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"Abnormal, aber nicht geisteskrank"

Bregenz - Erstmals, 62 Jahre nach der NS-Zeit, würdigt Vorarlberg Kriegsdienstverweigerer. Am 26. Oktober wird die Katholische Kirche in Linz Franz Jägerstätter seligsprechen.

Seit gestern erinnert eine Tafel an der Kirchenmauer von Bregenz St. Gallus an Ernst Volkmann. Auch er hat Hitler den Fahneneid verweigert.

Auch Volkmann zählte, wie es der päpstliche Nuntius Cesare Orsenigo 1940 formulierte, zu den „Märtyrern ihrer eigenen Dummheit“. „Spät sind wir dran“, predigte Rudi Siegl gestern in der Bregenzer Stadtpfarrkirche. Spät findet nicht nur die Kirche andere Worte.

Marianne Volkmann und ihr Bruder Hans stehen in der ersten Reihe. Beide auf Krücken. Beide zu Ehren ihrer Eltern. Hier sind sie aufgewachsen. Neben der Galluskirche, in dem kleinen Haus am Kirchplatz 5. Hierher war der böhmische Instrumentenmacher Ernst Volkmann 1931 mit seiner Frau Maria gezogen.

„Ein ernster, stiller Mann“, so hat Marianne ihren Vater in Erinnerung. Sie war neun, als er starb. Irgendwo, in einer Stadt, die die Erwachsenen Berlin nannten. Unter dem Fallbeil. „Man hat bei uns das Thema nie mehr angeschnitten.“

Vier dürre Zeilen

Dabei ist alles noch da: Die Briefe des Berliner Gefangenenseelsorgers Jochmann, der Volkmann bis zum Tod begleitet hat. Die Anklageschrift wegen „Vergehens gegen das Heimtückegesetz“. Schließlich die vier Zeilen, die Maria Volkmann am 9. August 1941 davon in Kenntnis setzten, dass ihr Ehemann, „der Schütze Ernst Volkmann“ am 7. Juli 1941 „wegen Zersetzung der Wehrkraft zum Tode verurteilt“ wurde. „Das Urteil wurde heute vollstreckt.“

33 Tage. Sie haben sich 33 Tage Zeit gelassen, den Vater dreier Kinder zu köpfen. Einen Monat der Ungewissheit. Wie schwer wohl auszuhalten für einen Mann, den der Valduna-Direktor Josef Vonbun im September 1940 noch als „abnormal, aber nicht geisteskrank“ demütigte.

Pfarrer Jochmann schreibt Volkmanns Witwe später, ihr „lieber Mann“ sei ein Mensch „von einer seltenen Tiefe und Lauterkeit“ gewesen. An jenem schicksalhaften 9. August haben sie ihm nach Mitternacht das Urteil verkündet. Er hat „mit vorbildlicher Andacht gebeichtet“ und um 3 Uhr früh kommuniziert. Pfarrer Jochmann legte ihm nahe, letzte Zeilen an seine Frau zu schreiben. Aber das tat er nicht. Er konnte nicht.

Um 5.05 Uhr ging der 41-jährige Ernst Volkmann „ruhig und gefasst“ zum Schafott. „Jedenfalls war es körperlich ein schmerzloser Tod“, schreibt Seelsorger Jochmann am 20. August an Maria Volkmann. „Kein Stöhnen, kein Seufzer, nichts.“ Der Mann, der Adolf Hitler öffentlich einen Mörder genannt und sich mehrfach geweigert hatte, für dieses Regime in den Krieg zu ziehen, ging lautlos in den Tod.

Als „gefallen“ notiert

Jetzt geht der Gottesdienst zuende. In dieser Kirche mit ihrem überbordenden Barock hat Volkmann oft gebetet, sagt Pfarrer Anton Bereuter. Drüben, am Bregenzer Kriegerdenkmal, steht Volkmann unter den 732 Bregenzer Gefallenen eingetragen. Aber seit gestern stellt eine Gedenktafel vis-ì-vis klar: Der Name Ernst Volkmann steht für einen Staatbürger, der sich bewusst widersetzt hat. „Für uns Nachgeborene verkörpert Ernst Volkmann ein außergewöhnliches Beispiel an gelebter Friedfertigkeit, an christlicher Standhaftigkeit, an politischer Prinzipientreue und moralischer Integrität“, sagt Dir. Meinrad Pichler, bevor Bürgermeister Markus Linhart und Pfarrer Rudi Siegl das weiße Tuch von der Gedenktafel ziehen.

Maria Volkmann, die mit drei unmündigen Kindern und Anfeindungen zurück blieb, hätte das gefreut. Aber sie starb im April 1998. An ihrer Stelle schütteln nun ihre Kinder, selber schon alt, dankbar unzählige Hände.

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