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Alexander Zeldin sucht "Love" bei den Wiener Festwochen

Die schwangere Emma hat in "Love" nicht viel zu lachen.
Die schwangere Emma hat in "Love" nicht viel zu lachen. ©APA/Wiener Festwochen
"Wir haben nichts falsch gemacht!" Die schwangere Emma ist sichtlich am Ende ihrer Kräfte, als sie diese Worte spricht. Mit ihrer Patchworkfamilie sitzt sie im gemeinsam genutzten Essensraum einer Notunterkunft für Wohnungslose. Hier hat Alexander Zeldin den zweiten Teil seiner "The Inequalities"-Trilogie angesetzt. Leider macht "Love", aktuell bei den Wiener Festwochen zu sehen, oft zu wenig aus der gleichermaßen spannenden wie beklemmenden Grundkonstellation.

Der britische Dramatiker und Regisseur Zeldin nutzt seine quasi dokumentarisch daherkommenden Theaterstücke, um die gesellschaftliche Ungleichheit anhand sehr persönlicher Geschichten zu veranschaulichen. War es beim Auftakt "Beyond Caring" eine Gruppe von Reinigungskräften, fand man sich als Zuschauer in "Faith, Hope and Charity" (heuer ebenfalls bereits bei den Festwochen zu Gast) in einer Volksküche wieder. Und nun eben dieser trostlose Gemeinschaftsraum, der erstmals Donnerstagabend im Jugendstiltheater am Steinhof betreten wurde.

Emma (Janet Etuk) und ihr Mann Dean (Joel MacCormack) wurden von einer Mieterhöhung überrascht. Am Tag der Delogierung standen die beiden mit den von Dean in die Beziehung gebrachten Kindern Paige und Jason am Gemeindeamt, ein Termin beim Jobcenter musste deshalb warten. Pech für sie: Dieses "Missgeschick" scheint ihnen nun eine Lösung der eingefahrenen Situation quasi unmöglich zu machen. Bis Weihnachten aus der Ein-Zimmer-Behausung entfliehen? Wohl eher nicht...

Ihre Nachbarn sind der arbeitslose Colin (Daniel York Loh) und seine gebrechliche Mutter Barbara (Amelda Brown). Früh entsteht im meist hell ausgeleuchteten Setting ein Gefühl von Spannung und Vorahnung. Colin schert sich nicht um persönliche Grenzen und hat zudem ein ziemlich loses Mundwerk - dennoch scheint sein Herz am rechten Fleck. Zumindest ist hier nichts nur weiß oder schwarz, sondern stets von Grautönen geprägt. So auch das Miteinander, bei dem zwei Flüchtlinge in den hinteren Räumen zwar immer wieder in Erscheinung treten, aber letztlich nur bei einer kurzen, auf arabisch geführten Unterhaltung wirklich in den Vordergrund rücken.

Stattdessen bleiben diese acht Charaktere, denen sich Zeldin durch intensive Recherche und anhand von Gesprächen mit Bewohnern derartiger Notunterkünften genähert hat, eher oberflächlich gezeichnet. Hier wird nicht mit-, sondern großteils nebeneinander gelebt. Die sehr nüchtern gehaltene Inszenierung wird zudem von nur wenigen Effekten gebrochen, etwa den in der gesamten Trilogie präsenten Blackouts inklusive ohrenbetäubendem Dröhnen, die zum Szenenwechsel genutzt werden.

Es sind Bruchstücke von Biografien, wie man sie wohl überall findet, die "Love" zu einer eineinhalbstündigen Reise in die oft unverschuldete Obdachlosigkeit zusammenfügt. Man fühlt mit, ist ob der Nähe zum Geschehen und schonungslosen Offenheit mitunter auch berührt. Aber als kritischer Beitrag zur gesellschaftlichen Schieflage in vielen Bereichen kann "Love" letztlich nur wenig Erhellendes beisteuern. Und die Liebe? Tja, sie wird zwar mehrfach geäußert zwischen diesen scheinbar gescheiterten Existenzen. Aber wirklich greifbar wird sie nicht.

(S E R V I C E - Wiener Festwochen: "Love. The Inequalities" von Alexander Zeldin (auch Regie). Mit: Amelda Brown, Naby Dakhli, Janet Etuk, Amelia Finnegan, Oliver Finnegan, Joel MacCormack, Hind Swareldahab, Grace Willoughby, Daniel York Loh. Bühne: Natasha Jenkins. Licht: Marc Williams. Sounddesign: Josh Anio Grigg. Bewegungsregie: Marcin Rudy. Mitarbeit Regie: Elin Schofield. Mitarbeit Kostüm: Caroline McCall. Im Jugendstiltheater am Steinhof, Baumgartner Höhe 1, 1140 Wien. Weitere Termine am 3. und 4. September, 20 Uhr. Karten und Informationen unter )

(APA)

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