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Wie können Probiotika helfen?

Wie können Probiotika helfen?
Oberarzt Dr. Bert Grießhammer vom LKH Bregenz begann seinen Vortrag provokativ mit dem Ausdruck „Mistthema“ - auch wenn dies nur aus der Sicht des Darmexperten zu sehen war. Sein Urteil über die im Handel erhältlichen Probiotika fiel nicht wirklich positiv aus.

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Sie sind in aller Munde. Hauptsächlich als Joghurts, Milch, Quark, Müsli, jetzt aber auch schon als Wurst.“ Deshalb begann Grießhammer mit der Erklärung, was Darmbakterien für den Körper bedeuten.

Es gibt krankheitsmachende (pathogene), wie Salmonellen etc., dazu (meist) unschädliche, und schließlich gesundheitsfördernde, eben die Probiotika. Die wissenschaftliche Definition: „Probiotika sind lebende, nicht krankmachende Keime, die - in ausreichender Zahl verabreicht - einen vorsorgenden oder therapeutischen Effekt auf den Wirt haben.“

Pro-, Prä- und Antibiotika ...

Der Fachmann erklärte den Unterschied zwischen Pro- und Antibiotikum, wobei letztere für ihn die wichtigste Erfindung in der Medizin und das „beste Medikament, das wir haben“, bedeuten. Präbiotika wiederum sind Subs-
tanzen, die im Dünndarm nicht verdaut und so erst im Dickdarm durch die Darmbakterien verarbeitet werden, z.B. Inulin, Pektine oder Lactulose. Sie fördern das Wachstum von Bifidobakterien und Lactobazillen und haben sehr wohl einen gesundheitsfördernden Aspekt.

Das Problem dabei sind die Wirkmechanismen, die sehr vielfältig sind - Grießhammer betonte, dass Probiotika nicht wie Medikamente anwendbar sind: Es ist sehr schwierig, das richtige Probiotikum für die richtige Anwendung zu finden.

Vieles noch „Science Fiction“

Probiotika können die Verdrängung krankmachender Keime von der Darmwand und in der Folge weniger Darminfekte und Durchfälle bewirken, auch die Beeinflussung von Entzündungszellen ist möglich.“ Das Fazit des Oberarztes ist aber noch wenig ermutigend: „Es gibt sehr viele Anwendungsmöglichkeiten, aber das ist alles noch Science Fiction. Die Dinge wurden im Labor getestet, aber es ist noch nicht erwiesen, dass es beim Menschen auch so funktioniert!“

So wären Übergewicht und Unterernährung behandelbar, könnten krankmachende Bakterien zum Absterben gebracht werden, aber: „Es gibt keinen probiotischen Mikroorganismus, der alle diese Eigenschaften aufweist!“ Für Grießhammer ist es wichtig, zwischen probiotischer Nahrung und Medikamenten zu unterscheiden: „Bei Medikamenten sind viele Versuche, wie und in welcher Zusammenstellung sie funktionieren, notwendig. Bei Nahrungsergänzungsmitteln genügt nur irgendein Nachweis nötig, dass ein positiver Effekt möglich ist. Und das oft nur im Labor, teilweise überhaupt nicht auf den Menschen anwendbar!“ Für Grießhammer ist wichtig: „Man kann diese Produkte nicht nur einmal einnehmen, und die gesunden Darmbakterien wachsen dann weiter. Wenn Sie aufhören, die Probiotika einzunehmen, sind die positiven Bakterien in kurzer Zeit wieder weg.“

Kosten und Nutzen vergleichen

Der Fachmann weiter: „Ich will die Produkte nicht schlecht machen. Vielleicht schmeckt es wirklich besser, vielleicht hat man mehr Kraft - aber man sollte auch überlegen, ob es wirklich was bringt, und ob es das wert ist.“ Ein wichtiges Detail: Die positiven Bakterienstämme überstehen meist nur in sehr geringem Prozentsatz die Magensäure - deren Aufgabe es ja hauptsächlich ist, Bakterien abzutöten. Bis die Probiotika im Dickdarm ankommen, wo sie ja wirken sollten, ist meist nur noch ein kleiner Teil übrig.

Dr. Thomas Flatz widmete sich dem Thema Darmflora und Immunsystem als Grundlagen unserer Gesundheit. Die Darmflora dient der Förderung des Stoffwechsels der Darmzellen sowie der Stimulation der Darmbewegungen und Ausbildung des darmassoziierten Immunsystems. Sie wird schon als Kind erworben - und ist ganz wichtig für die Zusammensetzung und Prägung des menschlichen Immunsystems im Darm.

Der Darm dient als Barriere: Er muss Nährstoffe aufnehmen, Giftstoffe dürfen aber nicht in den Körper gelangen. Dr. Flatz erklärte Störungen der Darmflora, der Immunabwehr (Zöliakie) und auch die chronisch entzündlichen Erkrankungen wie Morbus Crohn und Colitis Ulcerosa. Bei der Zöliakie ist eine völlige Symptomfreiheit etwa nur bei strikter glutenfreier Diät (dem Verzicht auf die meisten Getreidesorten), und das lebenslang, möglich.

Fragen aus dem Publikum

Hat der Darm auch etwas mit der psychischen Gesundheit zu tun?

Dr. Flatz: Wenn der Darm gesund ist, ist die Psyche vielleicht auch gesund, und umgekehrt. Eine Beeinflussung ist sicher gegeben - man glaubt inzwischen aber nicht mehr, dass die Colitis Ulcerosa eine psychische Erkrankung ist. Dr. Grießhammer: Bei jeder Erkrankung spielt die Psyche eine Rolle. Die funktionellen Darmerkrankungen (jeder Dritte weltweit ist betroffen) zeichnen sich durch Schmerzen aus. Es gibt dabei drei Faktoren als Verstärkung: Stress, Nahrungsmittel - und die Menstruation.

Es heißt ja so schön, „an apple a day keeps the doctor away“ - hilft das Essen von Obst?

Dr Flatz. Ich glaube schon, dass es dem Darm guttut. Man braucht eine gewisse Menge an Ballaststoffen, die im Obst vorhanden sind - das ist sicher gut für den Darm.

Ist eine Entgiftung des Darms möglich - kann eine Mayr-Kur helfen?

Dr. Grießhammer: Ich habe keine Ahnung von der Mayr-Kur. Aber ich glaube, dass sich der Darm nach kurzer Zeit wieder mit den ganz normalen Keimen besiedelt - bin aber kein Experte. Mag für eine Woche ganz nett sein, man fühlt sich dann eine Zeitlang auch besser.

Ist eine Entgiftung überhaupt nötig?

Dr. Flatz: Es gibt verschiedene Institute, die anbieten zu bestimmen, welche Keime man im Darm hat. Das ist eine Geschäftemacherei - 70 Prozent der Bakterien im Darm kann man nicht kultivieren, und demnach auch keine Aussage treffen. Vermeiden Sie es, sich irgendwie Geld abknöpfen zu lassen für solchen Nonsens.

Angeblich sind ja 40 Prozent der älteren Menschen mit Helicobakter infiziert - wird das nur behandelt, wenn Komplikati- onen auftauchen?

Dr. Flatz: Man weiß nicht, wer die 40 Prozent sind. Man behandelt das grundsätzlich dann, wenn jemand eine Folgeerkrankung dieses Keimes hat. Sonst ist er wahrscheinlich relativ harmlos - in anderen Ländern 70 Prozent der Bevölkerung infiziert.

Stimmt es, dass im Dickdarm Schlacken verbleiben, und dass man dem mit Darmspülungen entgegenwirken kann?

Dr. Flatz: Das glaube ich nicht. Der Transport des Stuhlganges ist notwendig, jeder hat seine eigene Darmflora - da ist keine Entschlackung notwendig, ich sehe wieder eher eine Geschäftemacherei.

Welchen gesundheitlichen Wert hat ein ganz normales Joghurt?

Dr. Grießhammer: Das esse ich sehr gerne, es ist auch sicher nicht schädlich. Ob ein gesunder Mensch Joghurt braucht, sei dahingestellt - ich bezweifle, dass da viel von diesen lebenden Keimen im Dünndarm ankommen. Schaden wird es nichts, brauchen tun wir es eher nicht - es ist aber sicher sinnvoller als Cornflakes.

Was halten Sie von der Bifidus-Milch?

Dr. Grießhammer: Ich bin kein Mikro-Biologe. Es reicht nicht, irgendwelche Bifido-Bakterien zu nehmen - das ist einfach zu ungenau. Die positive Wirkung tritt nur ein, wenn Sie genau den richtigen Bakterienstamm zu sich nehmen. Sie werden keinen Schaden anrichten - man fühlt sich nach einem Joghurt wohler, schon allein, weil es leicht verdaulich ist.

Wenn gesunde Ernährung oder probiotische Medikamente keine dauerhafte Verbesserung der Darmflora erreichen können - was ist dann Ihre Maßnahme?

Dr. Grießhammer: Es gibt Daten, dass diese Präparate schon gegen leichte Verstopfung wirken können. Wenn Sie es probieren, und es hilft Ihnen, dann nehmen Sie es halt. Es gibt auch andere Mittel dagegen. Wenn Sie es mit Ihrem Geldbeutel vereinbaren können, nehmen Sie es halt.

Aber eine gesunde Darmflora ist wichtig?

Dr. Grießhammer: Das Immunsystem muss trainiert werden - die Immunabwehr lernt, auf die Erreger zu reagieren. Deshalb passiert dieses Training bereits in der Frühphase. Stillen scheint zum Beispiel einen sehr günstigen Effekt zu haben.

Darmflora und Immunsystem

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