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1918 – Eine Wegmarke bei der Vorarlberger Selbst(er)findung

Die politische Geburt von 1918 ist erwachsen geworden.
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Seit etwa der Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die Stimmen für mehr Unabhängigkeit Vorarlbergs im Rahmen der k. u. k. Monarchie immer häufiger und lauter. Die Bregenzer Bürgerschaft sei, – und Ähnliches galt auch für die übrigen Landesteile – so rapportierte ein Polizeikommissar nach Innsbruck, mit dem Staat unzufrieden, dem Kaiserhaus gegenüber aber loyal. Deshalb wurde das sogenannten Februarpatent von 1861, durch welches der Vorarlberger Wunsch nach einem eigenen Landtag erfüllt wurde, gerne als kaiserliches Geschenk gesehen. Allerdings war die Freude über die imperiale Huld getrübt durch einen bitteren Wermutstropfen: Die gesamte Hoheitsverwaltung blieb bei der Innsbrucker Statthalterei. Die „Los von Tirol“-Rufe kamen deshalb bis zum Jahr 1914 nicht mehr zum Verstummen. Landtag, Wirtschaft und maßgebliche Teile der Bevölkerung versuchten durch Eingaben und aufwendige Inszenierungen, wie einer Landesausstellung und einer pompösen Jahrhundertfeier 1909, den Kaiser und die Wiener Regierung von der Leistungsfähigkeit und dem daraus abgeleiteten Recht auf Selbstständigkeit des kleinen Landes vor dem Arlberg zu überzeugen. Die Innsbrucker Verwaltung allerdings wusste die Vorarlberger Bestrebungen bis zum Ende der Monarchie erfolgreich abzuwehren.

Loyalität versus politische Freiheit

Neben der wirtschaftlichen Dynamik wurden zunehmend auch die ethnische Andersartigkeit der alemannischen Vorarlberger(innen) und ihre angeblichen Tugenden ins Treffen um politische Rechte geführt. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts begann sich so jene Erzählung zu verfestigen, wonach Vorarlberg immer schon seine politischen Freiheiten erkämpft und gehabt habe, und seine Menschen immer schon besonders tüchtig, fleißig, sparsam und mit besonderem „Erwerbssinn“ ausgestattet gewesen seien. Der Zusammenbruch der Monarchie befreite nun im November 1918 von den bisherigen Loyalitäten. Und die führenden Persönlichkeiten, die während des Krieges in unterschiedlichen Funktionen aufgestiegen waren, nutzten das Zeitfenster und nahmen das Gesetz des Handelns in ihre Hände. Mit der Erklärung des Selbstständigkeit Vorarlbergs im Rahmen eines zukünftigen Nachfolgestaates der Monarchie schufen sie einen politischen Tatbestand, der von den Organen der neuen Republik anerkannt und in den folgenden Jahren unbestritten war. Erstmals war Vorarlberg nun eine den anderen acht Ländern gleichgestellte politische Einheit mit eigener Verfassung, eigenen politischen Körperschaften und eigener Hoheitsverwaltung, soweit diese nicht vom Gesamtstaat wahrgenommen wurde. Es waren die wirtschaftlichen, politischen und religiösen Eliten, die diesen reserviert österreichischen Kurs steuerten, teils aus traditioneller Verbundenheit und teils, weil die politischen Realitäten und die Vorgaben der Siegermächte diesen Weg diktierten. Innerhalb weiter Teile der Bevölkerung war die Option eines Anschlusses an die Schweiz allerdings wesentlich populärer. Eine Öffnung hin zur reichen Schweiz war für die kriegsverarmte Bevölkerung attraktiv. Die Propagandisten dieses Anschlusses mussten aber gegenüber der Schweiz eine Argumentation entwickeln, die Vorarlberg nicht als Wirtschaftsflüchtling erscheinen ließ. Deshalb wurden gemeinsame Herkunft und Geschichte bemüht und erstmals der demokratische Geist der Vorarlberger(innen) beschworen.

Feindbild Wien

Bis in die 1980er-Jahre wurde das aufgebaute Wien-Feindbild in unterschiedlicher Intensität gepflegt: von konservativen und nationalen Politikern je nach Bedarf, von der Presse je nach Anlass und von einigen Vorarlberg- Ideologen bei jeder Gelegenheit. Mit Benedikt Bilgeri wurde ein namhafter Historiker beauftragt, die Legende vom jeher unabhängigen, demokratischen und in seinen Rechten von außen bedrohten alemannischen Vorarlberg geschichtlich zu grundieren. Die Landesregierungen, damals wie heute, machten den Grad ihrer föderalistischen Wachsamkeit aber stets von der Farbe der Bundesregierung abhängig. Die verhinderte Schiffstaufe in Fußach im November 1964 bildete den sichtbarsten Ausdruck und wurde zum bleibenden Symbol einer antizentralistischen Stimmung, die die Vorarlberger Interessen und Eigenständigkeit bedroht sieht. 15 Jahre danach versuchte die Initiative „Pro Vorarlberg“ mit dem Anti-Wien-Ressentiment politisches Kapital einzufahren, in Wirklichkeit war sie aber der Abgesang auf den geforderten Vorarlberger Sonderweg. Mit der Integration ins vereinte Europa muss nun Brüssel als politische Beschneidungsmacht regionaler Ansprüche herhalten. Wer sich seines Selbstwerts bewusst ist – dies scheint im Fall der Vorarlberger(innen) zunehmend der Fall zu sein – braucht keine externen Feindbilder. Die politische Geburt von 1918 ist erwachsen geworden.

EIN GASTBEITRAG VON MEINRAD PICHLER

Historiker und Autor

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