Wiener Festwochen: Quickguide to Mahabharata von Peter Brook

100.000 Doppelverse umfasst das Mahabharata, jenes jahrtausendealte hinduistische Gründungsepos, das Peter Brook vor 30 Jahren als neunstündige Bühnenversion umgesetzt hat. Nun ist der britische Regiealtmeister in die Welt der Veden zurückgekehrt: Am Freitag zeigten die Wiener Festwochen “Battlefield”: ein Quickguide to Mahabharata, 70 Minuten indische Philosophie als Theater-Fast-Food.

Hat sich Peter Brook mit seinen 92 Jahren dem Zeitgeist der flüchtigen Konsumation angedient? Ein Stück weit vielleicht. Eine Wiederaufnahme der Langversion, die er 1990 auch verfilmte, sei heute undenkbar, sagte Brooks langjährige Mitarbeiterin Marie-Helene Estienne, die mit ihm gemeinsam die Kurzfassung erarbeitete, im Vorjahr dem “Guardian”. Das weite Land des Volksepos bereisen die beiden diesmal mit leichtem Gepäck und dickem Rotstift: “Destillieren” nennt Brook den Prozess des Kürzens und Filterns, der sowohl inhaltlich, als auch visuell in eine Form der Askese führt.

Die komplizierte Familiengeschichte der Bharatas wird auf den Moment am Ende des großen Krieges konzentriert, als Yudhishthira, von Zweifel und Schuldgefühlen ob der vielen Opfer geplagt, sich seinem Schicksal als neuer König fügt. In Gesprächen mit seiner Mutter, seinem Onkel und seinem Großvater, in Rückblenden und in Gleichnissen wird die Basis des hinduistischen Weltbildes beschworen: Nicht Gut und Böse, nicht Ursache und Wirkung, nicht Leben oder Tod sind die Triebfedern der Existenz, sondern das Schicksal und die Wahrheit.

Dabei beweisen Brook und Estienne ein erstaunliches Geschick, der Peinlichkeit und dem esoterischen Pathos auszuweichen. Mit Humor, einer gewissen, wissenden Nüchternheit der vier Darsteller (Carole Karemera, Jared McNeill, Ery Nzaramba, Sean O’Callaghan) und einem absoluten Minimum an Ausstattung beweist dieses “Battlefield” feines Regiehandwerk, das die schlichte Magie des Geschichtenerzählens beherrscht.

Dennoch: Die religiöse und philosophische Wucht des Mahabharata hat mit seiner Länge, mit seinen zahllosen Zirkeln und Wiederholungen, mit seinen Digressionen und wechselnden Zentren nicht nur in verstärkender, sondern in ursächlicher Weise zu tun. Eine Kurzfassung kann deshalb immer nur ein Zitat, aber eben kein Destillat sein. Die Bedeutung des Abends fällt daher zwingend hinter seine gekonnte Machart zurück: Zu manchen Zielen gibt es einfach keine Abkürzung. Freundlicher Applaus.

(APA)

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