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Sprich mich

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Ich bin deine Mundart. Ich bin die Art deines Mundes, Klang deiner Lippen, Tanz deiner Zunge, Tiefe deiner Kehle, Klappern deiner Zähne, Höhle deines Rachens: ich bin die Kunst Deiner Laute. Ich bin das Gold im Mund. Ich mache Dich zum unverwechselbaren Klang. Züngle mich. Ich gebe Dir deine Individualität, ich mache dich zu dir, hole dich aus dem Standard, befreie dich von der Norm, von den Kodifizierern, Modellsprechern und -schreibern, nehme dich aus der Prager Linguistenschule, verlasse mit dir den Kreis der Strukuralisten, Funktionalisten und Formalisten. Ich entdude dich und mache dich zum sprechenden Selbst. Ich hole dich da raus. Ich bin deine Mundart. Ich bin das, was authentisch aus Dir spricht. Ich bin dein Anfang und dein Ende.

Ich friste mein Dasein, für viele verborgen, zwischen den Zeilen der standardisierten Schriftsprache, der Hochsprache, die tatsächlich auch die Sprache der Hohen ist. Nicht zu Unrecht nennt der Volk sie „hochdeutsch“. Mein Misstrauen gegenüber den Standardsprecher und-schreiberInnen wächst stetig. Einweg-Schulmeister disqualifizieren mich als die Ungebildete, nennen mich primitiv, stempeln mich zur Patriotin, nennen mich eine Braune. Sie verbieten den Kindern in den Schulen mich zu sprechen, wo die Kleinen gerade erst ihre Grundmundart erlernen, wo sie daran sind, die individuelle Art ihrer Lautsprache im Sandkasten der noch unbenannten quirligen Fülle des Lebens zu entdecken, ihre Klangfülle und Vieldeutigkeit im eigenen Sprechvorgang erfahren und damit spielen zu lernen. Längst ist klar, dass Kinder am Schnellsten ihre individuelle Mundart erlernen (und dazu zählt auch türkisch) und dabei den äußeren Sprechwandel kreativ aufnehmen.

Ich klage an: Mein Stöhnen, Jammern, Zürnen, Ächzen, Schreien wird von der alles nivellierenden, gleichmachenden Sprechsprachmacht weggesperrt; mein Flüstern, Singen, Glucksen, Klingen, Juchzen, Japsen, Schnurren, Brummen, Sprudeln, Tirilieren, Quaken, Dudeln, Gurren ebenso. Wer mich unterdrückt, unterdrückt die individuelle Vielfalt des Sendens und Empfangens und tauscht sie gegen Sprechklischees der 26 gleichgeschalteten Buchstaben.

Sprich mich, bring meine Klangfarben zum Leuchten. Ich bin über 2000 Jahre alt, lern mich, erfahr mich, such mich in den Ecken und Winkeln der Sprachgeschichte. Übrigens lass ich mich nicht aufschreiben. Ließe sich meine Lautgebung aufschreiben, fände ich mich im Gefängnis der unzulänglichen 26-Buchstabenwelt. Immer wieder versuchen Halbgreyffer mich aufzuschreiben, zu regeln, Sonderzeichen einzuführen. Alle scheitern.

Im Anfang war der Laut und der Laut war bei Gott und der Laut war Gott. Alles ist durch den Laut geworden. Gott spricht nicht hochdeutsch.

Ulrich Gabriel
Ulrich Gabriel ©Ulrich Gabriel
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