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Adele Gliera aus Vorarlberg erinnert sich - "Plötzlich war keiner mehr Nazi"

Adele Gliera lebte mit ihrem Mann in Höchst, als dieser einrücken musste.
Adele Gliera lebte mit ihrem Mann in Höchst, als dieser einrücken musste. ©APA
Kampfhandlungen hat die 100 Jahre alte Adele Gliera in Vorarlberg nicht erlebt. Als Feldkirch als erstes Ziel im Ländle im Herbst 1943 bombardiert wurde, fuhr die junge Mutter mit ihrem Kind mit dem Zug dorthin. "Man hat aber nicht viel gesehen", es sei alles abgesperrt gewesen. Richtig schwierig wurde ihr Leben erst, als ihr Mann in russische Gefangenschaft kam.
So erlebte Adele Gliera (100) aus Höchst die NS-Zeit

Höchst. “Er wurde in der Festung Breslau (Polen, Anm.) von den Russen gefangen genommen”, erzählt Gliera. Dabei kam es zu einem Übersetzungsfehler. “Der Dolmetscher übersetzte statt Zollbeamter Gestapobeamter. Sie können sich vorstellen, was er dann mitgemacht hat”. Lange habe sie nicht gewusst, ob ihr Mann überhaupt noch lebe. Von den Franzosen, die Vorarlberg nach dem Zweiten Weltkrieg besetzt hatten, sei ihr Mann als “alter Kämpfer”, also überzeugter Nationalsozialist, geführt worden. Als Staatsbeamter war er automatisch NSDAP-Mitglied. “Obwohl er sich ja nie auch nur ein bisschen um Politik geschert hat”, ist die Hochbetagte noch immer verbittert.

“Hab kein Geld mehr gekriegt”

Als Konsequenz wurde Anton Gliera in seiner Abwesenheit außer Dienst gesetzt, “und ich bin da gestanden und hab kein Geld mehr gekriegt”. Um die ersten freien Wahlen in Österreich und die Besatzungszeit habe sie sich dann gar nicht mehr geschert. “Ich bin zwar wählen gegangen, aber wenn der Mann weg ist und man weiß nicht, ob er noch lebt, ist dir das egal”, räumte Gliera ein. Ihre einzige Sorge galt fortan ihrem Überleben und dem ihrer Tochter. “Ich hatte ja niemanden für das Kind, zum Arbeiten musste ich sie überall mitnehmen”, erzählt sie. “Wer an der Macht war, war mir egal. Ich hab ja von keinem was bekommen”, erklärt sie ihr Desinteresse an der politischen Lage.

“Plötzlich war keiner mehr ein alter Kämpfer”

Kein gutes Haar lässt Gliera an der Gemeinde, die die Namen von überzeugten Nationalsozialisten an die französischen Besatzer weitergab. “Plötzlich war keiner mehr in Höchst ein alter Kämpfer”, spottet die Seniorin. Draufgezahlt hätten einige, die gar keine Nazis waren. “Die echten Nazis sind alle da geblieben, die haben einander auch nach dem Krieg nicht wehgetan”, berichtet sie. Von den Franzosen selbst weiß Gliera nichts wirklich Negatives zu berichten. Sie habe sich nie bedroht gefühlt, selbst als ihre Nachbarn, deutsche Zöllner, von heute auf morgen aus ihrem Haus vertrieben wurden – “Sie mussten alles da lassen, Kleidung und Hausrat” – und marokkanische Soldaten in den leeren Wohnungen einquartiert wurden.

Wiedersehen mit Mann 1950

Ein erstes Lebenszeichen von ihrem Mann erhielt die damals 30-Jährige im Jahr 1948 oder 1949. “Eine Karte mit sieben Worten”, danach jeden Monat eine weitere. Als die ersten Transporte mit Gefangenen kamen, hoffte sie immer, er wäre dabei. Doch erst 1950 mit einem der letzten Transporte kam Anton Gliera in Feldkirch an. Als sie ihn am Bahnsteig sah, war das Entsetzen groß. “Das war kein Mensch mehr”, beschrieb Gliera den abgemagerten 34-Jährigen, ohne Zähne und krank. “Von Gefühlen gar nicht zu reden. Er hatte einfach keine mehr”, berichtet die 100-Jährige von einer schweren Zeit. Die damals neunjährige Tochter, die ihren Vater zum ersten Mal sah, hatte Angst vor dem Mann. “Es hat zwei Jahre gebraucht, bis man mit ihm wieder hat normal leben können.”

Einige Zeit später fing Anton Gliera wieder beim Zoll zu arbeiten an, musste allerdings unterschreiben, keine Nachforderungen zu stellen. Für Politik interessierte sich die Familie auch danach nicht. Von den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten und ihren Gräueltaten hörte Gliera im Radio, geredet wurde darüber aber nicht. 1955 kam ihr Sohn zur Welt, nach seiner Geburt arbeitete die damals beinahe 40-Jährige auf Wunsch ihres Mannes nicht mehr.

Witwe seit 42 Jahren

Seit mittlerweile 42 Jahren – ihr Mann starb 1975 – ist Adele Gliera Witwe, “bereits eine so lange Zeit”, sagt sie selbst. In ihren eigenen vier Wänden bewegt sich die 100-Jährige noch ohne Rollator oder Stock, “insgesamt bin ich aber nicht mehr so gut zu Fuß”, räumt sie ein. Stricken ist eine Leidenschaft der alten Dame. Seit etwa 30 Jahren strickt Gliera für Basare der Frauenbewegung in Höchst. Zur heutigen Politik hat sie nicht viel zu sagen, nur soviel: “Ich wünsche mir, das die Politiker keinen Krieg mehr anfangen.” Für Essen und Zuwendung sorgt nach wie vor Glieras Tochter Renate. Die 76-Jährige wohnt mit ihrem Mann in einem Haus, das direkt an das von Gliera angebaut ist. Angesprochen auf die guten Gene der Mutter, wehrt sie ab: “Das brauch ich dann doch nicht”, meint sie lachend. (APA)

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