Was moderne Schmerztherapie heute leistet

Von Marlies Mohr
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Dr. Ruth Krumpholz beim Mini Med-Vortrag im Wolfurter Cubus Dr. Ruth Krumpholz beim Mini Med-Vortrag im Wolfurter Cubus - © Roland Paulitsch
Schmerz ist eine weise Empfindung – Nur chronisch sollte er nicht werden. Dieses Ziel verfolgt die Schmerztherapie.

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Es gibt Kulturen, in denen der Schmerz zur Kunst erhoben und das Aushalten als Sieg gefeiert wird. In unseren Breiten ist die Bevölkerung weniger heroisch eingestellt. Hier gilt das Recht auf eine Schmerzbehandlung. „Das ist legitim“, bekräftigte Primaria Dr. Ruth Krumpholz beim Mini Med-Vortrag im Wolfurter Cubus zum Thema Schmerz. Eine gänzliche Schmerzfreiheit sei jedoch Illusion, warnte die Leiterin der Anästhesie im LKH Bludenz vor übertriebenen Erwartungen. Sie verwendet lieber den Begriff „schmerzarm“, weil dieses Ziel realistischer erscheint.

Positive Eigenschaften

Schmerz zu definieren erweist sich als schwierig. Selbst Ärzten fällt es schwer. „Ein Bluthochdruck lässt sich konkret behandeln“, verdeutlichte Ruth Krumpholz an einem Beispiel. Schmerz hingegen empfinde jeder anders und werde von jedem auch anders artikuliert. Krumpholz selbst definiert Schmerz als etwas Subjektives, das nur vom Patienten beschrieben werden kann. Nicht umsonst lässt die Schmerztherapie noch viele Fragen offen.

Geklärt ist indes die Schmerzentstehung. Feine Rezeptoren, die überall im Körper vorhanden sind, leiten den Schmerz über das Rückenmark ins Gehirn weiter. Grundsätzlich sei Schmerz eine weise Empfindung, so die Anästhesistin. Denn er wirkt als Frühwarnsystem. „Müssten wir auf den Befehl vom Großhirn warten, würde das viel zu lange dauern“, erklärte Krumpholz. Akuter Schmerz hingegen verursacht einen Reflex, der zum Handeln zwingt.

Eine weitere positive Eigenschaft von Schmerz ist die Ausschüttung von Endorphinen. „Sie wirken wie Morphium und ermöglichen es beispielswiese Unfallopfern, sich aus der Gefahrenzone zu bringen, indem sie Schmerzen kurzfristig ausschalten“, so die Ärztin. Ansonsten wäre man buchstäblich „vor Schmerzen wie gelähmt“. Diese Schutzfunktionen verpuffen allerdings, sobald der Schmerz chronisch wird. Das zu verhindern bezeichnete Ruth Krumpholz als wichtigste Aufgabe von Schmerztherapeuten.

Behandlung nach Schema

Ziel ist eine individuell angepasste Behandlung. Dazu gibt es ein Stufenschema, das leichte Schmerzmittel bei leichten Fällen, starke Mittel (Opiate) bei schweren Fällen und spezielle Techniken bei ganz schweren Fällen vorsieht. Prinzipiell beginnt die Schmerztherapie schon vor einer Operation. „Der Patient soll ja schmerzfrei aufwachen“, begründete Krumpholz. Tabletten, Zäpfchen, Tropfen, Infusionen, Spritzen oder Schmerzpumpe: Verabreicht wird, was der Bedarf erfordert. Die Gründe für eine effektive Schmerztherapie liegen auf der Hand. Patienten können schneller mobilisiert werden, dadurch gibt es weniger Komplikationen wie etwa Lungenentzündungen und der Spitalsaufenthalt verkürzt sich.

Schmerzgedächtnis

Vor allem aber wird die Chronifizierung von Schmerzen vermieden. „Unbehandelter Schmerz erzeugt nämlich ein Schmerzgedächtnis“, erläuterte Dr. Ruth Krumpholz. Hat es sich erst einmal festgesetzt, kann schon die kleinste Berührung Schmerzen auslösen. Zudem sind chronische Schmerzen schwer behandelbar. Neben körperlichen Problemen gehen damit oft auch soziale einher. Angst, Depression, Arbeitsplatzverlust, soziale Isolation – ein Teufelskreis, der sich nur mithilfe einer Kombination aus medikamentöser und psychosozialer Therapie durchbrechen lässt.

Mini Med-Fragen

Wie werden chronische Berührungsschmerzen behandelt?
Krumpholz: Am besten wirken Antidepressiva, da sie schmerzhemmende Bahnen aktivieren. Klassische Schmerzmittel wie Opiate oder Rheumamittel zeigen eher keinen Nutzen.

Warum leiden mehr Frauen unter chronischen Schmerzen als Männer?
Krumpholz: Bei Frauen ist die Schmerzschwelle generell höher. Allerdings sind Frauen schlechter behandelt. Sie werden vielfach auf die Psychoschiene abgeschoben. Vermutlich, weil sie den Schmerz emotionaler schildern.

An wen kann man sich bei chronischen Schmerzen wenden?
Krumpholz: Es besteht in Vorarlberg keine wirkliche Schmerzambulanz. In der Palliativstation im LKH Hohenems gibt für spezielle Fälle eine interdisziplinäre Konferenz. Ansonsten sind die niedergelassenen Allgemeinmediziner zuständig.

Schadet eine längere Einnahme von Diclofenac dem Körper?
Krumpholz: Zum einen sollte man immer einen Magenschutz dazu nehmen, um die Bildung von Geschwüren zu vermeiden. Außerdem kann dieses Rheumamittel bei längerer Einnahme zu massiven Nierenschäden führen. Dass kann bis zur Dialyse gehen.

Sollte man Schmerzmittel wählen, die über die Leber abgebaut werden?
Krumpholz: Alles, was über die Leber abgebaut wird, schädigt sie auch. Deshalb wären Opiate besser, das sie keine Organe beeinträchtigen. Sie werden deshalb zunehmend in der chronischen Schmerztherapie eingesetzt. Es kommt jedoch zu Nebenwirkungen wie Übelkeit, Juckreiz, Erbrechen oder Verstopfung.

Warum hat man in der Nacht die meisten Schmerzen?
Krumpholz: Das rührt sehr wahrscheinlich daher, dass man tagsüber eher etwas abgelenkt ist. Sonst macht es keinen Unterschied.

Warum machen in der Schmerztherapie verwendete Opiate nicht süchtig?
Krumpholz: Weil diese ganz langsam im Körper freigesetzt werden. Drogensüchtige brauchen hingegen den schnellen Effekt. Auch ein Schmerzpatient ist abhängig und würde bei Absetzen Entzugserscheinungen bekommen, aber er ist nicht süchtig. Ich erkläre es immer so: Menschen sind von der Brille abhängig, aber nicht danach süchtig. So ist es auch bei den Schmerzmitteln.

Wie erkennen Sie, ob die Narkose wirkt und der Patient nach dem Eingriff schmerzfrei ist?
Krumpholz: Wenn Herzschlag und Blutdruck steigen ist das ein Zeichen, dass er mehr Schmerzmittel braucht. Die Narkosetiefe wiederum wird anhand der Hirnströme gemessen.

Ich habe Diabetes und starke Schmerzen in den Beinen. Was kann ich dagegen tun?
Krumpholz: Diabetes macht Gefäße und Nerven langsam kaputt. Deswegen die Schmerzen in den Beinen. Man kann diese mit Opiaten oder Antidepressiva behandeln.

Körper sendet Signale durch Schmerz

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