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Aus dem Regal auf den Müll

Schwarzach - Der Mensch isst im Durchschnitt 78.800 Mal, ehe er ins Gras beißt. Jedes Mal plagt ihn wenigstens der Statistik zufolge die Qual der Wahl. Weil doch täglich 10.000 Produkte aus der ganzen Welt verfügbar wären.

Original verpackt

Das Institut für Abfallwirtschaft in Wien hat Ende 2007 die Schattenseite der Ernährung untersucht. Univ.-Prof. Peter Lechner hat mit seinem Team in Wien, Niederösterreich und Salzburg den Müll durchleuchtet. Im Restmüll stießen sie auf „40 Kilo original verpackte oder angebrochene Lebensmittel“. Ebenso viele Speisereste fanden sich dort. Weggeworfen wurde, was eingefroren vergessen worden war. Auffallend viele Milchprodukte – „nicht abgelaufen“ – lagen im Müll. Auch Fleisch, Eier, „tadelloses Gemüse“. Und eine Achterpackung Semmel. Der Kunde hatte sie offenbar gekauft, weil die acht Brote so viel gekostet hatten wie zwei Einzelstücke. Dann aß er zwei davon und warf den Rest weg. Soweit der Konsument. Zwei Filialen großer Handelsketten wurden zehn Wochen lang separat beobachtet. „45 Kilo pro Filiale und Tag“, lautete Lechners Ergebnis. Lebensmittel, denen das Ablaufdatum zu Leibe rückte. Packungen mit falschen Etiketten. Der „Rest“ eines Sechserpacks Mineralwasser, dem ein Kunde eine Flasche entnommen hatte.

Brot wird verbrannt

Die Sache mit dem Brot hält Lechner für „symptomatisch für den Lebensmittelbereich“: „Es wird bundesweit viel mehr produziert als benötigt wird.“ 70.000 Tonnen Brot werden ihm zufolge jedes Jahr in Österreich großteils in Biogasanlagen entsorgt. Warum? „Weil halt jeder noch am Abend seinen Kornspitz will.“ Wie viele Lebensmittel in Vorarlberg weggeworfen werden, ist kaum eruierbar. Beim Abfallentsorger „Häusle“ enden die Restmüllsäcke unbesehen in einem Vorzerkleinerer. Geschäftsführer Martin Bösch kann den Anteil von Lebensmitteln nicht beziffern. Und auch der Handel nennt keine Zahlen. Alexander Kappaurer, Marketingchef von Sutterlüty, betont zwar, dass sich der Kunde „heute so heikel wie nie“ aus den Regalen bediene. Dennoch würde wenig weggeworfen. Allenfalls Obst in die Biotonne, Milch würde so gut wie immer völlig abverkauft.

„Klar bleibt was übrig“

Nicole Berkmann, Konzernsprecherin von SPAR Österreich, bezweifelt insbesondere die enormen Brotreste, die das Institut für Abfallwirtschaft erhob, „weil wir ja heute in vielen Märkten Brot stündlich frisch backen“. Aber natürlich bleibe was übrig. Abgelaufenes Fleisch und Würste etwa nehme das Tann-Werk zurück, weil es gesondert entsorgt werden müsse. Einen freilich freut‘s, wenn die Ketten nicht alles verkaufen können. Elmar Stüttler kriegt „praktisch von allen was gratis“. So kann er mit 180 Helfern über „TISCHLEIN DECK DICH“ jede Woche acht Tonnen Lebensmittel an etwa 350 Familien verteilen. Eben hat er 26.000 Tafeln Schokolade erhalten. „Die waren nur falsch etikettiert.“ Dem Geschmack tut das keinen Abbruch.

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