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Abt sprach mit Opfern

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(VN) Bregenz - Die Mehrerau geht nach der Missbrauchsaffäre mit Codex und Aktionen ins neue Schuljahr. Die VN sprach mit Harald Schiffl, Pressesprecher der Mehrerau.
Staatsanwälte vertrösten
Der Verhaltenscodex

Wie viele Schüler werden heuer in der Mehrerau erwartet?

Schiffl: Derzeit sind 307 Schüler in der Mehrerau angemeldet. Die Zahl ist im Vergleich zum Vorjahr stabil geblieben. Die im Frühjahr bekannt gewordenen Missbrauchsfälle haben sich auf die Schülerzahl nicht ausgewirkt; es gab während des Schuljahres keine dadurch motivierten Abmeldungen. Auch bei den Neuanmeldungen nicht. Die Abtei Mehrerau selbst verzeichnet Neuzugänge. Am Sonntag werden zwei junge Männer als Novizen in die Gemeinschaft aufgenommen.

Das vergangene Schuljahr war seit März geprägt von den ans Licht gekommenen Missbrauchsfällen vergangener Jahre. Abt Anselm war am 9. März erstmals über die VN an die Öffentlichkeit getreten. Sind inzwischen noch weitere Fälle bekannt geworden?

Schiffl: Abt Anselm sind nur jene Fälle bekannt, die in den vergangenen Monaten auch in den Medien kommuniziert wurden. Einige Missbrauchsopfer haben die Einladung des Abtes zu einem Gespräch angenommen. Diese Gespräche verliefen in einer guten und sehr persönlichen Atmosphäre. Über die Inhalte wurde auf Wunsch der Opfer Vertraulichkeit vereinbart. Eines der Opfer allerdings erklärte sich bereit, ein anonymisiertes Interview zu geben, das sich auf der ­Internetseite der Abtei Mehrerau findet. Diesem Opfer ging es darum, anderen Mut zu machen, mit den Behörden und der Abtei in Kontakt zu treten.

Gibt es den vom Abt inzwischen in Aussicht gestellten Verhaltenscodex und wie wird er gehandhabt?

Schiffl: Ja, den gibt es. Der Codex ist für alle an der Schule – Schüler, Lehrer, Erzieher, sonstige MitarbeiterInnen – verbindlich. Er ist Teil des Schulvertrages.

Was hat sich darüber hinaus im Internat getan?

Schiffl: Die Ereignisse waren Thema vieler Gespräche mit den Schülern. Darin wurde den Schülern unter anderem Mut gemacht, Verstöße gegen den Verhaltenscodex klar, laut und deutlich und ohne Angst unverzüglich bei der Schul- und Internatsleitung zu melden. Im kommenden Schuljahr werden Seminare zu den Themen „Gewalt“, „ Gewaltfreier Umgang miteinander“ und „sexueller Missbrauch/Maßnahmen gegen Missbrauch“ durchgeführt. Generell besteht die Verantwortung der Schule und des Internats da­rin, im Rahmen einer christlich geprägten Erziehung hin zu einem Menschen, der mit Geist und Verstand, mit Leib und Seele in der Welt steht – aktiv voranzuschreiten. Unsere Schule ist heute weit entfernt von jener Erziehungsform, die vor dreißig oder vierzig Jahren allgemein herrschte. Wir wollen Werte leben, die notwendiger denn je zu sein scheinen: Solidarität in einer unsolidarischen und egozentrisch geprägten Welt, Ehrfurcht vor der Würde des Einzelnen, Verständnis für die Schwachen.

Noch einmal zu den bekannt gewordenen Missbrauchsfällen: Haben Sie von der Staatsanwaltschaft bereits ein Ergebnis erfahren?

Schiffl: Die Staatsanwaltschaft in Konstanz hat das Verfahren, das gegen ein Mitglied der Gemeinschaft angestrengt wurde, wegen Verjährung eingestellt. Ergebnisse der Erhebungen der Behörden in Österreich sind uns derzeit nicht bekannt.

Bis wann rechnen Sie damit?

Schiffl: Dazu kann ich keine Auskunft geben – das muss die Staatsanwaltschaft sagen.

Was geschah eigentlich mit jenen Mönchen, die des Missbrauchs beschuldigt wurden?

Schiffl: Die Patres sind von jeglichen seelsorglichen Arbeiten entbunden, suspendiert bzw. wurde ein kirchenrechtliches Verfahren in Rom eingeleitet.

Besonders drastisch war wohl der Fall jenes Paters, der 1982 wegen Kindesmissbrauchs nach Tirol versetzt wurde. Er hat 2004 eine ganze Missbrauchsserie von zehn Fällen während seiner Zeit in Mehrerau gestanden und Tirol inzwischen verlassen. Wie geht es mit ihm nun weiter?

Schiffl: Der Pater wurde ebenfalls von sämtlichen seelsorglichen und priesterlichen Aufgaben entbunden. Es wurde ihm aufgetragen, sich aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen.

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