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5. Jahrestag des Flugzeugunglücks von Überlingen

Überlingen - Die Hinterbliebenen der 71 Todesopfer des Flugzeugabsturzes im schweizerischen Überlingen, mehrheitlich aus der russischen Teilrepublik Baschkirien, gehen einen schweren Gang.

Wenn sie am 1. Juli zum 5. Jahrestag des Flugzeugunglücks wieder an den Bodensee kommen, dürften die Bilder des Grauens von neuem lebendig werden. Denn die meisten von ihnen waren bereits drei Tage nach der Tragödie an den Unglücksort geeilt.

Entsetzt und fassungslos wussten sie nicht, wo sie um ihre Toten trauern sollten. Denn Trümmerteile der Tupolew-Passagiermaschine mit 69 Menschen an Bord und der DHL-Fracht- Boeing mit zwei Piloten lagen Kilometer weit verstreut. Im Flugzeug der Bashkirian Airlines hatten 49 Kinder und Jugendliche mit ihren Betreuern gesessen – auf einem Ferienflug nach Spanien.

Die Bergung der Leichen dauerte sechs Tage. Den Einsatzkräften wurde fast Übermenschliches abverlangt. So konnten die Angehörigen damals nur symbolisch an einer der Hauptabsturzstellen von ihren Liebsten Abschied nehmen. Im Überlinger Ortsteil Brachenreute war das Heckteil der Tupolew in ein Gerstenfeld gekracht. Dort beteten sie, legten Kränze und Blumen nieder.

Nach Brachenreute werden Eltern und Geschwister, Großeltern und Klassenkameraden auch dieses Mal wieder schweren Herzens gehen. Sie werden sich zum Unglückszeitpunkt um 23.35 Uhr an dem Mahnmal versammeln, das 2004 in unmittelbarer Nähe der Absturzstelle errichtet worden ist. Es symbolisiert eine zerrissene Perlenkette, so wie der Lebensfaden der Flugzeuginsassen durch die Tragödie jäh zerrissen worden ist.

Einer der Hinterbliebenen wird von den Gedenkfeiern ausgeschlossen sein. Ein russischer Bauingenieur verbüßt eine Haftstrafe in einem Zürcher Gefängnis. Er hatte am 24. Februar 2004 den Fluglotsen der Schweizer Flugsicherung Skyguide erstochen, der in der Unglücksnacht im Zürcher Kontrollzentrum allein Dienst tat. In ihm sah er den Verantwortlichen für den schmerzlichen Verlust seiner Frau und seiner zwei Kinder. Im Prozess im Oktober 2005 beteuerte er, er habe den Lotsen in dessen Wohnung in Zürich-Kloten nur aufgesucht, um ihm sein Leid zu schildern und ihn zu bitten, er möge sich für das Unglück entschuldigen.

Auf eine Geste des Mitleids haben die Angehörigen lange warten müssen. Erst als die Braunschweiger Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) im Mai 2004 ihren Abschlussbericht veröffentlichte, fand Skyguide-Chef Alain Rossier schriftlich Worte der Entschuldigung. Offenbar herrschte Angst, ein Schuldeingeständnis könnte juristische Folgen haben. Am Rande des Strafprozesses im Mai gegen acht Skyguide-Mitarbeiter im schweizerischen Bülach nutzte Skyguide-Interimschef Francis Schubert die Gelegenheit, sich endlich persönlich bei Hinterbliebenen zu entschuldigen.

Einige von ihnen waren zu dem Prozess gekommen, um ihrer Forderung nach Gerechtigkeit Nachdruck zu verleihen. Unterstützt wurden sie dabei von Anwälten der US-Kanzlei Podhurst, der sich insgesamt 30 Opferfamilien im Kampf um eine angemessene Entschädigung anvertraut haben. Sie führen Zivilprozesse in der Schweiz und in Barcelona, dem Zielort des Tupolew-Fluges. Die übrigen 41 Familien haben einen außergerichtlichen Vergleich akzeptiert und Schmerzensgeld aus einem gemeinsamen Fonds erhalten, den Deutschland, die Schweiz und Skyguide gebildet haben.

Weitere Zivilprozesse laufen. Ein erstes Urteil hat das Konstanzer Landgericht gefällt, doch ist es noch nicht rechtskräftig. In einer Schadenersatzklage entschieden die Richter, die Übertragung der Kontrolle des deutschen Luftraums auf Skyguide sei verfassungswidrig. Deshalb müsse der Bund für Schäden haften, die durch Fehler der Schweizer Lotsen entstanden sind. Geklagt hatte die Bashkirian Airlines, die Schadenersatz für ihr zerstörtes Flugzeug haben will.

Den Angehörigen bleibt vorerst nur die Gewissheit, dass sie am Bodensee stets mit Verständnis und Unterstützung der Bevölkerung rechnen können. Das Drama löste seinerzeit eine Welle der Hilfsbereitschaft aus. Menschen mit Russischkenntnissen fanden sich spontan zusammen, um russischen Offiziellen und den Opferfamilien bei der Verständigung zu helfen. Aus der Gruppe ist der Verein „Brücke nach Ufa“ entstanden, der seither Schüleraustausch und kulturelle Begegnungen organisiert. Es ist auch ein kleiner Dank an den Schutzengel, der in der Unglücksnacht über der Bodenseeregion gewacht haben muss. Denn wie durch ein Wunder gab es keine Opfer am Boden.

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