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Todesflug über dem Bodensee

Die Trümmer der Tupolew landen mitten in einem Feld Die Trümmer der Tupolew landen mitten in einem Feld - © VOL.AT/Hofmeister
Überlingen – Vor zehn Jahren kollidierten zwei ­Flugzeuge bei Überlingen. 71 Men­schen, darunter 49 Kinder, kamen ums Leben.

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Überlingen. Die Erinnerungen an die Tragödie kommen bei vielen wieder hoch: Bei den Hinterbliebenen, bei den Einsatzkräften, bei den Anwohnern: Vor zehn Jahren, kurz vor Mitternacht am 1. Juli 2002, starben 71 Menschen, als zwei Flugzeuge hoch über dem Bodensee zusammenprallten. Unter ihnen waren mehrere Dutzend Schulkinder aus der russischen Teilrepublik Baschkortostan. Die Tupolew war auf dem Weg nach Spanien. Die Kinder wollten zwei Wochen Urlaub an der Costa Dorada machen. Die Reise war eine Belohnung für den guten Schulerfolg. An Bord der zweiten Maschine, einem Frachtflugzeug, waren ein britischer und ein kanadischer Pilot. Auch sie wurden bei dem Absturz getötet.

Kilometerweit verstreut

Wrackteile der Flugzeuge stürzen über dem nordwestlichen Bodenseeufer ab, die Trümmer liegen kilometerweit verstreut. Während die Bevölkerung noch fassungslos vor den Ereignissen der Nacht steht, bereiten sich mehr als 1000 Einsatzkräfte auf eine emotional außerordentlich belastende Aufgabe vor: Sie müssen Wiesen, Wälder und Felder systematisch nach Resten der Tragödie absuchen. Den Rettungskräften bietet sich im Morgengrauen ein furchtbares Bild: Zerfetzte Körper, hier ein Turnschuh, dort eine Tasche liegen verstreut um ausgebrannte Flugzeugteile.

Das Unglück – so wird die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung rund zwei Jahre später in ihrem Abschlussbericht feststellen – geht auf technische Mängel und menschliche Fehler bei der Schweizer Flugsicherung Skyguide zurück. Um 23.30 Uhr fliegen beide Maschinen auf 36.000 Fuß (11.500 Meter) Höhe. Bei Überlingen am Bodensee sollen sie kreuzen – eigentlich Routine.

Zu diesem Zeitpunkt sitzt im Zürcher Kontrollzentrum ein einziger Fluglotse. Er ist allein für den Luftraum über Süddeutschland zuständig, wegen Wartungsarbeiten stehen ihm Radar und Telefon nur eingeschränkt zur Verfügung. Das drohende Unglück bemerkt er erst, als es zu spät ist: Um 23.35 Uhr und 32 Sekunden kollidieren die beiden Flugzeuge. Für seinen folgenschweren Fehler wird der Fluglotse später mit dem Leben bezahlen. 2004 ersticht ihn einer der Hinterbliebenen, Vitali Kalojew.

Beim Unglück verlor der damals 46-jährige Kalojew seine Frau und beide Kinder. Der Russe erachtete den zum Unglückszeitpunkt diensthabenden Skyguide-Fluglotsen als Hauptschuldigen am Unglück. Im Februar 2004 reiste der Russe in die Schweiz, suchte den Fluglotsen, einen dänischen Staatsbürger, in dessen Wohnhaus auf und wollte ihm eine Entschuldigung abringen. Dann stach er mit einem Taschenmesser auf den Lotsen ein und verletzte ihn tödlich.

2007 aus der Haft entlassen

Das Zürcher Obergericht verurteilte Kalojew 2005 ­zunächst zu einer Zuchthausstrafe von acht Jahren, senkte die Strafe aber noch. Kalojew wurde im November 2007 aus der Haft entlassen. Bei der Ankunft in seiner ­Heimat wurde er wie ein Held empfangen. Im gleichen
Jahr wurden vier Mitarbeiter von Skyguide schuldig gesprochen. Laut Gericht hätte die Katastrophe bei Anwesenheit von zwei Fluglotsen wohl verhindert werden ­können.

Chronologie: Überlingen und die Folgen

1. Juli 2002: Eine Tupolew-Passagiermaschine und eine Fracht-Boeing prallen zusammen. Alle 71 Insassen kommen ums Leben.

2. Juli 2002: An der Suche nach Wrackteilen und Opfern sind in den Tagen nach dem Absturz bis zu 1250 Beamte beteiligt. Es ist der bundesweit größte Polizeieinsatz dieser Art.

27. Juni 2003: Die Schweizer Flugsicherung Skyguide, Deutschland und die Schweiz bilden einen gemeinsamen Entschädigungsfonds. Berlin und Bern zahlen je zehn Millionen US-Dollar ein, die Summe von Skyguide wird nicht genannt.

24. Februar 2004: Der Fluglotse der Unglücksnacht wird an seinem Wohnort in Zürich-Kloten erstochen. Der 36-jährige Däne war nach der Katastrophe suspendiert worden, blieb aber Skyguide-Angestellter.

26. Februar 2004: Als Tatverdächtiger wird ein Bauingenieur aus der russischen Teilrepublik Nordossetien festgenommen, der seine Familie bei dem Unglück verloren hatte.

3. Mai 2004: In Überlingen wird eine Gedenkstätte für die 71 Todesopfer eingeweiht.

19. Mai 2004: Die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) in Braunschweig nennt in ihrem Abschlussbericht technische Mängel sowie menschliche Fehler bei Skyguide und in der russischen Unglücksmaschine als Ursachen des Zusammenstoßes.

29. Juni 2005: Bashkirian Airlines reicht beim Landgericht Konstanz Zivilklage gegen die Bundesrepublik wegen mangelnder Flugsicherung ein.

26. Oktober 2005: Das Obergericht des Kantons Zürich verurteilt den russischen Bauingenieur wegen vorsätzlicher Tötung des Lotsen der Unglücksnacht zu acht Jahren Zuchthaus.

27. Juli 2006: Das Landgericht Konstanz gibt der Schadenersatzklage der Bashkirian Airlines statt und verurteilt Deutschland zu Schadenersatz. Die Überwachung des Luftraums sei eine hoheitliche Aufgabe des Staates. Deutschland müsse für die Fehler von Skyguide haften. Eine Summe nannte das Gericht nicht.

18. Dezember 2006: 30 Opferfamilien werden im Zuge eines Schweizer Staatshaftungsverfahrens Entschädigungen zugesprochen. Gegen diese verwaltungsgerichtliche Entscheidung legen sie Rechtsmittel ein, weil ihnen die Summe nicht angemessen erscheint. Angehörige der anderen 41 Toten haben bereits früher im Zuge eines außergerichtlichen Vergleichs Schadenersatz aus dem gemeinsamen Pool erhalten.

15. bis 30. Mai 2007: Acht Skyguide-Mitarbeiter stehen vor dem Bezirksgericht im schweizerischen Bülach wegen fahrlässiger Tötung.

3. Juli 2007: Das Obergericht des Kantons Zürich verringert die Haftstrafe für den verurteilten Russen wegen verminderter Schuldfähigkeit auf fünf Jahre und drei Monate.

4. September 2007: Vier Mitarbeiter der Schweizer Flugsicherung Skyguide werden zu Bewährungsstrafen verurteilt, das Bezirksgericht im schweizerischen Bülach befindet sie der fahrlässigen Tötung für schuldig.

8. November 2007: Der verurteilte Russe kommt frei. Das Schweizer Bundesgericht in Lausanne bestätigte die Strafe von fünfeinviertel Jahren Zuchthaus für den 51-Jährigen. Da der Bauingenieur bereits zwei Drittel davon abgesessen hat, muss er entlassen werden.

18. September 2008: Das Konstanzer Landgericht weist die Schadenersatzklage einer Schweizer Versicherung gegen die Fluglinie „Bashkirian Airlines“ ab. Sie wollte vom Insolvenzverwalter der zwischenzeitlich insolventen Fluggesellschaft umgerechnet rund 2,5 Millionen Euro zurückbekommen, die sie als Entschädigung an Hinterbliebene und für Sachschäden bezahlt hatte.

29. Januar 2009: Ein spanisches Gericht in Barcelona verurteilt die Fluglinie Bashkirian Airlines zur Zahlung von Schadenersatz. Das Unternehmen muss den Familien von 30 Kindern, die bei der Kollision ums Leben gekommen waren, jeweils 20.400 Dollar (15.600 Euro) zahlen.

11. Februar 2011: Das Revisionsverfahren vor dem Oberlandesgericht Karlsruhe, bei dem es um eine mögliche Haftung der Bundesrepublik geht, dauert an. Die Akten werden an einen Sachverständigen weitergeleitet, der ein Gutachten erstellen soll.

(Quelle: VN)

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