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Arno Geiger blättert in österr. Geschichte

"Es geht uns gut" - hinter dieser Ansichtskartenformel versteckt sich bei Arno Geiger mehr als ein halbes Jahrhundert österreichischer Geschichte. Eine Familiengeschichte über drei Generationen hinweg.

In seinem neuen Roman, der soeben bei Hanser erschienen ist, erzählt der aus Bregenz stammende und in Wien lebende Autor schlaglichtartig Ereignisse einer Familiengeschichte über drei Generationen hinweg. Immer auf Augenhöhe mit seinen Figuren gelingt ihm dabei ein schlichtes, aber feines Meisterwerk der Erzählkunst.

Erinnerung ist kein stringenter Faden, sondern besteht aus einer Reihe von Einzelaufnahmen. Schnappschüsse mischen sich unter gestochen scharfe Porträts, und alle zusammen bilden die Grundlage dessen, von dem wir annehmen, das es uns ausmacht. Philipp Erlach will von all dem möglichst wenig wissen. Der Mitdreißiger entrümpelt die alte Wiener Vorstadtvilla, die er von seiner verstorbenen Großmutter geerbt hat. Und je mehr Erinnerungsstücke er so achtlos wie unwiederbringlich entsorgt, desto tiefer taucht der Leser in Philipps Familiengeschichte ein.

Geiger springt leichtfüßig, nicht chronologisch, durch die sechs Jahrzehnte von 1938 bis 2001. Philipp kennt seine verstorbene Großmutter Alma nur ganz flüchtig. Der Leser weiß bald mehr von ihrem Leben als alte Frau neben dem stetig abbauenden Mann oder von deren junger Ehe kurz vor Kriegsbeginn. Man lernt Philipps früh verstorbene Mutter Ingrid kennen, die schon allein aus Trotz ihrem übermächtigen Vater gegenüber an der Beziehung zu Peter, dem verkrachten Studenten und erfolglosen Spieleerfinder, festhielt und so in eine unglückliche Ehe schlitterte. Mit beeindruckendem Einfühlungsvermögen vermag Geiger die Familienmitglieder mit ihren grundverschiedenen Lebensumständen anhand von Anekdoten aus der Vergangenheit holen. Die österreichische Geschichte und gesellschaftliche Veränderungen ereignen sich quasi nebenher.

Da kämpft der junge Peter als Hitlerjunge an längst verlorener Front gegen den Einmarsch der Russen in Wien. Und Großvater Richard verliert während des Krieges seine Position, verhandelt aber 1955 als Minister den Staatsvertrag mit. Anders als ihre Mutter Alma, der der Mann das Geschäft nimmt und ihr stattdessen Bienenstöcke in den Garten stellt, damit sie daheim bei den Kindern sein kann, studiert Ingrid Medizin und zerreißt sich dann fast zwischen Beruf und Familie. Philipp lebt dagegen schon wieder ganz anders, in einer gänzlich offenen Beziehung mit der verheirateten Johanna.

Mit „Kleine Schule des Karussellfahrens“ hatte der 1968 geborene Autor 1997 sein Aufsehen erregendes Debüt gegeben. Geigers neuer Roman zeigt, dass er sich in der ersten Riege heimischer Erzähler etabliert hat. Sein Buch passt hervorragend in das aktuelle österreichische Jahr des Erinnerns – auch wenn seine Protagonisten wenig zu feiern haben.

Arno Geiger: „Es geht uns gut“, Roman, Hanser Verlag, 392 Seiten, ISBN: 3-446-20650-7, 22,10 Euro)

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