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Von den Knochen im Stich gelassen

Von den Knochen im Stich gelassen
von Marlies Mohr - Feldkirch -  „Kümmern Sie sich früh genug um Ihre Knochengesundheit und ermöglichen Sie vor allem Kindern, ein aktives Leben zu führen.“ Der Appell von Primar Dr. Günter Höfle und Primar Dr. Thomas Bochdansky an die vielen Mini Med-Besucher im Montforthaus in Feldkirch war deutlich. Denn Osteoporose hängt stark mit dem Lebensstil zusammen.

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Doch es ist nicht nur das. Brüchige Knochen machen anfällig für Stürze, verursachen Schmerzen und können vorzeitig in die Pflegebedürftigkeit führen. Ein entsprechendes Training, für das es laut Ärzte „nie zu spät ist“, eine Ernährungsumstellung und, wenn erforderlich, eine medikamentöse Therapie können helfen, die Knochen stabil halten.

Günter Höfle, Chefarzt im LKH Hohenems, räumte zu Beginn seines Vortrages mit einer weitverbreiteten Meinung auf. „Die Knochendichte allein sagt nichts über die Knochenqualität aus“, stellte er klar. Es komme auch auf die Stärke des Knochenbindegewebes, die Verteilung der Knochenmasse und deren Materialeigenschaften an. So ist zum Beispiel der Mineralgehalt enorm wichtig für die Stabilität. Insgesamt handelt es sich bei der Osteoporose um eine Skeletterkrankung mir reduzierter Knochenqualität, die meist das gesamte Skelett betrifft, also systemisch ist. Im schlimmsten Fall bleibt vom Skelett nur noch ein Skelett, wie entsprechende Bilder eindrucksvoll zeigten.

Schätzungsweise 750.000 Betroffene gibt es in Österreich. „Das sind jede 3. Frau und jeder 7. Mann über 50“, konkretisierte Höfle. Eigene Zahlen gibt es allerdings nicht. Was den Internisten zur Aussage veranlasste, dass man sich angesichts des Ausmaßes durchaus einmal die Mühe solcher Erhebungen machen könnte. Osteoporose selbst wird häufig nur in Zusammenhang mit Knochenbrüchen gesehen. „Aber es geht auch um die Haltung“, so Günter Höfle. Denn Einbrüche der Wirbelkörper, die oft lange unbemerkt bleiben, führen in der Folge zu einem Buckel. Gebückt durchs Leben gehen zu müssen sei auch ein psychologisches Problem. Berücksichtigt werden sollten auch Schmerzen, die ohne Bruch auftreten. „Man bewegt sich dann weniger und der Knochen baut weiter ab“, warnte Höfle.

Ein erster Schritt zur Diagnose ist die Knochendichtemessung, eine Art Mini-Röntgen, das völlig schmerzfrei von statten geht.  Sie wird in Österreich für Frauen ab 65 und für Männer zwischen 50 und 70 empfohlen. Frühere Messungen sind dann angezeigt, wenn Risikofaktoren vorliegen wie etwa eine familiäre Belastung, niedriges Körpergewicht, Rauchen oder unklare Schmerzen in der Wirbelsäule vorliegen. Allgemeine Risikoparameter sind das Alter, Bewegungsmangel, Vitamin-D-Mangel, eine ungesunde Ernährung und eine niedrige Knochendichte schon in der Jugend. Auch Alkohol und Nikotin setzen dem Skelett zu. Primar Höfle berichtete von Patientinnen, die schon mit 20 mehrere Wirbelbrüche hatten.

Ebenso können Medikamente den Knochenstoffwechsel negativ beeinflussen. Kortison und Hormone zur Krebsbehandlung gehören in diese Kategorie. Auch Erkrankungen hormoneller Art, Rheuma, Nieren- und Magen-Darmerkrankungen sowie Tumore verursachen Osteoporose. Erhärtet sich der Verdacht darauf, rät Höfle den Patienten, eine Blutuntersuchung zu fordern. Denn damit ließen sich etwa Schilddrüsenprobleme, die Osteoporose ebenfalls fördern, erkennen. Solches habe dann auch Einfluss auf die Therapie.

Deren Ziele sind: Knochenbrüche verhindern, Knochenmasse aufbauen, Mobilisation und Lebensstil verbessern. Die Basismaßnahmen dazu: Vitamin D tanken, wenn nötig in Form von Tropfen, die laut Höfle gut verträglich sind, kalziumreich essen und osteoporosefördernde Medikamente auf ihre Notwendigkeit prüfen. Dieser Aspekt komme häufig zu kurz. So weiß man, dass etwa Magenschutztabletten, Schlafmittel, Antidepressiva und Schilddrüsenhormone negativ auf den Knochen wirken. Der Internist verwies außerdem auf einen Risikorechner im Internet, der anhand diverser persönlicher Angaben die Chancen hochrechnet, in den nächsten zehn Jahren einen Knochenbruch zu erleiden. „Auf dieser Basis kann auch abgeklärt werden, ob ein Medikament erforderlich ist oder nicht“, sagte Höfle.

In diesem Bereich hat die Medizin große Fortschritte gemacht. Es gibt eine Vielzahl an Optionen, von der Tablette bis zur Einjahres-Spritze. Diese Medikamente wirken direkt auf die Knochenabbauzellen. Nach drei Jahren liegt der Knochendichtezuwachs in der Wirbelsäule bei 6 und im Oberschenkel bei 4 Prozent. „Das erscheint nicht viel, tatsächlich jedoch wird die Stabilität überproportional besser und das Knochenbruchrisiko halbiert“, konnte Günter Höfle berichten. Eingebrochene Wirbel wiederum lassen sich durch das Einspritzen von Kalk wieder aufrichten.

 

„Schwingen Sie das Tanzbein“

Rumpfstabilität und Sturzprävention sind die wichtigsten Therapieansätze.

Mit den biomechanischen Grundlagen der Knochen befasste sich Primar Dr. Thomas Bochdansky. Er ist in der Rehabilitation tätig und leitet seit Kurzem die neue Rehaklinik Montafon in Schruns. Schenkelhals-, Wirbel- und Unterarmbrüche bezeichnete er als die drei großen Problemzonen. Doch warum werden Knochen überhaupt brüchig. Die Antwort ist einfach: „Im Körper gibt es ein permanentes Wechselspiel zwischen Osteoklasten, das sind Fresszellen, die den Knochen abbauen, und Osteoblasten, also jenen Zellen, die den Knochen wieder aufbauen“, erklärte Bochdansky. Führt etwas in diesem Wechselspiel zu einem Ungleichgewicht, gewinnen die Fresszellen die Oberhand und knabbern sich frisch-fröhlich durchs Skelett, bis nur noch Bruchstücke davon übrig sind.

Sturzgefahr reduzieren

Werden die vertikalen Verbindungen zwischen den Knochen brüchig, reduziert das zwangsläufig ihre Belastbarkeit und sie brechen unter Umständen schon ohne besondere Einwirkung. Knochen verfügen auch über eine gewisse Elastizität und sie sind - messbar - elektrisch. „Diese Eigenschaft führt dazu, dass sie sinnvollerweise nur entlang der Belastungszonen aufgebaut werden“, so Bochdansky. Für ihn ergeben sich daraus an therapeutischen Zielen die Rumpfstabilität und Sturzprävention.

Vor allem die Sturzgefahr ist ein zutiefst weibliches Thema. Laut Statistik stürzen mehr als 90 Prozent der über 60-jährigen Frauen. Aber nicht vom Stuhl oder von der Leiter, sondern auf gleicher Ebene. Aufgestellte Teppichkanten und Türschwellen sind fatale Stolperfallen. „Die gehören beseitigt“, mahnte der Arzt für Physikalische Medizin. Übrigens genügt auch schon ein Sturz aufs Knie, um sich die Hüfte zu brechen. Die immer wieder heiß diskutierten Protektoren sind laut Bochdansky sehr wohl wirksam. Doch nur, wenn sie „getragen werden und nicht in der Schublade liegen“. Obwohl er auch die Vorbehalte versteht. „Damit zu schlafen ist nicht das Angenehmste.“

Muskeln aufbauen

Ein besonderes Anliegen war ihm die Rumpfstabilität. Denn: „Der Rumpf ist das Fundament jeder Bewegung.“ Der Muskelprotz sei aber kein Vorbild, weil hier oft eine Dysbalance zwischen oberflächlichen und tiefen Muskeln vorliege. Es geht also um einen moderaten Aufbau von Muskelpartien. „Beckenboden- und Atemübungen für das Zwerchfell nützen auch der Wirbelsäule“, merkte Primar Thomas Bochdansky an. Ebenfalls ein wesentliches Thema ist das Krafttraining. „In welcher Form auch immer.“ Neue Studien haben Pilates eine sehr gute Wirkung auf die Balance bescheinigt. Auch Bälle an die Wand werfen, während man auf einem instabilen Untergrund steht, bringt das Gleichgewicht in Form. Schwimmen hat hingegen keinen Effekt auf eine Osteoporose. Grund: Es fehlt der mechanische Belastungsreiz auf die Knochen. Der ist laut Thomas Bochdansky umso mehr beim Tanzen gegeben. Wofür man sich auch entscheidet: „Das Training sollte immer Spaß machen“, betonte der Arzt zum Abschluss und verwies auf die Initiative Sichere Gemeinden, die landesweit Bewegungsgruppen anbietet. VN-MM ##Marlies Mohr##

Testmöglichkeiten im Alltag

Zeit im Einbeinstand messen: der kritische Wert liegt bei weniger als 5 Sekunden

Gehgeschwindigkeit über 10 Meter messen: der kritische Wert liegt bei mehr als 10 Sekunden

Zeit für fünf Mal aufstehen vom Stuhl und absitzen messen: der kritische Wert liegt bei mehr als 15 Sekunden

Arme ausstrecken und sich nach vorne neigen: 25 Zentimeter sollten ohne Balanceprobleme möglich sein.

Körpergröße kontrollieren: 3 Zentimeter weniger sind Grund genug, eine Osteoporose-Abklärung durchführen zu lassen.

FRAGEN AUS DEM PUBLIKUM:

Warum haben Sie im Zusammenhang mit Osteoporose nur Milchprodukte erwähnt? Es gibt auch andere Lebensmittel, die nützen.

Höfle: Sie haben recht, dieses Thema ist zu kurz gekommen. Ich rate den Patienten immer, ihre Essgewohnheiten mit Hilfe einer Diätologin zu überprüfen und dann einen individuellen Ernährungsplan festzulegen.

Warum fördert Untergewicht Osteoporose?

Höfle: Diese Frage lässt sich nicht schlüssig beantworten. Zum einen dürfte der Nährstoffgehalt der Knochen geringer sein, zum anderen fehlt der Belastungsreiz, der ein höheres Gewicht verursacht.

Warum wird eine Knochendichtemessung erst ab 65 empfohlen, wenn der Knochen doch schon ab 30 abbaut?

Höfle: Natürlich kann jeder früher eine Knochendichtemessung durchführen lassen. Aber bei einer allgemeinen Empfehlung dafür wären viele dabei, die sie nicht gebraucht hätten. Das ist der Grund für die Zurückhaltung. Auch ich bin für zielgerichtete Untersuchungen.

Müssen die Medikamente lebenslang genommen werden?

Höfle: Das ist eine gute Frage, es gibt jedoch keine gute Antwort. Es ist durchaus möglich, nach drei oder fünf Jahren eine Therapiepause einzulegen. Aber das ist eine jeweils individuelle Entscheidung, die gemeinsam mit dem behandelnden Arzt getroffen werden soll.

Haben Sie Erfahrungen mit der Magnetfeldtherapie?

Bochdansky: Die wissenschaftliche Lage ist zwar sehr dünn, ich könnte mir trotzdem vorstellen, dass sie einen Effekt hat. Dass der Knorpelstoffwechsel positiv beeinflusst wird, dazu gibt es Studien.

Lässt sich mit einer Blutuntersuchung Osteoporose feststellen?

Höfle: Nein, eine Blutuntersuchung sollte erst dann gemacht werden, wenn die Diagnose schon feststeht. Eine Blutuntersuchung gibt Aufschluss über osteoporosefördernde Organerkrankungen.

Wie lässt sich ein Vitamin-D-Mangel feststellen und schaden diese Tropfen?

Höfle: Durch einen Bluttest.  In der richtigen Dosierung schaden Vitamin-D-Tropfen nicht.

Ist Osteoporose heilbar?

Höfle: Osteoporose ist keine Erkrankung, die man ausheilen kann, aber sie lässt sich deutlich verbessern. Dass sich eine Normalisierung einstellt ist eher die Ausnahme.

Helfen Gelenksnährstoffe bei Osteoporose?

Höfle: Nein, aber sie schaden auch nicht. Das ist eher eine Glaubensfrage.

Ich habe im deutschen Fernsehen einen Bericht über massive Nebenwirkungen von  Bisphosphonaten gesehen und bin jetzt total verunsichert.

Höfle: Es kann im Kieferbereich tatsächlich zu Störungen kommen, doch die sind extrem selten. Auf 100.000 Behandelte kommt ein Problemfall. Das heißt, es profitieren wesentlich mehr Menschen von den Medikamenten. Hier geht es um die Nutzen-Risiko-Abwägung.  Man sollte deshalb auch nicht überreagieren.

 

DER VORTRAG ALS VIDEO:

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