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7 Fragen und Antworten zu Chemtrails

Kondensstreifen von Flugzeugen sind Ursache von Verschwörungstheorien.
Kondensstreifen von Flugzeugen sind Ursache von Verschwörungstheorien. ©APA
Chemtrails sind eine der bekanntesten Verschwörungstheorien im deutschsprachigen Raum und drängen sich immer mehr in die öffentliche Wahrnehmung. Wir erklären, um was es sich dabei handelt und was an der Verschwörung dran ist.
Günter Scheibenreif zu Kondensstreifen

1) Was sind Chemtrails?

Die Anhänger dieser Theorie sind überzeugt, dass den Kondensstreifen von Flugzeugen (englisch Contrails) Stoffe beigemischt werden. So würden “normale” Kondensstreifen sich schnell wieder auflösen, Chemtrails sich jedoch über Stunden erhalten. Je nach Theorie sollen diese das Wetter beeinflussen, Funksignale verstärken oder durch Absinken (beabsichtigte) giftige Auswirkungen auf die Bevölkerung haben. So dienen sie als Begründung für Allergien über Krebs bis hin zu Alzheimer. Andere Theorien vermuten, dass so die Zeugungsfähigkeit der Menschen beeinträchtigt werden soll oder der Boden vergiftet wird.

2) Wer steckt dahinter?

So unsicher, zu welchem Zweck gesprüht werden soll, so unsicher ist man sich auch seit wann und wer sprüht. So werden sowohl die Regierungen, die NATO wie auch Geheimorganisationen und ausländische Mächte vermutet. Je nach Theorie werden sowohl normale Reiseflugzeuge wie auch Maschinen des Militärs verwendet. Je nach politischer Präferenz der Theoretiker wird auch eine Verschwörung des Bankhauses Rothschild zur Gewinnmaximierung, das Weltjudentum als Drahtzieher oder ein geheimer Krieg der USA vermutet.

Kondensstreifen werden vom Wind verteilt - VOL.AT/Rauch
Kondensstreifen werden vom Wind verteilt - VOL.AT/Rauch ©Kondensstreifen werden vom Wind verteilt – VOL.AT/Rauch

3) Was soll versprüht werden?

Versprüht werde ein Gemisch von Plastikfasern, Aluminium und anderen Metallen, so die Theorie. Die Metalle sollen anscheinend für den gewünschten Effekt sorgen, während sie von Plastikfäden in der Luft zusammengehalten werden. Über die Frage, seit wann man anscheinend sprüht, herrscht Uneinigkeit. Manche Quellen sprechen von den 1980ern, einer Vorarlberger Webseite zu diesem Thema nach begann man erst 2001.

4) Wie entstehen Kondensstreifen wirklich?

Meteorologen beschäftigen sich seit dem Aufkommen des Reiseflugverkehrs mit Kondensstreifen. Auch die Propellerflugzeuge vor und während des Zweiten Weltkriegs erzeugten kurz- und langlebige Spuren am Himmel. Deren Verhalten ist bereits seit den 1960ern genau erforscht und beschrieben. Aus ihrer Sicht sind Kondensstreifen eine künstliche Art von Zirruswolken. In der Flughöhe von Verkehrsflugzeugen hat es gewöhnlich Temperaturen von minus 40 Grad Celsius. Die Abgasstreifen von Flugzeugen bestehen überwiegend aus Kohlendioxid, Wasserdampf und Ruß. Der Wasserstoff gefriert rasch und bildet ab einer gewissen Menge die typischen weißen Wolken.

Über die Lebensdauer der Kondensstreifen entscheide aber rein die Luftfeuchtigkeit, erklärt Günter Scheibenreif von der ZAMG. Je feuchter die Luft, umso langlebiger die Kondensstreifen. Der Wind übernimmt dann den Rest und verteilt die Wolken über den Himmel – bis sie von gewöhnlichen Zirruswolken nicht mehr zu unterscheiden sind. Seitdem den 1960ern habe rein der Flugverkehr zugenommen, weshalb man immer mehr Kondensstreifen wahrnehme. Effizientere moderne Triebwerke verbrennen den Treibstoff mit einer geringeren Temperatur, sie bilden daher auch eher Kondensstreifen als frühere Modelle.

5) Aber was ist mit den “Beweisen”?

Zwar wollen die Anhänger der Chemtrail-Theorie Beweise haben, diese halten einer Überprüfung meist jedoch nicht stand. So soll der Nachweis von Aluminium in Boden- und Pflanzenproben dessen Verwendung in Chemtrails belegen. Aluminium ist jedoch das nach Sauerstoff und Silizium dritthäufigste Element auf der Erde und ist in gebundener Form beispielsweise ein Grundbestandteil von Ton. Gesteine wie Gneis und Granit enthalten ebenfalls Aluminium, diese verwittern und setzen es als Staub frei.

Kondensstreifen sind im Grunde Zirruswolken. - VOL.AT/Rauch
Kondensstreifen sind im Grunde Zirruswolken. - VOL.AT/Rauch ©Kondensstreifen sind im Grunde Zirruswolken. – VOL.AT/Rauch

Auch ist der Flugverkehr selbst stark überwacht und kann auch von normalen Bürgern leicht nachverfolgt werden. Dienste wie Flightradar zeigen in Echtzeit die Position, Herkunft und Zielort von Flugzeugen. Auch viele Militärmaschinen werden durch die ADS (eingebauten automatischen Sendern zur Flugsicherung) erfasst und erkannt. Seltsame Flugmuster und flächenmäßige Besprühung müssten hier relativ leicht nachweisbar sein. Außerdem bräuchte ein flächendeckender geheimer Einsatz von Chemtrails die Mitarbeit tausender Personen bei den Fluglinien, Militär, Umweltorganisationen und Behörden. Bisher ist jedoch kein Wistleblower bekannt, der seine Mitarbeit bei diesem Geheimprojekt belegen konnte, und das bei einer Laufzeit von mehreren Jahrzehnten.

6) Welche Wirkung haben Kondensstreifen wirklich?

Kondensstreifen sind tatsächlich an sich schon ein Problem, ganz ohne zugemischte Chemikalien. Mit dem ausgestoßenen CO2 und Ruß tragen sie zur Umweltverschmutzung bei. Und da es sich bei ihnen um künstliche Wolken handelt, haben sie auch den Effekt von Wolken: Zwar reflektieren sie Sonnenlicht, bevor es auf die Erde trifft und sorgen so für eine Abkühlung. Gleichzeitig reflektieren sie auch die Wärme zurück auf die Erde, langlebige Wolken tragen also stark zum Treibhauseffekt bei.

7) Was sagt die Politik?

Es gibt immer wieder Parteien, die der Argumentation der Chemtrail-Anhänger folgen. In Österreich wendete sich die FPÖ beispielsweise 2007 mit einer Anfrage zu diesem Thema an den damaligen Umweltminister Erwin Pröll. Dessen Antwort: Weder österreichische noch deutsche Behörden hätten Hinweise auf die Ausbringung von Chemtrails.

Während Heinz-Christian Strache noch im Jänner 2014 gegenüber News die Existenz von Chemtrails nicht ausschließen wollte, widmet sich Umweltlandesrat Johannes Rauch (Grüne) lieber den realen Umweltproblemen statt Verschwörungstheorien, wie er gegenüber VOL.AT erklärt.

Auch Greenpeace stuft Chemtrails als reine Verschwörungstheorie ein. Auch im Internet gibt es Widerstand: Der bekannteste deutschsprachige Blogger gegen Chemtrails ist der österreichische Astronom und Blogger Florian Freistetter, der immer wieder naturwissenschaftliche Erklärungen zu den Behauptungen der Verschwörungstheoretikern liefert.

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