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„Die Judenbank“ nur noch heute im „Löwen“

Hohenems. Nur noch heute Abend ist um 20 Uhr im Löwensaal das beeindruckende Einpersonenstück „Die Judenbank“ mit Ernst Konarek zu sehen, der das Premierenpublikum gestern Abend tief beeindruckte und dafür auch lang anhaltenden Applaus entgegennehmen durfte.
Bilder von der Premierenaufführung von "Die Judenbank"

Eingangs erinnerte Hanno Loewy, der Direktor des Jüdischen Museums, an den vor 75 Jahren erfolgten sog. „Anschluss“ Österreichs an Nazideutschland und an die damaligen Ereignisse in Österreich, Vorarlberg und Hohenems. (Text unten). Anschließend spielte sich Ernst Konarek eindrücklich und auf ergreifende Art in die Herzen der Premierengäste im Löwensaal:

Einziges Requisit auf der Bühne im Löwensaal ist eine Bank, der Lieblingsplatz von Dominik Schweinta, denn vor hier aus sieht man am besten auf den Bahnhof von Ottersdorf. Und Dominik Schweinta wollte doch in seiner Kindheit einst Lokomotivführer werden. Wie gesagt, sein Lieblingsplatz – doch plötzlich hängt da ein Schild „Nur für Juden“, obwohl es im ganzen Ort bekannterweise keinen Juden gibt.

Konarek schlüpft nun in verschiedene Rollen, etwa in die des Bruders oder des Bürgermeisters, doch keiner kommt seiner Bitte um Entfernung des Schildes nach. „Das Dorf ist eine einzige Pharisäerei. Die Nazis sind wie der braune Mist, der bei den Rindviechern hinten rauskommt“, stellt Schweinta schließlich resignierend fest und schreibt einen Brief an den „sehr geehrten Herrn Adolf Hitler“. In dem ersucht er „zur Aufrechterhaltung meines Sitzgewohnheitsrechtes“ Jude werde zu dürfen.

Er bekommt dann seine Sitzgelegenheit – aber nicht auf seiner geliebten „Judenbank“ sondern in einer Nervenheilanstalt. Das Stück nimmt schließlich ein bitteres Ende. „Morgen werden wir einen Ausflug machen an den Bodensee“, sagt Dominik Schmeinta, „aber denen trau ich nicht so recht.“ Denn er weiß genau, dass dies seine letzte Fahrt sein wird.

„Ich spiele in dem Stück ja verschiedene Rollen, ich bin nicht nur Dominicus Schweinta, ich spiele auch seinen Neffen, den Obernazi-Bürgermeister, ich spiele seine Nichte, ich spiele den Sohn von dem Obernazi usw. Es ist so ein ganzes Kaleidoskop einer Gemeinschaft, die durch den Nationalsozialismus gehörig in Schieflage geraten ist“, meint Ernst Konarek im VN-Interview mit Evelin Angerer. Und es gelingt ihm wunderbar, alle diese Figuren in ihrer Verblendung, ihrer Verlogenheit und ihrem Fanatismus dar-und bloßzustellen. Dafür dankte ihm das Premierenpublikum mit lang anhaltendem Applaus.

Einleitung von Dir. Hanno Loewy:

Die Judenbank – früher stand sie in mancher deutschen Groß- und Kleinstadt. Sich auf sie zu setzen, bedeutete, sich öffentlich selbst zu misshandeln. Als der Berliner Renée Leudesdorff sich vor fünf Jahren an seine Kindheit erinnert, da ist es siebzig Jahre her, dass im Deutschen reich die Synagogen angezündet wurden.

Im Stadtpark Schöneberg, heute Volkspark geht er 2008 spazieren, auf der Suche: „Doch halt! Wenige Schritte davor, die von hohen Büschen eingefasste Nische – ja, die gibt’s immer noch, und die Bank. Damals, vor 70 Jahren, war sie gelb gestrichen, heute steht hier ein grünes Exemplar. 1938 war sie die einzige ekel-gelbe im ganzen Park, von den Blicken abgesondert und mit abscheulicher Inschrift reserviert “Nur für Juden”. Und davor ich, der zehnjährige Quintaner, der nie hier einen Menschen sitzen sah.

Denn wer wollte sich schon in diese vermüllte Ecke setzen, sich in ihrem Gestank erholen? Auch ich, gerade ein halbes Jahr Hitlerjugend-Pimpf, konnte das nicht begreifen. Ich kannte doch Juden, das Bayerische Viertel bewohnten viele. Unser Zahnarzt Dr. Marx hatte mir stolz sein Eisernes Kreuz 1. Klasse aus dem Ersten Weltkrieg gezeigt, wohl meinend: “Mir kann nichts passieren.” 

Heute ist es 75 Jahre her, dass diese Bänke auch in Österreich aufgestellt wurden.

Am 11. März wurden auch im Gasthaus Weißes Kreuz in Dornbirn, einem Stammlokal Vorarlberger Nationalsozialisten, die Nachrichten aus Wien mit Jubel quittiert. Gauleiter Toni Plankensteiner und ein Trupp NSDAP-Mitglieder zogen nach Bregenz um Landeshauptmann Winsauer putschartig seines Amtes zu entheben. In Dornbirn zog ein nächtlicher Fackelzug durch die Stadt, während viele Bürger sich verängstigt zu Hause einschlossen.

Nationalsozialisten aus dem Hatlerdorf zogen vor das Haus Lustenauer Straße 3, in dem die jüdische Familie Turteltaub wohnte, und skandierten lautstark „Henkt die Schwarzen, henkt die Juden!“ der gröhlende Mob jagte zugleich den ehemaligen Landesobmann der Katholischen Jugend, Toni Winkler, über den Marktplatz. Es gab niemand mehr, der diesem Treiben Einhalt gebieten konnte. Zu viele, allzu viele Vorarlberger hatten schon lange auf genau diesen Tag gewartet.

Das Vorarlberger Tagblatt titelte mit einem großen Hakenkreuz und dem Aufmacher: „Der Sieg des Nationalsozialismus in Österreich“. Auf Seite 3 wurde Ottokar Kernstocks Hymne auf „Das Hakenkreuz“ abgedruckt. Ja genau, der Ottokar Kernstock, nach dem in Hohenems bis heute die Straße benannt ist, aus der die Polizei und die Feuerwehr kommt, wenn man sie braucht. Hoffentlich.

Wenn in Vorarlberg heute jüdische Grabsteine umgeworfen, eine Gedenktafel für Paul Grüninger im alten Rhein versenkt oder ein Asylwerberheim angefackelt wird, dann ist die Polizei ohnehin nicht zuständig. Es sind ja nur „Betrunkene“ am Werk…

Was hat sich sonst noch so abgespielt in Vorarlberg in jenen Märztagen vor 75 Jahren?

Am 14. März trafen die ersten von vielen hunderten von jüdischen Flüchtlingen in Feldkirch ein. In Wien waren sie misshandelt und dazu gezwungen wurden, mit Scheuerbürsten jene Parolen „für ein freies Österreich“ von den Straßen zu kratzen, die in den Tagen vor dem sogenannten Anschluss von österreichischen Patrioten auf die Straßen gepinselt worden waren.

In Feldkirch wurden sie von Vorarlberger SS-Leuten mit „Saujud“-Rufen empfangen. Man zog den Männern die Ringe von den Fingern, nahm den Frauen den Schmuck ab. Aber man ließ sie weiterfahren, in die Schweiz.

Am 15. und 16. März durchsuchte die Gestapo die Wohnungen von Juden in Bregenz. Die Gestapo war an diesem Tag aktiver als in Hohenems. In der Bahnhofstraße 35 gelang es ihnen, bei Fabrikdirektor Leopold Schwarz zwei, wie es heißt, „kommunistische Bücher“ zu beschlagnahmen, welche von Ing. Haselbacher von der Sicherheitsdienststelle Bregenz in Verwahrung genommen wurden. So vermerkt es stolz das Protokoll

Die Hausdurchsuchung bei Hans Huppert in der Felderstraße 10, hatte weniger Erfolg. Aber die Gestapo nahm dafür den Buchsachverständigen selbst erst einmal in Schutzhaft. Nicht fündig wurde die Gestapo auch bei David Brandes, in der Belruptstraße 30, Julius Krott in der Kaspar-Schoch-Straße 7, Alfred Ehrenzweig in der Bahnhofstraße 31, Abraham Bloch in der Kornmarktstraße 2, Samuel Spindler, in der Klostergasse 38 und auch beim Hohenemser Harry Weil, in der Bregenzer Staudachgasse 11, fanden sie nichts. Aber darum ging es auch nicht. Sie hinterließen etwas. Angst.

Harry Weil hatte sich gerade wieder mit seiner Familie in Hohenems niederlassen wollen. Seine Mutter war gestorben, er wollte den Spielwarenladen seiner Familie neu einrichten und vergrößern. Zugleich hatte er sich nach St. Gallen beworben um dort als Kantor der jüdischen Gemeinde zu wirken. Der leidenschaftliche Musiker, Gründer des Hohenemser Nibelungenchores, meinte, er habe doch alle Sulzer Gesänge drauf. Und er könne ja leicht zwischen Hohenems und St. Gallen pendeln. Daraus wurde nichts.

Der Terror hatte schon früher begonnen. Vor dem Haus der Elkans in Hohenems hatten Illegale Nazis, und das war in Vorarlberg zwischen 1934 und 1938 für viele längst ein Ehrentitel, in der Brunnerstraße hatten sie ihre famosen „Böller“ gezündet, wie es so verharmlosend hieß. An anderen Orten in Vorarlberg benutzten sie schon damals richtigen Sprengstoff. Nur noch nicht gegen Menschen.

Wenige Tage nach dem Anschluss wurde die Brunnerstraße umbenannt, sie sollte nicht länger an die jüdische Familie erinnern, die Hohenems im 19. Jahrhundert mitgestaltet hatte, sondern an einen jener Illegalen, der schon 1934 zum Terroristen wurde, den Mörder des Innsbrucker Polizeikommandanten Hickl, Friedrich Wurnig.

Das war das Maß des Heldentums, das fortan gefeiert wurde.

Harry Weil floh im Sommer 1938 in die Schweiz, dann in die USA, seinen Bruder Louis holten sie ab und ermordeten ihn in Dachau, schon im August.

Ivan Landauer, den zu ruinieren es reichte, ihm seine Gastwirtkonzession zu entziehen, floh ebenfalls in die Schweiz, so wie Sarah Fränkel und auch die meisten der Bregenzer Juden. Die, die blieben, weil sie an soviel Bosheit nicht glauben wollten, sie überlebten nicht.

Seit 1945 wird davon geredet, was wir alles aus der Geschichte lernen sollen, und gelernt haben sollen. Aber das ist eine trügerische Euphorie. Das Eis auf dem wir gehen ist ziemlich dünn.

Wie es mit dem demokratischen Bewusstsein in Österreich steht, nun ja das Linzer Market-Institut hat gerade mal wieder die Menschen in diesem Land befragt. Umfragewerte, die ich unkommentiert lasse.

61% wünschen sich einen starken Mann an der Spitze Österreichs

57 % finden es absolut in Ordnung, wenn es Leistungen des Staates nur „für das eigene Volk“ gibt

42% finden, dass unter Hitler doch „nicht alles schlecht war“

39 % halten Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung für möglich und 17% für sehr wahrscheinlich.

61 % der Österreicher finden, dass die Nazizeit schon ausreichend aufgearbeitet sei.

Die ehemalige Brunnergasse heißt immer noch nach einem unbekannten Herrn Schweizer, die Kernstock-Straße heißt noch immer nach Herrn Kernstock, so wie die Lueger-Straße in Feldkirch noch immer nach dem bislang nicht identifizierten Verwandten eines früheren Wiener Bürgermeisters, und nach Aron Tänzer, Harry Weil, Hans Elkan und manchen anderen heißt noch immer: nichts.

Nun steht eine „Judenbank“ auf der Bühne des Hohenemser Löwen. Harry Weil ist oft hier aufgetreten oder hat sich mit seinen Hohenemser Freunden hier vergnügt.

Noch in seinem amerikanischen Nachkriegsexil hat er das Hohenemser Gemeindeblatt gelesen. Und als er 1967 darin las, dass der Löwen nicht abgerissen würde, sondern nur „die Ecke abkommt“, da hat er seinem Freund Gebhard Klien sofort eine glückliche Postkarte geschickt.

Was er heute wohl sagen würde, wenn er diese, irgendwie auch seine Geschichte auf der Bühne seines geliebten Löwen sähe. Wir wissen es nicht. Aber die Straßennamen in Hohenems würden ihn jedenfalls noch immer verwirren. Da bin ich mir sicher.

 

 

 

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