AA

Afghanistan: Wahl enorme Herausforderung

In wenigen Wochen wird in Afghanistan erstmals in demokratischen Wahlen ein Präsident gewählt. Doch schon lange vor dem historischen Urnengang stellt die Logistik der Wahl die Organisatoren vor ernorme Herausforderungen.

„Stellen Sie sich alle Straßen Frankreichs vor, ziehen Sie das Telefonnetz und sämtliche Infrastruktur ab, fügen Sie 80 Prozent Analphabetismus hinzu – und Sie können sich ungefähr vorstellen, womit wir es hier zu tun haben“, sagt David Avery, Einsatzchef der gemeinsamen Wahlkommission der Vereinten Nationen und Afghanistans. Tatsächlich ist Afghanistan so groß wie Frankreich, Belgien und die Schweiz zusammengenommen, weite Landesteile sind bergig und abgelegen und geprägt von anhaltender politischer Gewalt.

Gleichzeitig hat ein großer Teil des Wahlvolkes nur wenig Vorstellungen davon, worum es bei der Präsidentschaftswahl am 9. Oktober eigentlich geht. „Demokratie-Lehrer“ der Wahlkommission touren derzeit durch die Dörfer, um die Modalitäten des Urnengangs zu erklären. „Das hier ist viel mehr als eine Wahl. Selbst über einfache Dinge wie eine Übersetzung für das Wort ’Demokratie’ wird gestritten“, berichtet Silvana Puizana, die Chefin der Abteilung für Volksbildung in der Wahlkommission.

Vom Einsammeln von Millionen Wählerkarten über die Gestaltung der Stimmzettel – für alles müssen die Mitglieder der Wahlkommission eine Lösung austüfteln. „Man kann zum Beispiel nicht erwarten, dass die Leute einen Stift haben“, um die Stimmzettel auszufüllen, erklärt Puizana. Also mussten Millionen von Kugelschreibern bestellt werden. Um sicherzustellen, dass die Wähler die Wahllokale auch erreichen können, wurde auf die Einrichtung genau festgelegter Wahlbezirke verzichtet: Die Wähler können in jedem beliebigen Wahllokal des Landes ihre Stimme abgeben.

Diese Regelung stellte die Organisatoren vor das nächste Problem – mehrfache Stimmabgaben zu verhindern. Schon bei der Registrierung der Wähler hatten sich mit 10,5 Millionen schon deutlich mehr Wahlberechtigte eingeschrieben, als nach vorherigen Schätzungen der UNO überhaupt in Afghanistan leben. Um Wahlfälschung zu verhindern, sollen die Daumen der Wähler mit nicht abwaschbarer Tinte markiert werden. Das birgt allerdings die Gefahr, dass Wähler von Gegnern des Urnengangs wie den radikalislamischen Taliban angegriffen werden könnten. Dennoch entschied sich die Wahlkommission mangels Alternative für das Tinten-System: „Der Wahlprozess birgt Risiken für alle Beteiligten“, räumt Puizana ein.

Angesichts des weit verbreiteten Analphabetismus’ mussten spezielle Stimmzettel entworfen werden. Die Organisatoren entschieden sich schließlich für ein Modell, das die Fotos aller 18 Kandidaten neben dem jeweiligen Kästchen zum ankreuzen zeigt. Da in Afghanistan die Technik zu ihrem Druck fehlt, musste die UNO einen Spendenappell für die Wahlunterlagen starten. Kanada schickt nun 20 Millionen Stimmzettel, Dänemark hat bereits 30.000 weiße Plastik-Wahlurnen geliefert.

125.000 bis 130.000 Wahlhelfer will die UNO für den Tag des Urnengangs rekrutieren, sie alle müssen entsprechend ausgebildet werden. Wenn die Stimmen einmal abgegeben sind, wird die nächste Herausforderung ihr Transport von den 5.000 Wahllokalen zu den zentralen Auszählstationen sein. „Angesichts der Größe, der Geografie und der Geländebeschaffenheit des Landes ist das keine einfache Aufgabe“, sagt Wahlkommissions-Sprecher Aykut Tavsel. „Wo es keine Straßen gibt und Hubschrauber nicht landen können, müssen wir wahrscheinlich auf den Transport per Esel setzen.“ Wenn die Stimmen ausgezählt sind, müssen sie mangels Telefonleitungen an die Zentrale in Kabul gemailt, gefaxt oder per Satellitentelefon durchgegeben werden.

Bei alledem kümmert sich die Wahlkommission nicht um die Absicherung des Urnengangs. „Man muss zwischen Transparenz und Sicherheit abwägen. Wir können nicht jeden Wähler filzen“, sagt Puizana. Aber noch viel entscheidender wird in dem von jahrzehntelangem Krieg und Bürgerkrieg gezeichneten Land sein, was nach der Wahl geschieht: „Das wichtigste ist, dass das Endergebnis anerkannt wird“, sagt Puizana.

home button iconCreated with Sketch. zurück zur Startseite
  • VOL.AT
  • Welt
  • Afghanistan: Wahl enorme Herausforderung
  • Kommentare
    Die Kommentarfunktion ist für diesen Artikel deaktiviert.