Türkischer Starpianist wegen Islam-Beleidigung vor Gericht

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Kundgebung für den Angeklagten Starpianisten Fazil Say. Kundgebung für den Angeklagten Starpianisten Fazil Say. - © EPA
Der türkische Pianist und Komponist Fazil Say hat am Donnerstag zum Auftakt seines Prozess wegen Islam-Beleidigung den Vorwurf der religiösen Hetze zurückgewiesen. Der 42-Jährige sagte vor Gericht in Istanbul, er weise alle Anklagepunkte von sich. Der Richter vertagte das Verfahren auf den 18. Februar.

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Die Staatsanwaltschaft wirft dem international gefeierten Künstler Say vor, über den Kurznachrichtendienst Twitter Islam-feindliche Kommentare verbreitet und damit religiöse Hetze betrieben zu haben. Die Anklage fordert eineinhalb Jahre Haft für den 42-jährigen, der auch wiederholt in Salzburg aufgetreten war und unter anderem mit den New Yorker Philharmonikern und dem Berliner Symphonie Orchester gespielt hat.

Twitter-Einträge zu Muezzin

Im April machte sich Say per Twitter unter anderem über einen Muezzin lustig, der einen Gebetsruf in nur 22 Sekunden absolviert hatte. Say fragte, ob der Muezzin vielleicht schnell zur Freundin oder zum Schnaps zurückkehren wollte. Außerdem hatte der Pianist Tweets gepostet, in denen er die Frage stellte, ob das Paradies in der islamischen Glaubensvorstellung einem Bordell oder einem Wirtshaus gleiche, berichtete die der islamisch orientierten Regierungspartei AKP nahestehende Zeitung "Zaman". Say bezog sich dabei auf den Koran, der von Flüssen aus Wein und schönen Jungfrauen (Houris) berichtet, die den Rechtgläubigen im Himmel erwarteten. Nach Bekanntwerden der Twitter-Kommentare hatten drei türkische Bürger Strafanzeige gegen Say erstattet. Sie erneuerten am Donnerstag vor Gericht den Vorwurf, Say habe sie in ihren religiösen Gefühlen verletzt.

Pro-Fazil-Kundgebung vor Gerichtsgebäude

Bei einer Kundgebung vor dem Gerichtsgebäude im Stadtteil Caglayan protestierten unterdessen Unterstützer von Say gegen den Prozess. "Fazil Say ist nicht allein", stand auf Transparenten der Demonstranten. Die Partei des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan wurde aufgefordert, sie solle "die Künstler in Ruhe lassen". Say, ein bekennender Atheist und Gegner der AKP, hatte in den vergangenen Jahren mehrmals mit kontroversen Äußerungen auf sich aufmerksam gemacht. EU-Minister Egemen Bagis erklärte mit Blick auf den Prozess, für ihn persönlich lägen Äußerungen von Say im Rahmen von dessen "Freiheit, Unsinn zu reden". Doch die Entscheidung liege bei der Justiz. "Ich wünschte, Fazil Say würde uns nicht dazu zwingen, derartige Erklärungen auf internationaler Bühne abgeben zu müssen", sagte Bagis nach Angaben der Zeitung "Hürriyet.

Solidarität der Künstler

Zahlreiche Künstler und Intellektuelle solidarisieren sich mit Say. Seine Unterstützer sprechen von einem Beispiel für die immer stärker werdenden Einschränkungen der Meinungsfreiheit im EU-Bewerberland Türkei. Auch aus Deutschland erhielt er Unterstützung: Mehr als hundert Bundestagsabgeordnete der Linken, der SPD und der Grünen zeigten sich in einem Brief an Erdogan besorgt über das Verfahren. In dem Brief, der auf Initiative der deutschen Linken-Politikerin Sevim Dagdelen geschrieben wurde, wird auf den Schutz der Meinungsfreiheit durch internationale Abkommen und die türkische Verfassung verwiesen. "In einem demokratischen und säkularen Rechtsstaat dürfen bloße Meinungsäußerungen nicht zu dem Vorwurf eines schweren Verbrechens und zu langen Freiheitsstrafen führen", heißt es in dem Schreiben. Dagdelen, die zur Prozessbeobachtung nach Istanbul gereist war, nannte die Vorwürfe gegen Say absurd. Es sei schlimm, dass das Verfahren überhaupt zustande gekommen sei.

(APA)

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