So entwickelt sich Vorarlberg: Gemeinden sichern sich Spielräume

Von VN/Florian Dünser
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Mehr Freiräume, kontrollierbare Bebauung: Konzepte ändern sich mit Notwendigkeit. Mehr Freiräume, kontrollierbare Bebauung: Konzepte ändern sich mit Notwendigkeit. - © APA(dapd)
Schwarzach. Das Vorarlberger Rheintal zählt zu den am dichtesten besiedelten Regionen Europas – ein Umstand, der sich nicht zuletzt in den überdurchschnittlich hohen Immobilienpreisen widerspiegelt.

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Grund und Boden sind rar hierzulande, der Traum vom Eigenheim rückt für viele Vorarlberger in weite Ferne. Warum? Der Blick auf die Flächenwidmungs-Statistik verrät: Angebot und Nachfrage halten sich längst nicht mehr die Waage.

Immer weniger Flächen

In Zahlen ausgedrückt sieht diese Entwicklung wie folgt aus: In den vergangenen zehn Jahren wurde bei den als Baugebiet gewidmeten Flächen (Kerngebiet, Wohngebiet, Mischgebiet und Betriebsgebiet) ein Plus von 495,6 Hektar auf insgesamt 11.118,2 Hektar verzeichnet. Im gleichen Atemzug gingen die Bauerwartungsflächen um 193,6 Hektar auf aktuell 650,6 Hektar zurück. Ein deutliches Minus wurde im selben Zeitraum auch bei den Freiflächen verzeichnet: Diese gingen um 3729,4 Hektar auf 153.964,4 Hektar zurück.

Nebst potenziellen Häuslebauern bringen diese Zahlen auch Kommunen ins Schwitzen – geht es doch darum, für zukünftige Generationen Spielräume zu sichern. Wie? Diese Frage hat man sich auch beim Land und in den Gemeindestuben gestellt. Das Ergebnis: Landwirtschaftsflächen werden verstärkt in Freihalteflächen umgewidmet, ist die Bebauung mit dieser Widmung doch deutlich restriktiver als bei Landwirtschaftsflächen. Das Land hat eine entsprechende Empfehlung, diesen Umstand in die Raumplanungskonzepte aufzunehmen, ausgesprochen.

Offensive in Lustenau

Sehr intensiv hat man sich dieser Thematik etwa in Lustenau angenommen. Der Anfang 2009 überarbeitete Flächenwidmungsplan trägt diesem Ansinnen Rechnung. Mehrere Hundert Grundstücke wurden von FL (Freifläche Landwirtschaft) in FF (Freifläche Freihaltegebiet) umgewidmet. Die Begründung: „Zum Halten der äußeren Siedlungsränder und zur Sicherung des Riedcharakters, der großen zusammenhängenden Landwirtschaftsflächen, der Erholungsflächen entlang des Alten Rheins, des potenziellen Notentlastungsraumes Alpenrhein und der hochwassergefährdeten Bereiche“, heißt es im Konzept.

Bürgermeister Kurt Fischer präzisiert: „Wir haben natürlich auf die Höfe Rücksicht genommen, im näheren Umfeld wurde die FL-Widmung belassen. Entwicklungs­potenziale werden dadurch gewährleistet“, erklärt er. Sollten sich Landwirtschaftsbetriebe jedoch in Richtung Industriebetriebe entwickeln, habe die Gemeinde aufgrund der FF-Widmung nun ein Mitspracherecht. „Früher konnten wir den Bescheid der Agrarbezirksbehörde faktisch nur bestätigen. Jetzt wird der Raumplanungsbeirat der Gemeinde mit der Sache betraut“, erklärt Fischer. Die Gemeinde habe dadurch größere Spielräume für eine zukünftige Entwicklung. Die Umwidmungsoffensive sei ohne große Proteste der Bauern über die Bühne gegangen.

Kritik aus der Bauernschaft

„Durchaus kritische Stimmen“ hat hingegen Landwirtschaftskammer-Präsident Josef Moosbrugger vernommen. „Und zwar dort, wo man uns Entwicklungsmöglichkeiten genommen hat“, sagt er. Man stehe gewissen Notwendigkeiten in der Raumplanung offen gegenüber – solange das Ausmaß überschaubar sei. „Den Bauern werden aber jährlich rund 50 Hektar Produktionsfläche entzogen. Zwei Drittel der landwirtschaftlichen Fläche sind darüber hinaus nicht einmal im Besitz von Bauern“, betont er.

Der sparsame Umgang mit Grund und Boden sei daher Gebot der Stunde, die Bevölkerung müsse sensibilisiert werden, dass Boden die Grundlage für Nahrungsmittel ist. „Ich bin der Meinung, wir sind zu rasant unterwegs“, kritisiert Moosbrugger mit Blick auf die Raumplanung.

Raum für weitere 170.000 Personen im Rheintal

Grund und Boden in Vorarlberg sind kostbar – doch wie sehen die konkreten Entwicklungspotenziale aus? Entsprechende Studien im Auftrag des Landes geben zumindest ansatzweise Aufschluss. Da­runter eine Bauflächenanalyse des Rheintals aus dem Jahr 2005. Die Autoren gehen davon aus, dass das Rheintal – unter Einbeziehung der demografischen Dynamik sowie der vorhandenen Bauflächenreserven – Platz für weitere 171.000 Einwohner bietet. „Umgekehrt würden unter der Annahme einer konstanten Zunahme der Bevölkerung um 30.000 Personen je 30 Jahre (wie prognostiziert bis 2031) die Bauflächenreserven für über 150 Jahre ausreichen“, schreiben Martin Assmann und Sibylla Zech in ihrer Analyse.

Diese Modellrechnung gelte jedoch lediglich für den Bereich Wohnsiedlungsentwicklung. Für Betriebsgebiete sei eine solche Betrachtung – aufgrund der größeren Dynamik – nicht zulässig.

Potenziale für Betriebe

Mit dieser Entwicklung befasst sich jedoch eine andere Studie. Im 2010 von der TU Wien erstellten Bericht „Abschätzung des Bedarfs an Betriebsgebieten im Vorarlberger Rheintal bis 2030“ werden drei unterschiedliche Szenarien zur Beurteilung der Lage herangezogen. Kumuliert man diese Annahmen, ist die Zahl der geschätzten zusätzlichen Nachfrage nach Betriebsgebieten beträchtlich. Mit 200 bis 345 Hektar bis zum Jahr 2030 wären die genutzten Betriebsgebiet-Bauflächen 1,6 bis 1,9 Mal so groß wie im Jahr 2001.

Ändern wird sich aber vor allem die Nutzung der Betriebsflächen, heißt es in der Studie. Klassische Fertigungshallen und große Produktionsflächen werden in dieser Annahme Bürokomplexen von hochtechnologisierten Unternehmen weichen – vor allem in der „Zone Nord“, wie der Raum Dornbirn in der Studie bezeichnet wird. Die „Zone Süd“, die sich in den vergangenen Jahren laut den Autoren am „dynamischsten entwickelt“ hat, besitzt – in Relation – noch hohe Flächenreserven. Hier werden auch in der Zukunft flächenintensive Nutzungen – Logistik, Produktionsbetriebe – erwartet, heißt es.

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