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„Auch im Ländle gibt es Konflikte dieser Gruppen!“

©Steurer
Integrationsexpertin Dr. Eva Grabherr im WANN & WO-Talk über die türkisch-kurdischen Konflikte in Wien, die Situation in Vorarlberg und „Parallelmilieus“ in Österreich.

von Harald Küng/Wann & Wo

WANN & WO: Nach den Unruhen in Wien-Favoriten nehmen die Spannungen zwischen der Türkei und Österreich zu. Macht sich der Konflikt auch in Vorarlberg bemerkbar?

Dr. Eva Grabherr: Wir beobachten wie viele andere Institutionen im Land auch – die Polizei, Jugendorganisationen, Fachstellen etc., – sehr aufmerksam die Ereignisse in Wien-Favoriten und tauschen uns aus. Auch mit KollegInnen in Wien. Wir sind auch im Kontakt mit türkeistämmigen VorarlbergerInnen oder beobachten Kommentare auf Social-Media-Kanälen. Die aktuellen Ereignisse beschäftigen die Menschen. Sehr wenige Vereine von Türkeistämmigen – im Moment sehen wir das nur bei den „Grauen Wölfen“– und das Türkische Generalkonsulat kommentieren auch öffentlich.

WANN & WO: Der Konflikt in Wien wird zwischen den nationalistischen Grauen Wölfen und kurdischen Gruppierungen ausgetragen. Auch im Ländle kommt es immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen diesen Gruppen.  Wie nehmen Sie diese Situation wahr?

Dr. Eva Grabherr: Zu Wien-Favoriten: Eine angemeldete friedliche Demonstration linker kurdischer Gruppe, im Kern aus dem Umfeld der PKK, wurde von initiativ-organisierten Gruppen, die im Kern dem Spektrum des türkischen Ultra-Nationalismus und Rechtsextremismus zuzuordnen sind, mit hoher Aggression gestört. Auf dieser Seite dominierten männliche Teilnehmer, sehr viele davon jung, der Großteil in Österreich geboren und aufgewachsen. Schon am 1. Mai gab es in Wien-Favoriten aggressive Auftritte aus diesem Milieu im öffentlichen Raum gegen links gerichtete Akteure, weil sie öffentlich kurdische Musik spielten etc. Und es stimmt: Auch in Vorarlberg hatten wir in den letzten Jahren immer wieder Konflikte zwischen diesen beiden Gruppen.

WANN & WO: Wie ­schätzen Sie die Lage im Ländle ein?

Dr. Eva Grabherr: Was das Risiko  gewalthafter Auseinandersetzungen betrifft, sehen wir im Ländle doch einige entscheidende Unterschiede zur aktuellen Situation in Wien-Favoriten: Wir haben in Vorarlberg derzeit beispielsweise nicht diese lebendige linke-kurdische Szene wie sie in Wien existiert und sich auch im Straßenraum zeigt. Auch die Organisation dieser Szene ist in Vorarlberg in den letzten Jahren noch einmal schwächer geworden. Und damit fehlen beispielsweise potenziell Anlässe wie derzeit in Wien-Favoriten. Aber das alles ist kein Grund, sich hier zurückzulehnen oder unaufmerksam zu sein.

WANN & WO: Aktuell wird wieder viel über Parallelgesellschaften diskutiert. Wie sehen Sie diese Thematik?  

Dr. Eva Grabherr: Lassen Sie uns für Vorarlberg und auch Österreich von „Parallelmilieus“ sprechen, nicht von „Parallelgesellschaften“. Der Unterschied ist für die Realität bedeutsam, denn Milieus sind strukturell viel weniger verfestigt als „Gesellschaften“. Das ist entscheidend, wenn es um Integration und Zusammenleben geht. Es gibt viele parallele Milieus in unserer Gesellschaft. Problematisiert werden sie aber eher bei Zugewanderten als bei „Einheimischen“. Zu Recht dann, wenn sie zu Ereignissen wie jetzt in Wien-Favoriten führen. Natürlich leben die jungen Menschen, um die es uns hier geht, in Milieus, in denen die Politik der Herkunftsländer ihrer Eltern wichtig genommen wird. Das wirkt sich auf sie aus. Das war und ist aber auch bei anderen Zuwanderungsgruppen so. Man lässt „Herkunftsländer“ nicht einfach innerhalb einer Generation zurück. Zugleich gehen diese jungen Menschen in österreichische Schulen, arbeiten in den Unternehmen des Landes, sind Mitglieder lokaler Fußballvereine etc.

WANN & WO: Wie könnte man den sozial-negativen Dynamiken solcher Parallelmilieus entgegenwirken?

Dr. Eva Grabherr: Ich und viele andere wünschen uns mehr gruppenübergreifenden Kontakt. Das wirkt ausgleichend und stabilisierend für den sozialen Frieden. Auch gute Bildungsaufstiegschancen und gleichberechtigte Arbeitsmarktzugänge für alle wirken stark Richtung sozialer Durchmischung. Dann geht es um soziale Anerkennung: Als „richtige Vorarlberger“ gesehen und behandelt zu werden, ist ein Dauerthema, wenn man mit jungen Menschen aus Zuwanderungsfamilien, die oft schon über Generationen im Land sind, redet und ihnen zuhört. Hier sind alle in der Mehrheitsgesellschaft, die eine öffentliche Stimme haben oder über Menschen entscheiden können, gefragt. Machen wir diese jungen Vorarlberger nicht zu „anderen“; auch nicht, wenn sie sich nicht so verhalten, wie sie sollten. Es sind auch dann „unsere Jugendlichen“. Für das Verständnis der Ereignisse „Wien-Favoriten“ geht es mir aber noch um etwas anderes: die Verantwortung von Herkunftslandvereinen und Familien dieser Jungen, die man nicht an die Mehrheitsgesellschaft delegieren kann.

WANN & WO: Was meinen Sie damit genau?

Dr. Eva Grabherr: Für die Bewertung ist entscheidend, dass eine angemeldete friedliche Demo, die den demokratischen Regeln Österreichs entspricht, aggressiv und unter Gewaltanwendung gestört wurde. In den Sozialen Medien der Vereine der Grauen Wölfe in Vorarlberg lese ich aber als dominierendes Argument: „Die, die demonstriert haben, sind Terroristen!“ Damit argumentieren sie wie das Türkische Generalkonsulat, übernehmen die politische Bewertung und Sprache der türkischen Politik und ignorieren die österreichische Rechtslage und hiesige Bewertungskategorien. Ein solches Agieren ist Ausdruck einer politischen Kultur, in der Jugendliche ihr gewalthaftes Verhalten als richtig im Sinne der „richtigen“ Sache empfinden können. Wir kennen das aus anderen Jugendunruhen mit politischem Kern: Junge, meist Männer, agieren Stimmungen ihrer Erwachsenenumgebungen gewaltvoll aus. In unseren Gesprächen, gerade auch mit Vereinen der Grauen Wölfe, betonen diese ihren Österreich- und Vorarlberg-Patriotismus. Ihre Position klingt für mich dann so: „Wichtig ist doch unser Bekenntnis zu Österreich. Was interessiert Euch unsere Position in politischen Auseinandersetzungen in der Türkei?“ Doch genau diese Zwiespältigkeit agieren junge Menschen wie aktuell in Favoriten aus. Und hier  müssen zuallererst die Herkunftslandvereine und Familien ansetzen – neben einer demokratiepolitischen Bildung, die in Zukunft auch transnationale Dimensionen mit einbezieht.

Kurz gefragt

Was würden Sie sich für unsere ­moderne Gesellschaft wünschen?Die Weltgesellschaft, die wir wirtschaftlich schon sind, in Zukunft mehr auch als ­Verantwortungsgemeinschaft denken.

Vervollständigen Sie folgenden Satz: Integration ist ... ein gegenseitiger und umfassender Prozess, der in unserer Gesellschaft, die sich laufend weiterentwickelt, nie aufhört.

Blicken Sie optimistisch in die Zukunft?Ja, immer. Das liegt wahrscheinlich mehr am Charakter, als an anderem, ist aber hilfreich und lebensverschönernd.

Zur Person: Dr. Eva Grabherr

Alter, Wohnort: 57, Höchst
Funktion: Historikerin und Judaistin, Geschäftsführerin „okay.zusammen leben/Projektstelle für Zuwanderung und Integration“, Toni-Russ-Preisträgerin
Hobbys: Nachdenken, Ziegen, Berge

Die gesamte Ausgabe der Wann & Wo lesen Sie hier.

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