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Vom rechten Augenblick

©Petra Rainer
Kann es sein, dass es einen Augenblick im Lebenslauf gibt, der diesen besonders verdichtet, da er ihn besonders weit öffnet ins Leben hinaus?
Vom rechten Augenblick

Besucht man das Haus der Familie Geiger in Schlins, so drängt sich dieser Eindruck geradezu auf. Als sich der Lauf der Zeit mit Kindern in eine neue Generation geweitet hatte, begannen die Vorbereitungen zum Hausbau. Offenheit bereits am Anfang, beim Grundstückserwerb; was da für die einen auf Ablehnung stieß, wurde für die junge Familie zum Glücksfall: wegen eines bald 500 Jahre alten Bauernhauses, das auf die Denkmalliste kam, war das große Grundstück erschwinglich. Dazu hinter dem Haus ein Nussbaum, den eine Majestät von Baum zu nennen nicht übertrieben ist.

Man begann zu planen; die Größe des Grundstücks bot viele Optionen. Zunächst wurde ein Bau am Hang, hinter dem Bauernhaus, verfolgt; ein großes Haus mit Ausblick über die Dächer auf die Berge des Walgaus. Doch Unbehagen schlich sich ein – die Größe, die abgesetzte Lage, der Blick hinunter dem alten Haus aufs Dach. Deutlich wurde, dass Bauen im Dorf bedeutet: Beziehung zum Dorf – zum Dorfleben, zu den Häusern. Kinder spielen da eine herausragende Rolle, wie der Bauherr ausführt: „Wir wollten im Dorf bleiben; es ist unmittelbarer, mit all den offenen Möglichkeiten für Kinder in Wald, Wiese, Stall.“ Ergänzt durch vorbildliche Betreuungseinrichtungen in Gehweite, verkehrsberuhigt, wie sie das „Neue Dorf“ bietet, mit kaum mehr bäuerlichen Bevölkerung. Dazu kommen kulturelle Initiativen, wie modernes Theaterspiel, an dem man ungezwungen und fallweise teilhat.

Also begann das Haus zu wandern: Zum Dorfweg, neben das alte Haus, unter den Nussbaum, mit Blick auf den Kirchturm. Der großzügig bemessene Grund erlaubte wünschenswerte Abstände, ein Nebengebäude wurde erwogen, das Privatheit sichert. Vor allem aber wurde das Haus kleiner: Die Nähe des alten Hauses und dann des Gartenhauses erlaubte, Stauraum, Werkstatt und manchen Arbeitsraum auszulagern – ein Keller entfiel. „Nach dieser Entwicklung zum Dorf war der Entwurf schnell fertig – ein normales Haus, zurückgesetzt, Sichtbezüge, mit gleicher Dachneigung wie das alte. Später kamen Gartenhaus, Garten, Zaun. Es ist sinnvoll, sich Zeit zu lassen und sich einzulassen“, berichtet der Bauherr und seine Frau bringt es auf den Punkt: „Das Neue würdigt das Alte, die Schönheit liegt im Einfachen.“

Das Haus nach Plänen der Architektin Judith Wellmann und des Architekten Martin Ladinger variiert den um 2000 im Bregenzerwald entwickelten Typ des landschaftsgebundenen Einfamilienhauses: kompaktes Volumen, flaches Dach, versetzte Fensterbänder, zweigeschoßig, offener Wohnbereich ebenerdig, darüber Wohnen. Zugang vom Garten mit kurzem Flur zum zweiläufigen Treppenhaus in der hinteren Gebäudeecke. Rechterhand mit großen, raumhohen Schiebefenstern das Ess- und Wohnzimmer, trotz bescheidener 38 m2 großzügig, da die Terrasse – teilweise überdacht – mit Garten bis zum Altbau und Gartenhaus wie ein Raum wirkt. Gegenüber, über den Flur, liegt das „Nussbaumzimmer“, so genannt, weil eigentlich der Baum die Raumgrenze ist. Im Obergeschoß reihen sich Eltern- und zwei Kinderzimmer mit Bad an einem breiten Flur mit 8 m Schrank hinter schwerem Vorhang – die Zimmer bleiben schrankfrei. Das Elternzimmer hat einen Balkon, der den dank hoher Brüstung intimen Raum zur Landschaft weitet.

Die Konstruktion ist durch den Altbau inspiriert: ein Holzbau, zum Teil mit verputzten Oberflächen. Ein Bau freilich, der dies aus der Logik der Baustoffe macht und schon deshalb ökologisch und nachhaltig ist. Das Holz kommt aus den umliegenden Wäldern, der Putz – Lehm und Kalk – aus hiesigen Böden. Die massiven, tragenden Wände und Decken sind Brettstapelelemente, innen auf Lehmplatten mit integrierten Heizschlangen mit hellgrauem Lehm als fertige Oberfläche verputzt. Außen sind die Elemente mit Holzfaser gedämmt, die Schalung für die Fichtenschindel ist hinterlüftet. Mit einer Wandkonstruktion von annähernd 60 cm Stärke ist Passivhausstandard ohne Wärmerückgewinnung gegeben. Was als Lüftung eingebaut wurde ist Komfort.

Pionier ist das Haus beim Umgang mit Kalk: Bad und WC sind mit Sumpfkalk des namhaften Satteinser Kalkpioniers ausgekleidet, hier erstmals auch die Böden der Duschen. Nach drei Jahren Dauerbetrieb sind keinerlei Feuchteschäden bekannt. Im Übrigen haben die Kalk- wie Lehmoberflächen den Vorzug, dass sie gegebenenfalls homogen nachgearbeitet werden können. Das erlaubt unbeschwerten Umgang mit dem Haus und seinen Oberflächen – wiederum zur Freude der Kinder. Ähnliche Überlegungen auch zu den Böden: Massive Eiche, ohne Kleber auf Polsterhölzer verlegt, mit unbedenklichem Öl behandelt.Viel sind sie zusammen- gesessen: die jungen Eltern, mit Architektin und Architekt, gleichwertig Mann und Frau zum Wohl des Ganzen; so reiften Entscheidungen, die noch heute gültig sind und eine Freundschaft begründet haben. „Das Soziale zwischen Kirche und Bauernhaus, zwischen Freiheit der Kinder und Berufstätigkeit der Eltern sowie ökologisches Bauen mit Hausverstand und Vertrauen in die Experimente hervor- ragender Handwerker“, so Architektin Judith Wellmann, „das erlaubt Klarheit und Bestand des Hauses.“

Daten & Fakten

Objekt Haus Geiger, Schlins
Eigentümer/Bauherr Familie Geiger
Architektur Wellmann-Ladinger, Bregenz; www.wellmann-ladinger.com
Ingenieure/Fachplaner Bauphysik Reiner, Bezau; Holzbau: Sohm, Alberschwende; Schindeln: Hager, Mellau; Lehmputz: Ulrich, Satteins
Planung 6/2010–10/2011
Ausführung 1–12/2011, Gartenhaus 2014
Grundstücksgröße 660 m² (parzelliert)
Wohnnutzfläche 143 m²
Bauweise Rohbau über Erdreich: Massivholzwände mit Holzfaserdämmung; Fenster: lärchenholzgerahmt; Fassade: Fichtenschindeln; Böden: Eiche; Wände: Lehmputz (Sanitärräume verseifte Kalkglätte); Fenster: Dreifach-Isolierverglasung; Kontrollierte Wohnraumlüftung; Heizung: Gas mit unterstützender Solaranlage
Besonderheiten Überschüssige Wärme kann über eine Nahwärmeleitung an das bestehende Bauernhaus abgegeben werden
Ausführung Holzbau, Schindeln: Sohm, Alberschwende; Lehmputz, Kalkglätte, Kasein: Gerold Ulrich, Satteins; Fenster, Schiebetür: Zech, Götzis
Energiekennwert 16 kWh/m² im Jahr

 

Leben & Wohnen – Immobilienbeilage der VN

Für den Inhalt verantwortlich:
vai Vorarlberger Architektur Institut
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Mit freundlicher Unterstützung durch Arch+Ing

 

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