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100 Jahre Wirtschaft: Krisen, Erfolge, Umbrüche

Der Strukturwandel vom Textilland zu einer vielseitigen Industrie gilt als Erfolgsgeschichte.
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Der Zerfall der Habsburgermonarchie bedeutete für die heimische Wirtschaft eine enorme Umstellung. Die Industrie war auf den großen Binnenmarkt der Monarchie ausgerichtet. Nun fand man sich in einem Kleinstaat wieder. Viele stellten die wirtschaftliche Überlebensfähigkeit der jungen Republik infrage. 1919 wurde in Vorarlberg über einen Anschluss an die Schweiz abgestimmt. Das Ergebnis: Rund 80 Prozent Zustimmung, allerdings bei geringer Beteiligung. Unternehmerkreise sprachen sich aus wirtschaftlichen Gründen überwiegend gegen einen Anschluss aus. In Vorarlberg hatte sich bereits im vorangegangenen Jahrhundert die Industrie als stärkster Wirtschaftssektor etabliert, wobei die Textilerzeugung dominierte. Große Baumwollfabriken waren vor allem im Rheintal und Walgau entstanden. In den Gemeinden nahe der Schweizer Grenze hatte die kleingewerblich organisierte Stickerei große Bedeutung.

Warum man zum Industrieland wurde

Eine wesentliche Rolle spielten die geografische Lage und die verkehrstechnische Erschließung, die Nähe zur Textilnation Schweiz, traditionelles Know-how, ebenso die vielerorts vorhandene Wasserkraft. Außerdem lebten seit Jahrhunderten mehr Menschen im Land, als ernährt werden konnten. Manche wanderten daher aus, andere waren bereit, für einen geringen Lohn in den Fabriken zu arbeiten. Billige Arbeitskräfte sind bis heute ein Wettbewerbsfaktor für die Industrie. Notfalls wurden sie von auswärts angeworben. Mit der Industrialisierung wandelte sich Vorarlberg vom Auswanderungszum Einwanderungsland. Im Verlauf des Ersten Weltkriegs kamen die Rohstoffversorgung und damit auch die Textilfabriken weitgehend zum Stillstand. Nach Kriegsende wurden zudem traditionelle Absatzmärkte im Osten der vormaligen Monarchie durch Zollschranken abgetrennt. Unternehmen wie Franz M. Rhomberg oder Benger gründeten daher Niederlassungen in den Nachfolgestaaten, um diese zollfrei beliefern zu können. Für die Bevölkerung war die prekäre Zwischenkriegszeit vor allem durch Inflation und Arbeitslosigkeit geprägt. Ab 1921 kam es zu monatlichen Preissteigerungen von über 50 Prozent. Gewinner war die exportorientierte Industrie, weil ausländische Abnehmer vom günstigen Wechselkurs profitierten. Dagegen litt der Handel unter sinkender Nachfrage. Ab 1922 machte sich allmählich Arbeitslosigkeit im Land breit. Im Zuge der Weltwirtschaftskrise erreichte sie Anfang der 1930er-Jahre ihren Höhepunkt. Rund 20 Prozent der Vorarlberger Bevölkerung lebten von der Arbeitslosenunterstützung, die kaum für den Lebensmittelbedarf ausreichte. Entsprechend viele Menschen setzten ihre Hoffnungen in den aufkommenden Nationalsozialismus und in einen Anschluss an das scheinbar florierende Deutsche Reich.

Tausend-Mark-Sperre

Zusätzlich verschärft wurde die Wirtschaftslage 1933 durch die Tausend- Mark-Sperre. Um Österreich zu schwächen, berechnete das Deutsche Reich seinen Bürgern eine Gebühr von 1000 Reichsmark, wenn sie ohne Sondererlaubnis ins Nachbarland reisten. Besonders hart traf dies den heimischen Fremdenverkehr. Dieser hatte sich bereits im 19. Jahrhundert zunächst als Alpin- und Sommertourismus etabliert. Nach 1900 war auch der Wintersport in mehreren Regionen zu einem wichtigen Erwerbszweig geworden. Die meisten Besucher stammten aus Deutschland. Infolge der Tausend- Mark-Sperre brachen die Nächtigungszahlen ein. Die Anzahl der Gäste aus Deutschland sank innerhalb eines Jahres von fast 23.000 auf rund 2500.

Zweiter Weltkrieg

In traditionell liberal und deutschnational gesinnten Fabrikantenkreisen fand der Nationalsozialismus besonders viele Anhänger. Dornbirn als Zentrum der Vorarlberger Textilindustrie galt bereits vor dem Anschluss 1938 als „braunes Nest“. Nationalsozialistische Fabrikanten profitierten nach 1938, etwa bei der Übernahme enteigneter Betriebe oder durch die Erteilung von Aufträgen. Mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wendete sich das Blatt. Bald mangelte es an Rohstoffen und Arbeitskräften. Zuweisungen durch die NS-Bürokratie erfolgten vorwiegend an kriegswichtige Betriebe. Verlagerungen von Rüstungsbetrieben aus kriegsgefährdeten Gebieten nach Vorarlberg verschärften die Lage zusätzlich. In Fabriken und auf Baustellen wurden Zwangsarbeiter eingesetzt. Viele Betriebe stellten auf Rüstungsproduktion um. Bei Kriegsende 1945 lag die heimische Wirtschaft erneut am Boden. Allerdings herrschte im Gegensatz zu 1918 eine positive Grundstimmung. Die französischen Befreier waren um einen raschen Aufschwung bemüht, um das Land von Hilfeleistungen unabhängig zu machen. Sie verhielten sich pragmatisch bei der raschen Genehmigung von Wirtschaftsbeziehungen in die Schweiz. Milde gaben sich Besatzer und Behörden mit politisch belasteten Unternehmern, die man als wichtig für den Wiederaufbau ansah.

Wirtschaftswunder

Die Rüstungsindustrie während des Zweiten Weltkriegs führte in Vorarlberg nicht zu einem langfristigen Strukturwandel. Schon in den ersten Nachkriegsjahren lief die Textilindustrie wieder zu alter Form auf. Im Rahmen des Marshallplans wurden Maschinenparks modernisiert und Rohstoffe gekauft. Aushängeschild der florierenden Wirtschaft war die 1949 erstmals durchgeführte er Exportund Musterschau. Doch die Textilindustrie mit ihrem hohen Anteil gering qualifizierter Arbeitsplätze zeichnete sich auch durch niedrige Löhne aus. Wer die Möglichkeit hatte, arbeitete in besser bezahlten Branchen oder im benachbarten Ausland. Dementsprechend war man auf Zuwanderer angewiesen, die nach Kriegsende vor allem aus Inner- und Ostösterreich stammten, ab den 1960er-Jahren vermehrt aus dem ehemaligen Jugoslawien und der Türkei. Auch der Frauenanteil war in der Textil- und Bekleidungsindustrie überdurchschnittlich hoch. Mit der Unterzeichnung der Römischen Verträge im Jahr 1957 erfolgte die Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, aus der die heutige Europäische Union hervorging. Österreich war mit den teilnehmenden Staaten wirtschaftlich eng verbunden. Trotzdem schien ein Beitritt aus neutralitätspolitischen Gründen damals nicht möglich. Österreich entschied sich für eine Mitgliedschaft bei der lockeren Freihandelsgemeinschaft EFTA, an der auch die Schweiz beteiligt war. Die Folgen dieser neuen Zollgrenzen waren für Vorarlbergs Wirtschaft gravierend. Gingen Anfang der 1960er-Jahre noch die meisten Exporte nach Deutschland, war 1970 die Schweiz wichtigster Abnehmer. Gleichzeitig ließen sich deutsche Unternehmen in Vorarlberg nieder, um über einen Standort innerhalb der EFTA zu verfügen.

Der Abschied vom Textilland

Der Strukturwandel vom Textilland hin zu einer vielseitigen Industrie mit starkem Metall- und Elektrosektor, gilt als DIE Erfolgsgeschichte der heimischen Wirtschaft. Dabei hielt sich Vorarlbergs Textil- und Bekleidungsindustrie länger, als in manchen anderen europäischen Regionen. Doch im Verlauf der 1970er-Jahre wurde es auch für die heimischen Unternehmen immer schwieriger, gegen die wachsende Konkurrenz aus Billiglohnländern anzukommen. In immer kürzeren Abständen mussten Maschinen erneuert werden, um am Markt bestehen zu können. Was man noch Jahre zuvor für unmöglich gehalten hatte, wurde bittere Realität: Weit über hundert Jahre alte Flaggschiffe der heimischen Textilindustrie schlossen nacheinander die Tore. Im Verlauf der 1980er-Jahre arbeiteten schließlich mehr Menschen in der Metall- und Elektroindustrie, als im Textilbereich. Unternehmen wie Zumtobel Leuchten oder Julius Blum waren Global Player geworden und traten nun an die Spitze. Vorarlberg war kein Textilland mehr.

Wohlstand und Dienstleistungen

Eine weitere, für Industriestaaten typische Entwicklung, zeichnete sich nach 1945 auch in Vorarlberg ab. Mit wachsendem Wohlstand stiegen Angebot und Konsum an Dienstleistungen. Sparten wie Handel, Gesundheit, Bildung, Gastronomie und Tourismus gewannen an Bedeutung. Kleine Kaufläden konnten die Bedürfnisse nicht mehr decken und wichen Supermärkten und Einkaufszentren. In Talschaften bildet der Fremdenverkehr heute die Lebensgrundlage. Seit den 1990er-Jahren arbeiten in Vorarlberg mehr Menschen im Dienstleistungssektor, als in der Produktion. Ausschlaggebend dafür ist aber auch die Industrie selbst. Sie beflügelt die Nachfrage nach Logistik- und Transportleistungen, Nachrichtentechnik, Datenverarbeitung und anderen Wirtschaftsdiensten. Vorarlberg hat sich in den vergangenen hundert Jahren vom Textilland zu einem breitgefächerten Industrie- und Dienstleistungsstandort entwickelt. Eng vernetzte Global Player, Kleinund Mittelbetriebe bilden eine solide Basis. Gleichzeitig sind auch Wohlstand und Einkommen stark gestiegen. Galt Fabrikarbeit früher als gesundheitsschädlich und schlecht bezahlt, bieten heimische Unternehmen heute hochqualifizierte Arbeitsplätze.

In den 60er-Jahren wurde gegen den Kaufkraftabfluss mobil gemacht. 1978 eröffnete der Illpark in Feldkirch.

EIN GASTBEITRAG VON CHRISTIAN FEURSTEIN Leiter Wirtschaftsarchiv Vorarlberg

Das Wirtschaftsarchiv Vorarlberg wurde 1983 gegründet. Damals standen Schlagzeilen über die Schließung von Textilunternehmen an der Tagesordnung, deren schriftliche Nachlässe verloren zu gehen drohten. Heute sammelt und bewahrt das Archiv Quellen aus allen wirtschaftlichen Branchen, darunter Dokumente, Textilien, Gebäudepläne, Patentschriften oder Fotos. Auf Interesse stößt auch die bedeutendste werbegrafische Sammlung im Land. Neben der Sammlung historischer Quellen steht die Vermittlung wirtschaftsgeschichtlicher Themen im Fokus. Außerdem wurden zahlreiche Publikationen herausgegeben. Das Wirtschaftsarchiv befindet sich im Palais Liechtenstein in Feldkirch und wird von Wirtschaftskammer, Land, Arbeiterkammer, Industriellenvereinigung, Stadt Feldkirch sowie Unternehmen, Gemeinden und Institutionen unterstützt. Mehr Informationen unter 05522 77457 oder www.wirtschaftsarchiv-v.at

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