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Stemer für eine Woche weniger Sommerferien

Landesrat Siegi Stemer: „Lehrer brauchen eine besser verteilte Lebensverdienstsumme und ein leistungsorientierteres Gehalt.“ Landesrat Siegi Stemer: „Lehrer brauchen eine besser verteilte Lebensverdienstsumme und ein leistungsorientierteres Gehalt.“ - © VOL.AT/Hartinger
von VN/Andreas Dünser - Bregenz – Auch Josefitag streichen: Schul-Landesrat will, dass wieder mehr unterrichtet wird.

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In Österreich wird deutlich weniger unterrichtet als in anderen Ländern – das zeigt ein OECD-Vergleich. Auch deswegen sagt Schul-Landesrat Siegi Stemer (61) im VN-Interview, dass er die Sommerferien um eine Woche verkürzen würde: „Acht Wochen kann ich mir gut vorstellen.“ Auch den schulfreien 19. März – den Josefitag – würde Stemer abschaffen. Mit den kirchlichen Verantwortlichen habe er bereits gesprochen, „allerdings ist das bundesgesetzlich geregelt“. Zudem regt der Landesrat eine „bessere Einteilung des Schuljahres“ an. Er will sechs- bis siebenwöchige Lernblöcke, die sich mit Phasen der Unterbrechung abwechseln. Seine Kritik: „Das österreichische Unterrichtsjahr schaut aus wie ein Emmentaler. Und von Löchern wird man nicht satt.“ Auch solle die Bundesregierung „Nägel mit Köpfen bei einem modernen Dienstrecht und Gehaltssystem machen“.

Warum blockieren sich ÖVP und SPÖ in der Bildungspolitik auf Bundesebene?

Stemer: Weil es nicht gelungen ist, weder früher, noch heute bei den Herren Faymann und Spindelegger, diese entscheidende Zukunftsfrage klar festzuzurren.

Und was muss die Regierung konkret angehen?

Stemer: Sie muss endlich Nägel mit Köpfen bei einem modernen Dienstrecht und Gehaltssystem machen und bei der ‚Pädagoginnen-Bildung Neu‘. Das sind zwei große Projekte, die derzeit laufen. Diese Projekte müssen forciert werden. Wir haben andere Herausforderungen als früher, wir müssen stärker auf die Potenziale der Kinder eingehen. Es muss also mehr Zeit investiert werden. Wir haben viele hochengagierte Personen in diesem System. Und die verdienen bessere Bedingungen.

Brauchen Lehrer mehr Geld?

Stemer: Ja. Sie brauchen eine besser verteilte Lebensverdienstsumme, sie brauchen ein Gehalt, das leistungsorientierter ist, als das bisherige. Ein System, das in seinen Wurzeln aus dem Jahr 1956 stammt, kann in einigen Kardinalfragen nicht mehr zeitgemäß sein. Es muss ein fairer, transparenter Abgleich stattfinden. Ein engagierter, motivierter Lehrer leistet heutzutage einen anstrengenden, schwierigen Job.

Lehrer haben mehr Urlaub als jeder andere Berufsstand. Ihre Forderung nach einer leistungsgerechten Entlohnung dürfte auf Widerstand stoßen.

Stemer: Jeder kennt aus Schulzeiten noch Lehrpersonen, die er nach wie vor sehr hoch schätzt. Und jeder dürfte auch solche haben, die er nicht zu seinen positiven Erlebnissen zählt.

Ja. Aber auch die sehr geschätzten Lehrpersonen haben den ganzen Sommer frei.

Stemer: Das stimmt so nicht. Ein engagierter Lehrer hat in einer ordentlichen Zeit dieser Sommerferien gewissenhafte Arbeit zu erledigen. Ich hatte in meiner Lehrerlaufbahn von diesen neun Wochen nie mehr als vier Wochen wirklich freigehabt. Ich war allerdings Administrator an einer höheren Schule. Das muss ich dazusagen.

Wird in Österreich nicht einfach zu wenig unterrichtet?

Stemer: Ja. Wenn in über 30 OECD-Ländern die Zahl der geleisteten Unterrichtsstunden bei annähernd 780 liegt und in Österreich bei rund 620, dann muss man das kritisch hinterfragen – und ändern. Es ist zwar kein Maßstab, zeigt aber, dass wir im Vergleich mit anderen Ländern weniger Unterrichtsstunden haben.

Lehrergewerkschafter sagen aber, zwei Stunden mehr Unterricht seien unzumutbar.

Stemer: Das ist eine verkürzte Formel. Insgesamt geht es um einen fairen Ausgleich zwischen mehr Unterricht und Tätigkeit an der Schule und einem dazu passenden Gehaltssystem. Das ist die einmalige Chance für den Start eines völlig neuen Modells. Wenn nicht jetzt, wann dann? In den nächsten Jahren tritt ein so großer Prozentsatz aktiver Lehrpersonen in Pension, wie ich mich lange nicht mehr erinnern kann. In den nächsten Jahren kommen sehr viele pädagogisch zeitgemäß gebildete Lehrpersonen in das System. Darum sage ich den Spitzen der Republik: Jetzt ist der Zeitpunkt, mit einer ordentlichen leistungsorientierten Bezahlung und mit einer modernen Pädagoginnenbildung zu beginnen.

Soll wieder an mehr Tagen unterrichtet werden?

Stemer: Eigentlich ja. Ich tue mir bei der Bewertung jetzt aber schwer und drehe das Ganze um, indem ich jetzt einmal einige Fragen stelle.

Das ist unser Job.

Stemer: (schmunzelt) Zur Abwechslung mache ich das jetzt trotzdem. Der 19. März ist schulfrei. Wie viele Menschen wissen aber noch, dass das der Tag des Landespatrons ist? Kein Mensch weiß das mehr. Das ist nicht mehr zeitgemäß. Oder: Kann man nicht einmal ganz objektiv über die neun Wochen Sommerferien reden? Die Mehrheit der Eltern sagt ja, neun Wochen seien zu lang. Nehmen Sie eine Alleinerzieherin, die im Sommer maximal drei Wochen Urlaub am Stück hat. Ist es die richtige Antwort, dass wir mit hohen Kosten Ferienbetreuungsangebote organisieren müssen? Und noch eine Frage, eine ganz ketzerische: Wer weiß denn eigentlich noch, warum es Semesterferien gibt? Die wurden 1974 als Energieferien infolge der Ölkrise eingeführt. Aber nachdem Österreich die Republik der Kompromisse, der Kompromisse und der Kompromisse ist, wird man das kaum infrage stellen dürfen. Und was ist mit dem schulfreien Samstag? Darf man den auch infrage stellen? Wohl kaum.

So. Jetzt fragen wir wieder. Soll man den Josefitag abschaffen?

Stemer: Ich habe Gespräche mit den kirchlichen Verantwortlichen in Vorarlberg geführt und habe dort keinen Einwand verspürt. Das ist allerdings bundesgesetzlich geregelt.

Sollen die Sommerferien um eine Woche verkürzt werden?

Stemer: Ja! Beginn am ersten Montag im September! Acht Wochen Ferien kann ich mir ohne Weiteres vorstellen, sieben Wochen werden in Österreich nicht konsensfähig sein. Ich würde aber auch das Unterrichtsjahr besser einteilen – sechs- bis siebenwöchige Lernblöcke, sollen sich mit Phasen der Unterbrechung, die ein wirkliches Loslassen ermöglichen, abwechseln. Viele Kinder und Eltern wünschen sich das. Und auch die Lehrpersonen hätten nichts dagegen. Man müsste für die Gruppe der Sekundarstufe II Sonderregelungen machen – für Ferienjobs, Berufspraktika oder Wiederholungsprüfungen. Ich bin für diese Änderung. Denn das österreichische Unterrichtsjahr schaut aus wie ein Emmentaler. Und von Löchern wird man nicht satt. Denn Bildung hat auch mit geistiger Ernährung zu tun.

Sind die Anforderungen an die Schüler geringer geworden als in früheren Zeiten?

Stemer: Ja. Die sind geringer geworden. Es stand früher mehr Zeit zur Verfügung, es gab weniger Ablenkung und es gab völlig andere Gesellschafts- und Familienstrukturen. Das kann man nicht vergleichen.

Die Wirtschaft kritisiert: Es gibt immer mehr Jugendliche, die weder richtig lesen, rechnen noch schreiben können.

Stemer: Das darf man so pauschal nicht sagen. Aber es gibt eine viel zu große Zahl an 14-, 15- und 16-Jährigen, die mit diesen Basisfertigkeiten offenbar Probleme haben. Da haben mehrere Faktoren nicht zusammengepasst. Diese Jugendlichen haben ein Elternhaus, eine familiäre Umgebung, waren zwei Jahre im Kindergarten, vier Jahre in der Volksschule und vier Jahre in der Sekundarstufe I. Sie sind also schon länger im Bildungssystem. Da muss also etwas wirklich kräftig aus dem Ruder geraten sein. Das muss besser werden. Und das hat anzufangen mit Ritualen, mit gewissen Regeln, die im Elternhaus beginnen müssen. Es kann nicht sein, dass Kinder nicht ausgeschlafen, ohne Frühstück und ohne die richtige Einstellung in die Schule kommen. Lehrpersonen, Eltern und Schüler sind gefordert, die Dinge wieder ins Lot zu bringen.

Das klingt jetzt, als ob Sie da einen regelrechten Verfall der Sitten sehen würden.

Stemer: Nein, so ist das nicht. Das wäre leicht übertrieben. Das sind gesellschaftliche Veränderungen, die wir erst gar nicht werten müssen, etwa andere Familienstrukturen. Aber: Es muss ein Ruck durch die ganze Gesellschaft gehen! Es müssen gewisse Regeln wieder selbstverständlich werden!

Das klingt beinahe reaktionär.

Stemer: Nein, das ist auch massiv übertrieben. Das ist nicht reaktionär. Die Jugendlichen von heute schreiben all das ja selbst in ihre Wunschlisten – das zeigen aktuelle Umfragen.

Soll auf Vorarlbergs Schul­höfen nur Deutsch gesprochen werden?

Stemer: Ja. Ganz eindeutig. Die Schulhöfe gehören zur Schule. Und in einer österreichischen Schule ist die Unterrichtssprache Deutsch. Das gilt auch in den Pausen.

Abschließend: Wann gehen Sie in Pension?

Stemer: Diese Frage beantworte ich zum gegebenen Zeitpunkt.

Sollen wir morgen wiederkommen?

Stemer: Nein. Ich bin 61, arbeite noch gerne und fühle mich fit.

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