Page 1Page 1 CopyGroupGroupPage 1Combined ShapePage 1Combined ShapePage 1Triangle Page 1 VNVorarlberger Nachrichten Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1 Rectangle 9 Combined ShapeCombined ShapePage 1Page 1Page 1Page 1Page 1AAAAPage 1 Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1

„Augen auf, Ohren auf, den Rest überlassen Sie mir“

©Dietmar Stiplovsek
Männerbilder haben schon vor Jahrhunderten beschäftigt, weiß Mariame Clément.
Mehr zum Thema

„Wenn man das, was die Titelfigur so interessant macht, in einem Satz zusammenfassen könnte, dann wäre der Roman nicht so genial“, bringt es Mariame Clément auf den Punkt. Die französische Regisseurin hat überhaupt kein Problem damit, wenn ihr Zögern bei der Anfrage von Elisabeth Sobotka, ob sie denn die Oper „Don Quichotte“ von Jules Massenet inszenieren mag, nun thematisiert wird. „Es beweist, dass man nie wissen kann, was ein Stück mit einem macht und was man mit einem Stück macht.“ Es zeige zwar den Instinkt von Intendanten, wenn die sich vornehmen, diese und jene Künstler für eine Produktion zusammenzubringen, andererseits lag die Schwierigkeit für Mariame Clément darin, dass der Verrat an Miguel de Cervantes in dieser Oper so groß ist. Mittlerweile kann sie über der Meinung, dass bei Massenet und seinem Librettisten Henri Cain „ein genialer literarischer Stoff so radikal vereinfacht wird“ stehen, denn gerade der ursprüngliche Stoff habe ihr so viel Futter gegeben, dass er nun in der Arbeit präsent ist.

Der Roman erlaube ihr zudem, die Freiheit, die Oper, die im Jahr 1910 in Monte Carlo uraufgeführt wurde, nun in Episoden unterteilt zu erzählen. „Ich ändere Perspektiven, wechsle von einer zur anderen, ich zeige den Mann von außen und so, wie er die Realität wahrnimmt.“ Cervantes lasse das zu, denn der Autor offenbare uns, dass Don Quichotte weiß, dass er Quatsch erzählt: „Was ich sonst bei Massenet so interessant finde, ist diese Heldenfrage. Muss ein Mann männlich sein? Was ist ein Held? Man glaubt, das sei eine moderne Frage, sie ist es aber nicht. Die Sehnsucht nach den Heldenfiguren ist immer da. Wo die Zeit ist, in der Männer noch Männer waren, das hat man sich auch um 1600 gefragt.“ 

Subtilität und Tiefe

Don Quichotte weiß also, dass er lächerlich wirkt, wenn er Männlichkeit imitiert. Was für ein Typ ist aber dann Sancho, diese eher geerdet erscheinende Figur? „Er ist genervt, er macht sich lustig, aber wenn Don Quichotte nicht da ist, dann hat er auch keinen Stoff zum Träumen“, erklärt Mariame Clément: „In dieser Oper ist mehr Subtilität und Tiefe als ich am Anfang gedacht hatte.“ Dann gibt es in der Oper noch die Figur der Dulcinée, die im Roman gar nicht existiert. Dort bestimmt Don Quichotte nur eine Frau zu seiner Dame, weil ein Ritter eine Dame braucht. „Das ist eine reine Projektion, die viel aussagt über die Liebe, die eine Illusion ist.“ Die Dulcinée sei in der Oper platt gezeichnet, im zweiten Teil habe sie aber eine Arie, die anders ist, diesen Moment habe die Regisseurin herauszuarbeiten versucht, um der Figur gerecht zu werden.

Eine Entdeckung

Clément hat unter anderem in Paris und Berlin studiert, unterrichtet, u. a. an der Staatsoper Unter den Linden mit Regie-Hospitanzen Erfahrungen gesammelt, in Lausanne zu inszenieren begonnen und lebt mittlerweile in Paris. In Straßburg hat sie im Dezember letzten Jahres die Opernentdeckung „Barkouf“ von Jacques Offenbach inszeniert. Es handelt sich um ein musikalisch wunderbares, inhaltlich sowohl witziges als auch hochpolitisches Werk des Komponisten, das nach der Uraufführung in Paris nur nie mehr gespielt wurde, weil die Partitur verloren ging. Nach der Wiederentdeckung unter Intendantin Eva Kleinitz in Straßburg, wird die Produktion demnächst noch an der Oper in Köln gezeigt. Clément geht davon aus, dass das Werk, das für das Schaffen von Offenbach von Bedeutung ist, gute Chancen hat, ins Repertoire der Opernhäuser zu kommen.

Dort sind spezifische Mechanismen wahrzunehmen. Allen Musiktheaterunternehmen stelle sich aber die Herausforderung der Kunstvermittlung. Die Tatsache, dass die meisten Leute erst ab einem gesetzteren Alter damit beginnen, in die Oper zu gehen, kommentiert die erfahrene Regisseurin pragmatisch: „Für mich ist das eine ethische Frage. Die Oper ist eine hoch subventionierte Kunstform. Opern zu realisieren kostet viel Geld, wenn das nur die Unterhaltung für eine Elite sein soll, dann finde ich das politisch und demokratisch nicht in Ordnung. Bedingt durch die Geschichte stehen Opernhäuser meist an einem zentralen Ort in einer Stadt, viele Menschen denken, dass sie aufgrund der repräsentativen Architektur da nicht hineingehören. Das Gegenteil ist der Fall, die Menschen sollen das Gefühl haben, dass sie da hineingehen dürfen. Mir ist es wichtig, stets zu betonen, dass die Oper für alle da ist.“ Sie sei nicht elitär, sondern habe das Potenzial, eine populäre Kunstform zu sein. „Kein Mensch sagt, ich lese keine Romane, weil ich kein Literaturstudium absolviert habe. Zur Oper sagen viele, sie kennen sich da nicht aus, darum gehen sie nicht hin. Man muss sich nicht auskennen, sondern nur reingehen und bereit sein, sich eine Geschichte erzählen zu lassen. Ich sage immer: Augen auf, Ohren auf und den Rest überlassen Sie mir.“ Christa Dietrich

Mehr zum Thema

Fill 1Created with Sketch. zurück zur Startseite
  • VOL.AT
  • Jetzt im Fokus auf VOL.AT
  • „Augen auf, Ohren auf, den Rest überlassen Sie mir“
  • Kommentare
    Die Kommentarfunktion ist für diesen Artikel deaktiviert.