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„Man lebt nicht mehr, man wird gelebt!“

Wolfgang Meier im W&W-Gespräch.
Wolfgang Meier im W&W-Gespräch. ©Miro
Dornbirn, Feldkirch - Besonders hart trifft die sibirische Kälte die Ärmsten in unserer Gesellschaft. WANN & WO begab sich auf Lokalaugenschein in der Notschlafstelle der Caritas in Feldkirch und dem Kaplan Bonetti Haus in Dornbirn.
11.000 Vorarlberger müssen frieren

„Erst am Montagabend wurde ein schwer alkoholisierter Mann von der Polizei zu uns in die Notschlafstelle gebracht. Er wurde schlafend im Keller eines Rohbaus gefunden“, erzählt Wolfgang Meier, Leiter des Caritas-Bereichs Existenz und Wohnen. Trotzdem sei die Einrichtung in den Wintermonaten tendenziell nicht überfüllt, wie man angesichts der frostigen Temperaturen annehmen könnte, führt der 43-jährige Jurist und Sozialarbeiter fort. „Obdachlose Menschen bereiten sich sehr wohl auf die kalte Jahreszeit vor, im Sommer sehen sie es eher lockerer.“ Die Notschlafstelle am Feldkircher Jahnplatz besitzt acht Schlafstellen, von denen momentan sieben belegt sind. Notleidende Frauen haben die Möglichkeit, sich in gesonderten Räumlichkeiten aufzuhalten. „Unser primäres Angebot ist Soforthilfe in Form eines Betts. Die Notschlafstelle kann 28 Tage beansprucht werden. In dieser Zeit versuchen wir die Menschen individuell zu be­­­treuen. Suchtprobleme, Arbeitslosigkeit und Wohnungssuche stehen an der Tagesordnung, wir verfolgen einen generalistischen Ansatz, um die Menschen wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Ziel bleibt der umgekehrte Aufstieg aus der Spirale des gesellschaftlichen Abstiegs. Wohnungslosigkeit ist die krasseste Form von Armut“, schließt der 43-jährige Familienvater.

Besuch im Bonetti-Haus

In Dornbirn treffen wir Werner*, der uns von seinem Schicksal berichtet. „Bei mir fing es mit 28 auf der Hochzeit meines Bruders an. Es war Alkohol im Spiel, plötzlich fühlte ich mich unwohl und begann am ganzen Körper zu zittern. Später stellte sich heraus, dass dies der Anfang einer Sozio­­phobie war. Ich traute mich nur mehr alkoholisiert unter Menschen“, erzählt der 48-Jährige. Der gelernte Baupolier kam immer mehr ins Strudeln, gesundheitliche Probleme stellten sich ein. Inzwischen wird er von einem Sachwalter betreut. „Man lebt nicht mehr, man wird gelebt“, beteuert Werner. Im Kaplan Bonetti Haus findet er Solidarität. „Letzte Woche ist mein Kollege Stefan* von uns gegangen. Ich kannte ihn als freien Menschen, sein Verlust hat uns alle betroffen. Beim Besuch im Krankenhaus hat sein bester Freund Mathias ihm die letzte Ehre erwiesen“, führt Werner fort. Im Bonetti-Haus findet er Leidensgenossen, die sein Schicksal teilen. Sozialarbeiterin Helene Matt (47) arbeitet seit mittlerweile 25 Jahren in diesem Bereich. „Viele Menschen nutzen unsere Einrichtung untertags, um sich vor den kalten Temperaturen zu schützen. Wir haben ebenfalls die Möglichkeit der Notübernachtung, sie ist aber auf drei Tage begrenzt. Alkohol ist bei diesen Temperaturen besonders gefährlich, da die Menschen die Kälte nicht mehr spüren. Im Rausch ist die Gefahr zu erfrieren besonders groß.“ Ziel beider Einrichtungen bleibt eine nachhaltige Verbesserung der Situation der Menschen, die teils unter widrigen Umständen und unglücklichen Zufällen in eine Situation kamen, aus der sie aus eigener Kraft keinen Ausweg finden.

*Namen von der Redaktion geändert

(Wann & Wo/ Joachim Mangard)

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