„Unabhängig unser Leben selbst gestalten“

Leo Simma (50), Permakultur-Hof Hittisau
Leo Simma (50), Permakultur-Hof Hittisau
Zukunft bedeutet für Öko-Rebell Leo Simma „global denken und regional handeln“.

HITTISAU. „Ich will billigen chinesischen Monokultur- Knoblauch aus Vorarlberger Regalen verdrängen“, probte der rebellische Permakulturist 2012 via TV den Aufstand. Für ihn ein absolutes No-Go, dass massenhaft pestizidbelasteter Knoblauch um die halbe Welt nach Europa und nach Vorarlberg gekarrt wird, wenn doch hier bei uns gute Sorten Ländle-Knoblauch auf gesundem Boden wie Unkraut wachsen.

Hausverstand einsetzen
„Es ist höchst an der Zeit, den eigenen, gesunden Menschenverstand einzusetzen“, wünscht sich der naturbewusste Aktivist. Simmas Knoblauch-Rebellion machte Schule, und der Lebensmittelhandel bezieht längst – auf Druck der aufgeweckten Konsumenten – „Knob’l“ aus dem Ländle und aus Österreich. Selbstredend, dass Leo Simma die „gesunde Ernährungs-, Existenz- und dadurch Friedenssicherung“ in der Anwendung der Permakultur- Philosophie sieht. Wir alle können das, jeder Einzelne von uns – und am besten alle miteinander: sinnvoll leben und wirtschaften im Einklang mit der Natur im ökologischen Kreislauf.

„Nicht mehr anlügen lassen“
„Vorweg ein Satz von Johann Wolfgang von Goethe“, legt der gerne als „lästiger Hitzkopf“ titulierte Landwirt los: „Es ist leichter, eine Lüge zu glauben, die man hundertmal gehört hat, als eine Wahrheit, die man noch nie gehört hat. Man muss das Wahre immer wiederholen, weil auch der Irrtum immer wieder gepredigt wird, und zwar nicht von Einzelnen, sondern von der Masse, in Zeitungen, in Enzyklopädien, in Schulen und Universitäten. Überall ist der Irrtum obenauf – und es ist ihm wohl und behaglich im Gefühl der Majorität, die auf seiner Seite ist.“

Woher kommt unser Essen?
Und vor allem: Wie wird es produziert? „Auf das Wie kommt es an! Permakultur statt Monokultur, gesunde Vielfalt statt zerstörerische Einfalt, kleine, regionale Strukturen statt Gift & Gene“, führt Simma aus und sitzt seit Jahren Kämmerern und der Lokalpolitik mit seiner Forderung nach System-Change – speziell beim fehlgeleiteten und fatalen Subventions- Wahnsinn – im Nacken. „Schluss mit Symptom-Behandlungen! Wir müssen an die Wurzel des Übels, uns befreien von der modernen Sklaverei und wieder zu unabhängigen Menschen werden.“ Das heißt für Simma, der sein berufliches Leben lang im Lebensmittelverkauf tätig war und seit über zehn Jahren als Permakultur-Landwirt Lebensmittel produziert, den „Betrug am Verbraucher“ endlich klar und sichtbar zu machen. „Ein paar Finanzkapital- Monopole, zu denen Agro-Chemie-Giganten wie Monsanto, Bayer, Syngenta & Co. zählen, treiben uns in die völlige Abhängigkeit, Verelendung, Hunger und Krieg. Die ganze Welt, die betrogenen 99,9 Prozent der Weltbevölkerung, werden verschuldet, vergiftet, wie Marie Monique Robin mit ihrer Doku ,Monsanto – mit Gift & Genen‘ zeigt“, weiß Simma, und empfehlt Interessierten, sich „Seeds of Suicide“ von Vandana Shiva, „Saat der Zerstörung“ von F. William Engdahl oder „Wir lassen sie verhungern“ von Jean Ziegler zu Gemüte zu führen.

Am Ende der Nahrungskette
… steht der Mensch. Wenn Leo Simma über die Milchund Fleischproduktion spricht, kann er seine Wut kaum unterdrücken: „Für die qualvolle Massentierhaltung geschundener, enthornter, kastrierter und verstümmelter Hormon-Antibiotika- Turbo-Tiere fehlen mir die Worte, das kann kein Mensch mit Herz und Verstand wollen. Auch Heuchelei und Etiketten- Schwindel in unserer vermeintlich heilen Welt will ich nicht hinnehmen. Wenn Millionen Tonnen genmanipuliertes und pestizidverseuchtes sogenanntes ,Kraftfutter‘ nach Europa und ins Ländle importiert wird, für dessen Anbau unsere grüne Lunge, der Regenwald, gerodet wird, wo die verseuchten Menschen an Krebs und Missbildungen leiden, dann müssen doch bei jedem vernünftigen Entscheidungsträger und Volksvertreter die Alarmglocken schrillen. Dieser verseuchte Müll wird sogar auf unseren Alpen verfüttert und gelangt so in unsere Nahrungskette. Frage mich, was Gütesiegel oder Slogans wie ,geboren, gefüttert, geschlachtet im Ländle‘ bringen? Die jeweilige Lokalpolitik ist gefordert!“

„Wir selbst sind die Lösung“
Das globale Agrar-Chemie- Geschwür mitsamt kriminellen „Patenten auf Leben“ führt geradewegs in den sicheren Abgrund. „Die Welt ist voller Lösungen“, zeigt die aktuelle Doku „Tomorrow“ am Beispiel zahlreicher Regional-Initiativen von Menschen, die global denken und regional handeln – idealerweise nach der Permakultur- Philosophie. „So wird gemeinsam ein zukunftsfähiger Weg der ethischen und ökologisch- sozialen Gesellschafts und Wirtschaftsentwicklung beschritten“, freut sich Simma über eine immer stärker werdende positive globale Bewegung aus den Regionen heraus. „Das zerstörerische System einer kleinen Macht- Elite, wie es auch der Papst ausdrückt, entzieht zum Beispiel mit exportgefördertem Nahrungsmittelrestmüll wie Schweinefüßen oder Milchpulver für die sogenannte Dritte Welt dem globalen Süden die Existenzgrundlage“, sagt Simma. „Die Lösung für ein Ende dieser Missstände sind wir selbst, wenn wir beginnen, unser Leben selbstbestimmt zu gestalten. In Gärten, auf Dächern, Terrassen, Gemeindeflächen, in der kleinstrukturierten Landwirtschaft – in allen Regionen der Welt“, betont Simma, der gemeinsam mit seiner Projektpartnerin, dem bekannten Permakulturisten Sepp Brunner, seiner Familie und allen Gleichgesinnten am Aufbau eines ganzheitlichen, gemeinwohlorientierten „Garden Eden“ als Schau-, Schulungs- und Lern-Modell in Vorarlberg und parallel dazu in Meki im Süden Äthiopiens arbeitet. Vom Anschauungsunterricht auf Leo’s Hittisauer Permakultur-Hof war Bischof Abraham Desta sichtlich begeistert. „Lasst euch bitte nicht einreden, dass wir nichts verändern, dass wir, eh nichts machen‘ können. Beginnen wir bei uns selbst, im privaten Umfeld …“

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