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Autor Händl Klaus setzt nach Absagen auf "Zweckpessimismus"

Autor, Librettist und Regisseur Händl Klaus
Autor, Librettist und Regisseur Händl Klaus ©APA/HERBERT NEUBAUER (Archivbild)
Der in der Schweiz lebende Tiroler Händl Klaus (51) ist ein vielseitiger Künstler: Schauspieler, Prosa- und Theaterautor, Librettist (zu Opern u.a. von Georg Friedrich Haas und Beat Furrer) und Filmregisseur ("März", "Kater"). Seit Anfang der Woche ist er geimpft, ansonsten seien die Aussichten nicht allzu rosig, bekennt er im Mail-Interview mit der APA. Nach Wegfall einiger "Herzensprojekte" habe sich "unseliger Zweckpessimismus eingestellt, gegen den wir angehen müssen".

APA: Lieber Händl Klaus, welche Kerbe hat das vergangene Jahr mit Corona in Ihre persönliche und Ihre künstlerische Biografie geschlagen? Wo sind die Verluste stärker spürbar?

Händl: Das geht eigentlich Hand in Hand, weil meine engsten Freunde ja auch meine künstlerischen Partner sind und wir gemeinsam Herzensprojekte verloren haben. Zwar gab es das auch früher, dass uns einmal alles wegbrach, wenn zum Beispiel ein Film nicht gefördert wurde, den wir jahrelang vorbereitet hatten. Inzwischen hat sich aber ein unseliger Zweckpessimismus eingestellt, gegen den wir angehen müssen. Und was mir jetzt wirklich zusetzt, ist dieses ständige Fehlen von körperlicher Nähe, das ist wie ein ziehender Schmerz - ich bin bodenlos ausgekühlt. Mir war vorher nicht bewusst, wie tröstlich es ist, zum Beispiel einfach nur beisammenzustehen mit vertrauten Menschen. Oder auch mit lauter Unbekannten in einer Wohnzimmersituation, im Kaffeehaus. Dafür ist, auf der Habenseite, die Beziehung zu meinen beiden außergewöhnlichen Katern noch symbiotischer geworden. Und ich erlebe die Jahreszeiten viel intensiver. Ein sonniger Tag packt mich heute stärker. Ich bin früher manisch gereist, da gab es gar keinen Sonnentag mehr, die Klimaanlage im Zug hat ihn gleich neutralisiert.

APA: Viele Autoren meinten, an ihrer persönlichen Schreibsituation habe sich in dieser Zeit nicht viel verändert. Schreiben sei quasi ohnedies Lockdown. Wie war das bei Ihnen?

Händl: Zuerst genauso - ich habe mich dafür geschämt, dass mir dieser Stillstand am Anfang sogar geholfen hat. Damals musste ich mit dem letzten Opernlibretto für Georg Friedrich Haas fertig werden, das ausgerechnet vom Verstummen der Außenwelt handelt. Eine Oper, die den Abend lang nur aus den beiden Stimmen eines Liebespaars besteht, ganz ungeschützt, ohne Orchester. "Liebesgesang" heißt sie, eine Frau besucht ihren psychotisch erkrankten Mann, sie begegnen einander in Liebe. Und plötzlich herrschte auch draußen dieser Ausnahmezustand, es war so eigentümlich durchlässig - außen und innen. Dazu gab es damals ein ewiges Hoch, fast drei Wochen lang nur Sonnentage, gleißend, wolkenlos, viel zu früh im Jahr. Es fühlte sich unwirklich an, wie unter einem Brennglas. Fürs Schreiben war das gut. Aber kaum hatte ich den "Liebesgesang" abgeschlossen, kamen wie zur Strafe die Absagen aller Opern- und Theaterpremieren der nächsten beiden Jahre! Die Opernhäuser planen jahrelang vor, so dass es einen Dominoeffekt gab. Nur der "Liebesgesang" war gerettet, weil er von vornherein erst für die Saison 21/22 gedacht war.

APA: Was konkret ist da ausgefallen?

Händl: Es tut mir wahnsinnig leid um Hèctor Parras große Oper "Die Wohlgesinnten", die nach ihrer Uraufführung vor zwei Jahren in Antwerpen in einer neuen Fassung in Nürnberg und Madrid angesetzt war, aber abgesagt wurde. Ich gäbe viel darum, die neu komponierten Passagen zu hören. Das wird nie sein, kein Mensch wagt sich je wieder an dieses Riesenwerk. Aber am schmerzlichsten war die Absage der Ruhrtriennale letztes Jahr, wo ich ein für den slowenischen Komponisten Vito Zuraj entstandenes Chorstück, "Innen/Sisällä", hören wollte. Weil das unsere erste Arbeit war, hätte mir diese Erfahrung viel gegeben für eine gemeinsame Oper, die immer noch für 2023 geplant ist. Denn ich kenne und liebe zwar Vitos Vertonungen der Gedichte von Aleš Šteger, aber wie geht er mit meiner Sprache um? Mit dieser Oper hänge ich überhaupt in der Luft, weil es angesichts der unsicheren Lage noch immer keinen Vertrag mit dem auftraggebenden Haus gibt. Vielleicht hat es auch so kommen sollen, weil ich mich damit endgültig von der Oper verabschieden wollte. Also hat sich's wohl eh erübrigt... da ist er schon wieder, der Zweckpessimismus!

APA: Sie leben ja quasi mit einem Bein in der Schweiz und einem Bein in Österreich. Wie ist die Schweiz mit ihren Künstlern umgegangen, coronahilfenmäßig?

Händl: Es gab ganz am Anfang sofort Ausfallzahlungen durch die einzelnen Kantone, das half sehr vielen. Und die Theater ließen sich allerhand einfallen, zum Beispiel organisierte das "sogar Theater" in Zürich kleine Lesungen am Telefon für sein Stammpublikum, die so gut bezahlt waren wie reguläre Abende - auch das half. Und seit einer Woche dürfen hier die Theater wieder spielen, zwar für nur wenige Leute im Saal, aber doch. Es ist ein vorsichtiges Aufatmen, ein Aufatmenwollen.

APA: Ein Lichtblick im Lockdown war ja die TV-Ausstrahlung der Nestroy-Preis-gekrönten Aufführung Ihres Stückes "Dunkel lockende Welt". Was macht Ihr dramatisches Schaffen?

Händl: Diese Aufzeichnung hat mich so glücklich überrascht wie bereits der Nestroy-Preis, dem sie wahrscheinlich zu verdanken ist! Die Inszenierung ist toll und das Ensemble absolut hinreißend - auch die Fernsehregie hat mich begeistert, das Spiel von Nähe und Distanz auch im Bild, hochmusikalisch geschnitten - und es gab Tantiemen dafür, ein Segen! Momentan schreibe ich auch wieder fürs Sprechtheater, auf eigene Faust - ein Stück, das mir nach mehreren Anläufen hoffentlich endlich gelingt. Es brennt mir jedenfalls unter den Nägeln, seit Jahren.

APA: Und wie sieht es mit weiteren Filmprojekten aus?

Händl: Auch dafür braucht es den langen Atem - zwischen den ersten beiden Filmen lagen acht Jahre... Wenn ich bei diesem Intervall bleibe, habe ich noch drei Jahre! Aber im Ernst, ich bin mit dem Drehbuch bei der neunten Fassung und sehe langsam Licht am Ende des Tunnels. Dann steht natürlich in den Sternen, ob es überhaupt gefördert wird.

APA: Drei Preisfragen zum Abschluss. Werden wir in einem Jahr noch unter Corona leiden?

Händl: Ja, unter den Nachwirkungen.

APA: Wird sich auch die Kulturszene nachhaltig verändert haben?

Händl: Ja - wie sie es immer tut.

APA: Werden wir aus dem Ganzen was gelernt haben?

Händl: Nichts, das uns zu besseren Menschen gemacht hätte.

(Die Fragen stellte Wolfgang Huber-Lang/APA)

ZUR PERSON: Klaus Händl (als Künstler: "Händl Klaus") wurde 1969 in Rum/Tirol geboren und lebt heute in Port am Bielersee. Nach einer Schauspielausbildung bei Julia Gschnitzer und Eva Zilcher spielte er am Schauspielhaus Wien sowie in mehreren Filmen, u. a. von Michael Haneke und Jessica Hausner. Sein Prosadebüt gab er 1994 mit "(Legenden)", seine poetisch-experimentellen Stücke wie "Ich ersehne die Alpen. So entstehen die Seen" oder "Dunkel lockende Welt" wurden viel gespielt, seine Filme "März" (2008) und "Kater" (2016) mehrfach ausgezeichnet. In den vergangenen Jahren trat er vor allem als Opernlibrettist in Erscheinung.

(APA)

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