Angst ist wichtiger Überlebensfaktor

Frastanz - Im Fall der atomaren Krise könnte sie sogar ein Umdenken bewirken.

Die Katastrophe in Japan ist weit weg. Zumindest, was die Distanz betrifft. 10.000 Kilometer liegen zwischen Chaos und Normalität. Dennoch haben die Menschen auch hier große Angst vor einem möglichen atomaren Super-GAU. Sie kaufen Geigerzähler und, so es welche gibt, Kaliumjodidtabletten. Auf Beschwichtigungsversuche von Behörden reagiert kaum jemand.
Primar Dr. Reinhard Haller kann die Haltung von weiten Teilen der Bevölkerung nachvollziehen. „Es ist eine reale Angst“, pflichtet der Psychiater bei. Die wiederum eine alte, latent schlummernde zum Leben erweckt hat, nämlich jene, dass Atomkraft schlussendlich doch nicht beherrschbar sein wird. Er persönlich hofft, die Angst möge „so prägend sein, dass es zum Ausstieg kommt“.

Gegenregulation

Angstist ein wichtiger Faktor. „Ohne Angst können wir nicht existieren, weil wir uns sonst ständig in Gefahr begeben würden“, erklärt Reinhard Haller. Doch Angst sollte ein sanftmütiger Wachhund und kein reißender Wolf sein. Sonst wird sie zur Belastung. Aber genau das passiert laut Haller immer häufiger. Die Angstkrankheit nimmt zu. „Und das in einer Zeit, die im Grunde genommen nie sicherer war“, so Reinhard Haller. Eine wirkliche Erklärung für dieses Paradoxon gibt es bislang nicht. Die Medizin vermutet, dass, aus welchen Gründen auch immer, eine Art Gegenregulation in Gang kommt.
Als „beklemmend und hemmend“ beschreibt der Experte die Symptome, an denen Angstkranke leiden. Auslöser und Reaktion darauf stehen in keinem normalen Verhältnis mehr. Im Gegensatz zu einer Phobie, bei der sich die Angst auf einen bestimmten Gegenstand konzentriert, richtet sich die Angstkrankheit gegen alles und jedes. Das macht den Unterschied und die Störung auch für den Betroffenen erkennbar. Dann ist fachliche Hilfe ein Gebot der Stunde, weil pathologische Angst die Lebensqualität beeinträchtigt. Es gehe aber nicht darum, die Angst zu heilen. „Man muss sie zu ihrer ursprünglichen Funktion zurückführen“, erläutert Primar Reinhard Haller. Also zu jener eines Wachhundes.

Auf der Lauer

Von dieser Warte aus betrachtet liegen derzeit viele Menschen auf der Lauer. „Es wäre auch höchst verhängnisvoll, diese Realangst als Hysterie darzustellen“, warnt Haller. Das Gegenteil sei notwendig. „Die Sorgen der Leute im Zusammenhang mit der Atomenergie sind ernst zu nehmen.“ Andererseits kennt er das Problem der Politik, in einer absoluten Angstsituation Entscheidungen treffen zu müssen, und die Hoffnung der Atombefürworter, dass die Zeit die Angst dämpft. Nach den Ereignissen in Japan gibt es aus seiner Sicht jedoch keinen Weg zurück, sondern nur den in eine atomfreie Zukunft. Haller: „Angst sollte letztlich dazu führen, gescheiter und weiser zu werden.“ (VN)

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