Soziale Antwort

Von Verena Konrad
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Für die Vogewosi ist dieses Projekt ein Meilenstein.
Für die Vogewosi ist dieses Projekt ein Meilenstein. - © Albrecht Imanuel Schnabel
Das Wohnen ist Resonanzboden gesellschaftlicher Entwicklungen. Soziale Herausforderungen nehmen dabei zu. Ein neues Projekt der Vogewosi gibt Antworten, die zu denken geben. Es trägt den Titel „Wohnen 500“, in Anlehnung an die realen Mietkosten.

Der Begriff „sozialer Wohnbau“ kämpft in Vorarlberg noch immer mit zahlreichen Vorurteilen. Im Laufe des 19. Jahrhunderts, als die europäische Bevölkerung explosionsartig anstieg und immer mehr Menschen in die Städte zogen, haben sich auch Wohnbedürfnisse kollektiv verändert. Mit der Industrialisierung verlagerte sich für viele Menschen das Arbeiten an einen anderen Ort außerhalb des eigenen Haushalts. Damit verbunden waren Wege, die als Arbeitswege zurückzulegen waren. Ein Alltag, der in Arbeitsund Freizeit aufgeteilt wurde. In dieser Zeit des Umbruchs kristallisierte sich deutlich die Armut großer Teile der Bevölkerung heraus. Die „Soziale Frage“ kannte politisch viele Schauplätze. Einer davon war das Wohnen. In Vorarlberg hat es diesen kulturellen Umbruch, trotz industriellen Pionierleistungen, in dieser Dramatik nicht gegeben. Die bäuerliche Gesellschaft blieb etwas länger intakt. Die Zeiten ändern sich, doch zentrale Fragen bleiben. Wie sieht soziale Gerechtigkeit im Wohnen in Österreich heute aus? Wie in Vorarlberg? Hören wir auf die Wahrnehmungen von Professionist(innen) aus Sozialeinrichtungen zur Armutsentwicklung, dann zeigt sich erschreckend, dass zu wenig leistbarer Wohnraum ein wesentlicher Faktor für steigende Armut ist.

Als sozialer Wohnbau wird ein geförderter Bau von Wohnungen bezeichnet. Er soll jenen Menschen helfen, die ihren Wohnungsbedarf nicht am freien Markt zu dessen Konditionen decken können. Da in Österreich nach den beiden Weltkriegen die soziale Wohnversorgung vor allem von den Gemeinden geregelt wurde, kennen viele dafür auch das Wort „Gemeindebau“. Dieser Begriff wird immer wieder auch abwertend verwendet, dabei gilt er als demokratische Errungenschaft und als eine Königsdisziplin der Architektur. Mittlerweile ist der soziale Wohnungsbau durch Kooperation von Wohnbauförderung und dem Handeln gemeinnütziger Bauvereinigungen bestimmt.

Die Leistbarkeitsdiskussion der vergangenen Jahre hat durch die Migrationsbewegungen, die seit 2015 auch die Anforderungen an den Wohnungsmarkt in Vorarlberg auf eine harte Probe stellen, wieder Bodenhaftung bekommen. Projekte wie „Wohnen 500“ geben durch aktives Handeln eine mögliche Antwort auf den akuten Wohnungsbedarf zu völlig neuen Voraussetzungen. Wie keine andere Unternehmung muss der soziale Wohnbau den Spagat zwischen Leistbarkeit und Qualität schaffen. So auch bei diesem Projekt, das angelehnt an die Mietkosten „Wohnen 500“ heißt. 65 m2 zur Warmmiete um 500 Euro ist bei einem Neubezug ein Rekordwert in Vorarlberg.

Die Vergabe der Wohnungen lag bei der Gemeinde Mäder und beim Land. Ca. ein Drittel der 20 Wohnungen wird an Bleibeberechtigte vergeben. „Wir sehen im Projekt eine Möglichkeit für gelebte Integration in unserer Gemeinde. Es geht uns aber auch um Erfahrungen, ob sich dieses Bausystem für weitere Wohnanlagen eignet, zum Beispiel für junge Familien“, erklärte Bürgermeister Rainer Siegele aus Mäder bereits in einem VN-Interview. Um die Kosten halten zu können, hat sich die Vogewosi mit Johannes Kaufmann Architekten für bereits im Hotel,- Schul- und Pflegewohnheimbau erprobte Holzmodule entschieden. Die Präzision der Module ist bereits bekannt, musste hier jedoch auch dem Kostenregime angepasst werden. „Es mussten auch Abstriche gemacht werden. Die Wohnungen sind nur im Erdgeschoßbarrierefrei. Die Gebäude haben keine Lifte. Auch eine Unterkellerung und Tiefgarage gibt es nicht. Dafür sind Fahrradabstellräume und Trockenräume vorgesehen.“ Isabelle Groll, Architektin im Büro von Johannes Kaufmann, hatte die Projektleitung für „Wohnen 500“ in Mäder inne. „Es ist für uns eine große Herausforderung gewesen. Wir haben stark priorisiert, jede Funktion, jedes Detail wurde hinterfragt, wir haben uns auf das Wesentliche konzentriert. Herausgekommen ist ein Bau, der technisch solide ist, und atmosphärisch dennoch behaglich. Das ist uns vor allem über das Material gut gelungen.“ Für die Vogewosi ist dieses Projekt ein Meilenstein. „Kostenersparnis ist das eine. Die Verringerung der Bauzeit, die daran auch einen Anteil hat, war für sich ein gesetztes Ziel. Weitere Anlagen sollen nun mit diesem System in Feldkirch und Höchst gebaut werden“, so Geschäftsführer Dr. Hans-Peter Lorenz. Das Projekt „Wohnen 500“ hat in beherzter Weise einen Schritt in die Richtung eines neuen sozialen Wohnens in Vorarlberg gesetzt. Weil es aber kein Schwarz und Weiß gibt, hat dieser Schritt auch Schattenseiten. Standards, wie sie in Hinblick auf Raumplanung und Ökologie bereits als gesetzt geglaubt waren, werden durch sozioökonomischen Druck nun erneut hinterfragt.

Architektur und Wohnungswirtschaft sind kein Reparaturbetrieb für schwierige gesellschaftliche Entwicklungen, können aber wertvolle Beiträge zur Bewältigung von damit verbundenen Herausforderungen liefern. Es braucht ein Zusammenschließen der unterschiedlichsten Kräfte, um die Herausforderungen demografischer und gesellschaftlicher Entwicklungen, mit deren Folgen die Wohnungswirtschaft unmittelbar konfrontiert ist, meistern zu können – und Toleranz für Zwischenschritte.

Daten und Fakten

Objekt: Wohnanlage mit 20 Wohneinheiten, Neue Landstraße Mäder

Eigentümer/Bauherr: Vorarlberger Gemeinnützige Wohnungsbau- und Siedlungsgesellschaft m.b.H.

Architektur: Johannes Kaufmann Architektur www.jkarch.at

Statik: Merz Kley Partner, www.mkp-ing.com

Fachplaner: Bauphysik: Lothar Künz ZT; Elektroplanung: Ludwig Schneider, Egg, Haustechnik: Herbert Roth, Lauterach

Bauleitung VOGEWOSI: Helmut Tschegg

Planung: April bis August 2016

Ausführung: September bis Dezember 2016

Grundstücksgröße: 3408 m²

Wohnnutzfläche: 1306 m²

Keller: Kellerabteile, Fahrradräume im EG mit 275 m²

Bauweise: Vorgefertigte Holzmodulbauweise aus Massivholz mit Brettsperrholzplatten aufgesetzt auf Bodenplatte aus Stahlbeton, Flachdach mit bekiester Folienabdichtung.

Ausführung: GU mit Zimmerer: Kaufmann Bausysteme; Baumeister: A. Gobber Bau; Heizung/Lüftung: AWA, Au; Grundleitungen von Dorf-installateur; Elektro: Meusburger Elektrotechnik

Energiekennwert: HWB 34 kWh/m² im Jahr PEB 115 kWh/m² im Jahr

Leben & Wohnen – Immobilienbeilage der VN

Für den Inhalt verantwortlich:
vai Vorarlberger Architektur Institut
Mehr unter architektur vorORT auf v-a-i.at

Mit freundlicher Unterstützung durch Arch+Ing

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