucht”, ein völlig gesunder Bub, sagte Klupp. Bei dem 22 Monate alten Sohn des Angeklagten, der von ihm am Tag darauf getöte wurde, zeigten sich deutliche Würgemale. Auf die Frage von Richter Apostol, ob das Kind lange leiden musste, meinte der Gerichtsmediziner, dass mit massiver Kraft zugedrückt wurde, sodass es zu keinem Einflussstau kam. Das Kind war in wenigen Minuten tot.

Die Frage nach dem Warum

Der psychiatrische Gerichtssachverständige Karl Dantendorfer stellte beim Angeklagten keine psychische Erkrankung fest. “Eine verminderte Impulskontrollsituation war gegeben, das mag schon sein.” Auf die Frage einer Opferanwältin nach dem Warum, meinte Dantendorfer: “Auch ich kann menschliches Verhalten nicht erklären.”

Am frühen Nachmittag wurde bereits mit den Schlussplädoyers begonnen. Richter Apostol lehnte alle Anträge auf weitere Zeugeneinvernahmen der Staatsanwaltschaft, darunter die Geliebte von Daniel L., ab. Die Anwälte des 24-Jährigen, Iris Augendoppler und Ernst Schillhammer, erkannten das von den Angehörigen verlangte Schmerzengeld an, je 25.000 Euro für die Eltern und 20.000 für die Schwester. Das Geld für die Begräbniskosten wurde zur Gänze anerkannt.

Staatsanwältin forderte Höchststrafe

Im Doppelmordprozess gegen einen 24-jährigen Polizisten haben sich die Geschworenen kurz vor 15.00 Uhr nach den Schlussplädoyers zur Beratung zurückgezogen. Staatsanwältin Karina Fehringer forderte in ihren Ausführungen die Höchststrafe für Doppelmord, lebenslange Haft. Der gebürtige Steirer verfolgte die Schlussplädoyers beinahe reglos auf der Anklagebank.Die Tötung der 25-Jährigen sei “einer Hinrichtung gleichgekommen”, sagte Fehringer. Die Entscheidung, am nächsten Tag seinen 22 Monate alten Sohn zu töten sei allein “sein Wille” gewesen. “Der Angeklagte hat bis zuletzt noch versucht, die Tat insofern zu rechtfertigen, als er ein schlechtes Bild von Claudia versucht hat zu vermitteln”, sagte Fehringer. Mit der Tat habe Daniel L. versucht, “sich seine Freiheit zurückzuholen”. Die Tötung von Claudia K. “ist objektiv nicht nachvollziehbar, noch weniger die Tötung eines 22 Monate alten Kindes”, Noah hätte auch bei den Großeltern weiterleben können, sagte Fehringer.

Berührende Schlussworte Claudia K.s

“Die Frage nach dem Wieso wird in diesem Fall ungeklärt bleiben”, sagte Verteidiger Ernst Schillhammer. Auch der Angeklagte habe sich diese Frage immer wieder gestellt “und kann sie nicht beantworten”. Er forderte die Geschworenen auf, “das rein Emotionale und nicht Sachliche auszublenden” und sowohl Erschwerungs- als auch Milderungsgründe zu berücksichtigen.

Als Schlussworte verlas Fehringer noch die letzte Nachricht der Kärntnerin an den Angeklagten, die sie ihm einen Tag vor der Tat geschickt hat. Es ist eine Liebeserklärung an den Steirer, beginnend mit “mein Schatz, ich liebe dich von ganzen Herzen” bis zu den Schlussworten “Wir schaffen alle Höhen und Tiefen, du bist mein Traummann”.

>>Update: Das Urteil gegen den Wiener Polizisten

(apa/red)

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