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Bahnunglück: "Wir hatten noch viele Pläne"

Lochau - Eine Woche vor dem Prozess sprachen die "VN" mit Hinterbliebenen des Bahnunglücks von Lochau, bei dem am 29. Dezember 2006 drei Menschen sterben mussten.

Es war am 29. Dezember 2006 um 11.30 Uhr, als Waltraud Baldaufs Leben sich für immer änderte. Sie stand gerade in der Küche am Herd, zwei Polizisten kamen die Einfahrt herauf. „German wollte zum Mittagessen heimkommen, ich hab gleich gewusst, ihm ist etwas passiert als ich die Polizisten gesehen habe“, erinnert sich die 51-Jährige.

German Baldauf, Polizist aus Lochau, kam nie mehr heim. Auch nicht Baldaufs Kollegin Herlinde Kempf und der Bestatter Manfred Petschenig. Sie starben auf dem Bahngleis in Lochau, erfasst vom Eurocity auf dem Weg von Lindau nach St. Margrethen. Binnen Sekunden wurden zwei Frauen zu Witwen, vier Kinder zu Halbwaisen, verloren Eltern ihre Tochter.

Seitdem ist viel berichtet worden über den Unfall, den baldigen Strafprozess und die Verantwortlichkeiten. Waltraud Baldauf hat alle Berichte gesammelt. „So arbeite ich die Geschehnisse auf und ich will das auch einmal meinen zukünftigen Enkeln zeigen, wenn ich ihnen über den Opa erzähle“, sagt sie leise. Ihre Tochter Katharina hat im Mai in der Lochauer Kirche geheiratet. „Das Kleid haben wir damals noch mit German gemeinsam ausgesucht.“

28 Jahre verheiratet

Die 51-Jährige wollte zuerst eigentlich nicht öffentlich reden, auch der bevorstehende Prozess in der nächsten Woche wühlt sie wieder auf. „Aber dann hab ich mir gedacht, dass man doch auch die Menschen hinter dem Unglück nicht vergessen darf. Drei Familien haben ihre Liebsten an diesem Tag verloren, es geht ja nicht nur um Paragraphen.“

28 Jahre waren Waltraud und German Baldauf verheiratet, haben alles gemeinsam entschieden, waren stolz auf ihre zwei Kinder Katharina und Matthias, auf ihr schmuckes Häuschen, das sie in Eigenleistung gebaut hatten. Waltraud Baldauf zeigt den Gartenteich, den ihr Mann noch im vergangenen Jahr angelegt hat. „Er hat so gern im Garten gearbeitet, auch fotografieren liebte er über alles. Er hatte immer seine Kamera dabei.“

Kein Hass

Auf einer Kommode hat die 51-Jährige einen kleinen Altar aufgebaut. Portraitsfotos, auf denen ein lachender German zu sehen ist. Daneben Bücher über Trauer und viele Kerzen. „Mein Mann war ein einzigartiger Mensch, er fehlt überall. Wir hatten noch so viel gemeinsam vor.“ Am schlimmsten war, dass man sich nicht habe verabschieden können von dem geliebten Partner.

Für die große Anteilnahme möchte sie sich noch einmal bedanken. „Es haben sich so viele liebe Menschen gemeldet.“ Das und der Zusammenhalt in der Familie haben sie aufgefangen. Eines ist ihr besonders wichtig zu sagen: „Ich habe keinen Hass gegenüber den beiden angeklagten Mitarbeitern der ÖBB, ich bete für sie und ihre Familien. Sie müssen auch leiden.“ Ob sie zum Prozess geht, weiß sie noch nicht. „Das ist keine leichte Entscheidung.“

Trauer bleibt für immer

Auch nicht für die beiden anderen Familien. Die Eltern von Herlinde Kempf werden zum Prozess nach Bregenz kommen, Erika Petschenig nicht: „Das hilft mir nicht bei der Aufarbeitung, ich habe meinen Mann verloren, die Trauer wird für immer bleiben.“ Erika Petschenig führt nach dem Tod ihres Mannes Manfred das Bregenzer Bestattungsunternehmen zusammen mit den Kindern weiter. Der Bruder ihres Mannes, der im Geschäft mitgearbeitet hatte und den Unfall miterlebt hat, kann seinen Beruf nicht mehr ausüben.

Der Tod gehörte zum Leben der Petschenigs, doch dass er so früh auf diese tragische Art in der eigenen Familie zugeschlagen hat, ist schwer zu ertragen. Dennoch will die Unternehmerin weitermachen, die Arbeit hilft ihr bei der Bewältigung der Trauer.

Bei Waltraud Baldauf sind es die nächtlichen Träume, in denen sie mit ihrem German redet. Sie blickt zum Himmel: „Ich weiß, es geht ihm gut dort oben“, sagt sie leise beim Abschied.

Opferanwalt will ÖBB klagen

Der Dornbirner Anwalt Dr. Paul Sutterlüty – er vertritt die Hinterbliebenen – will erreichen, dass die ÖBB wegen des Bahnunfalls von Lochau strafrechtlich belangt werden. „Es gibt seit dem vergangenen Jahr die Möglichkeit, ein Unternehmen strafrechtlich zur Verantwortung zu ziehen, das kommt in der Praxis allerdings kaum zur Anwendung“, so Sutterlüty.

Nur Soforthilfe

Voraussetzung für eine Verurteilung der ÖBB wegen des Bahnunfalls wäre ein Versagen des Unternehmens. Sutterlüty sieht dies im Lochauer Fall gegeben. Zusätzlich kritisiert der Rechtsanwalt das Verhalten der ÖBB in Sachen Haftungsanerkennung. „Die ÖBB haben noch immer nicht die Haftung dem Grunde nach anerkannt, bisher haben die Hinterbliebenen für den Tod ihrer Angehörigen lediglich eine finanzielle Soforthilfe nach dem Unfall bekommen.“

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