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25 Jahre nach Tschernobyl: Ein langer Schatten

Gomel - VN-Besuch in der Kinderleukämiestation: Noch immer leiden Menschen in Gomel an Folgen des Reaktor­unglücks.
Strahlenbelastung nach Tschernobyl

Die Gänge auf der Kinderleukämiestation sind leer. Im dritten Stock des Radiologischen Zentrums im weißrussischen Gomel ist gerade Ruhestunde. An den Wänden hängen bunte Fotos von glatzköpfigen Kindern. Nicht alle sind noch am Leben. Im Spielzimmer löst die elfjährige Nastja Puzzles. Ihren kahlen Kopf versteckt sie unter einer Strickmütze.

Zwei Zimmer weiter sitzt Olga am Krankenbett ihres vierjährigen Sohnes Alexei, den sie liebevoll Sascha nennt. Seit dem 25. Dezember tut sie das. Weihnachten war für die Familie heuer kein Fest der Freude. Sascha hat Leukämie. Seine Haare sind vom Kopf weitgehend verschwunden, die Chemotherapie setzt ihm zu. Der kleine Junge ist blass. Trotzdem lacht er. Reißt die Patschhändchen in die Höhe.

Heute vor 25 Jahren geschah, was bis dahin von Atomkraftbefürwortern stets als unmöglich abgetan wurde: Ein Super-GAU im Kernkraftwerk Tschernobyl. Die Anzahl der Leukämie- und Krebsneuerkrankungen stieg danach dramatisch an. Immer noch gibt es in der Region um den havarierten Reaktor, in der Ukraine und in Weißrussland, überproportional viele Neuerkrankungen an Krebs und Leukämie. „Gestiegen sind hauptsächlich Leukämie und Schilddrüsenkrebs­erkrankungen. Bei Letzterem muss man es immer noch mit Zehn multiplizieren“, sagt Alla Demidenko, stellvertretende Oberärztin der Kinderkrebsstation. „Die Immundefiziterkrankungen sind bei den Kindern immer noch hoch, das Immunsystem ist schwach“, fügt sie hinzu.

„Wir spüren Auswirkungen“

„Ob mein Sohn davon betroffen ist, kann ich nicht sagen“, spricht Olga über die Ungewissheit. „Aber dass es eine Verbindung zwischen den vielen Kranken und der Radioaktivität gibt, ist klar. Wir spüren ja die Auswirkungen“, sagt sie. Der an Blutkrebs leidende Sascha lacht jetzt nicht mehr. Er hustet. Eine Nebenwirkung der Chemotherapie. Olga zieht ihm den Mundschutz über und wiegt das Kind in ihren Armen.

Medikamente aus Vorarlberg

Jahrelang haben viele Kinder auf der Gomeler Leukämiestation nur dank fremder Hilfe überlebt. Über 15 Jahre lang kamen überlebensnotwendige Immunglobuline nicht aus Minsk, sondern aus Vorarlberg. Sie wurden durch zahlreiche Spender mit der Aktion „Vorarlberg hilft Strahlenopfern“ finanziert. Die für die Therapie notwendigen Medikamente wurden im Landeskrankenhaus Feldkirch zu günstigen Konditionen gekauft und von den VN nach Gomel gebracht. Die Überlebenschancen der Kinder stiegen damit von unter 20 auf bis zu 80 Prozent.

Mittlerweile funktioniert die Versorgung auch ohne Vorarlberger Hilfe. „Die Medikamentenhilfe hat uns viele Jahre lang die Möglichkeit gegeben, Behandlungen auf europäischem Niveau durchführen zu können“, ist Demidenko dankbar. „Auch die Ferienaufenthalte in Österreich sind sehr wichtig für unsere Kinder. Leider ist unsere ökologische Situation immer noch nicht besonders gut. Es gibt Luft- und Strahlenverschmutzung“, seufzt die Ärztin. (VN)

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