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Schtetl, Viertel, Stadt

Wirtschaftlich, pragmatisch, gediegen & solide Wirtschaftlich, pragmatisch, gediegen & solide - © VN/Florian Aicher
von Florian Aicher - Letzter Sonntag im September, herbstlicher Hochnebel hüllt den Tag ein, doch was für ein Umtrieb auf den Gassen des Jüdischen Viertels von Hohenems! Kein Wunder: Kulturgenuss am „Tag des Denkmals“.

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Der landesweite „Tag des Denkmals“ wurde heuer in Hohenems und seinem jüdischen Viertel begangen. Nicht nur Museum und die Bauten jüdischer Öffentlichkeit – Synagoge, Schule, Mikwe – waren geöffnet, auch zahlreiche Privathäuser luden ein und zeigten ein weit über Vorarlberg hinaus gerühmtes Ensemble jüdischen Lebens. Ab 1617 entstanden, haben sich entlang der Hauptstraße um die Synagoge einfache Häuser der Handwerker und Hausierer angesiedelt, über die Straße stattliche Bürgerhäuser, am oberen und unteren Ende derselben dann prächtige Villen, rückseitig des Handwerkerviertels ein Armenhaus.

Anschaulich kann man eine Vorstellung gewinnen von der Entwicklung dieser Gemeinde, ihrem Leben mit Aufstieg und ärmlichen Verhältnissen. Diese erreichen in der zweiten Hälfte des 19. Jh. ihren Höhepunkt, um dann mit Gewährung völliger Bewegungsfreihheit und einsetzender Abwanderung deutlich zurückzugehen – in den sechzig Jahren zwischen 1870 und 1930 schwindet die jüdische Bevölkerung auf ein Zehntel. Ab 1938 wütet der NS-Rassenwahn hinter einer Wand des Wegsehens, zielt er doch nur noch auf eine kleine Minderheit. Wenige Jahre später und das jüdische Leben ist vernichtet, der Besitz verteilt.

Der Tag danach – erster Montag im Oktober. Der Nebel des Vortages hat sich gehalten, menschenleer zeigt sich das Viertel in den Morgenstunden; museal, verloren wirken die schmucken Häuser der Hauptstraße. Sprechen sie so vom Verlust einer einst lebendigen Gemeinde? Einzig am Ende der Straße kommt ein Bau in den Blick, der deutlich die Sprache unserer Zeit spricht. Roter Ziegel, betongraue Stockwerksgesimse, geschoßhohe Fenster in freier Anordnung, unter dem flachen Dach Loggien – Abschluss der platzartig aufgeweiteten Schweizer Straße.

Aus der Nähe taucht hinter dem Kubus aus roten Ziegeln ein ebensolcher aus gelben Ziegeln auf. Doch es ist ein Haus: Zwei ineinander verschränkte Zweibünder gleicher Bauart und gleichen Volumens mit zwischengeschaltetem Treppenhaus samt Lift bilden ein Wohn- und Geschäftshaus mit 23 Wohnungen (2–3 Zimmer, 55–75 m2), Arztpraxis und Restaurant. Treppenhaus, Keller mit Tiefgarage und Decken sind in Stahlbeton, alle Wände in Ziegel ausgeführt, die Außenwände als gedämmtes zweischaliges Mauerwerk. Die großen Fenster sind dreifachverglaste Holz/Alu-Konstruktionen, der Ausbau gehobene Qualität mit Niedrigenergiestandard.

Der Bau ersetzt einen Vorgängerbau, nach einem Großbrand in den 60er-Jahren dürftig saniert. Der Ersatz sollte Bestand haben, was auch heißt: sich modern und nachhaltig zeigen. Daher die Entscheidung für die Ziegelfassade, solider Baustoff, wertige Ausstrahlung, nachvollziehbar konstruiert – keine vorgehängten Platten, kein verputzter Schaum – „geeignet, um sich in die steinerne Altstadt zu integrieren, Stadtaffinität im urbanen Kontext zu erzeugen“, so der Architekt Reinhard Drexel. Die Haltung zählt, kein Abbild. Die Farbe der neuen Wand antwortet auf die gut sichtbare „fünfte“ Wand der alten Häuser, ihre steilen Dächer.

Ebenso beim Maßstab. Die ungewöhnlich hohe Dichte wird durch die beiden Farben heruntergebrochen. Wie Gassen der Altstadt teilen Fensterschlitze an den Flurenden die massiven Teile voneinander, die zueinander versetzt sind. Das erlaubt nicht nur die richtige Stellung zum Straßenraum bei gleichzeitiger Nutzung der Grundstückstiefe, es ergibt sich auch hinter dem roten Kopfbau ein kleiner gelber Platz, dem anschließenden Elkan-Haus mit einem Cour d‘honneur Referenz erweisend – Freischankfläche des Restaurants und hinter einer ornamental aufgebrochenen Wand Zugang zum Wohnhaus und zu einer Arztpraxis. Sonst steht das Haus im Grünen – wie die Solitäre dieser Straße. Das Baurecht ist keineswegs ausgereizt und dennoch hohe Dichte erreicht. „Mir war ein Anliegen, eine positive Stimmung zu schaffen, die gehobene Qualität ausstrahlt“, fasst der Bauherr, Edelbert Hopfner, zusammen.

Es folgt: das Elkan-Haus. Nicht nur Zeugnis von Aufstieg und Ansehen jüdischer Bürger zu Ende des 19. Jh., ist es auch – mit dem Museum und mit diesem das Ensemble einfassend – Initialbau für die Revitalisierung des Viertels vor anderthalb Jahrzehnten. Hier begann die Leidenschaft von Gerhard Lacha für die alten Häuser im Viertel, geteilt mit Markus Schadenbauer. Eine Handvoll Häuser verdanken bisher dieser Initiative Erhalt und neues Leben – darunter solche von herausragender Bedeutung für das Viertel. Die ehemalige Schule mit benachbartem jüdischem Ritualbad sind jüngste Beispiele.

Ab 1824 leistet sich die jüdische Gemeinde eine eigene Schule, die mit Beginn der 1850er-Jahre auch Christenkindern offenstand. Staatliche Einsprüche gegen diese Offenheit am Ende des Jahrhunderts und die Abwanderung führten zur Schließung 1913. Es folgten Nutzung zu Wohnzwecken und Leerstand mit verheerenden Folgen für die Substanz dieses zweigeschoßigen Solitärs mit kräftigem Satteldach. 2008 begann die Sanierung, ab 2009 nach Plänen von Architekt Ernst Waibel und Elmar Nägele. 2010 eröffnete in den Erdgeschoßräumen das Restaurant „Moritz“, im Obergeschoß eine Kanzlei, im Dach der „Federmann-Saal“, benannt nach dem letzten Schulleiter Moritz Federmann. Der nicht unterkellerte, aus Bachsteinen gemauerte Massivbau ist auf der Rückseite um einen Neubau für Küche, Nebenräume, Treppe und Lift ergänzt.

Ist das Äußere des Altbaus um Sicherung und Wiederherstellung des Originals bemüht, so geht die Raumgestaltung des Restaurants darüber hinaus – „aufs Minimale reduziert, von archaischem Cha-rakter“, beschreibt Ernst Waibel ihre Zielsetzung. Im Foyer sind Bachsteine sichtbar, die Wände zeigen Nutzungsspuren und sind bloß lasiert, die alten Dielen der Gasträume lagen ursprünglich im Obergeschoß, die Ziegel des Foyers unterm Dach. Inszenierte Authentizität? Originale wie die alte Eingangstür werden wie Preziosen eingesetzt, neue Möbel minimiert – die lange Bank mit Kissen statt raumgreifender Lehne, die Beistelltische in dünnsten Eisenstäben. Ein Raum mit starker Stimmung.

Ebenso elementar Anbau und Ausbau des Daches, doch kein Hinweis auf Historisches – das Treppenhaus eine minimalistische Raumskulptur aus dem Weiß der Wand und dem Holz der Stufen, Brüstung und Handlauf, ein Erlebnisraum. Der Saal im Dach mit eingestelltem, neuem „Dachstuhl“, der den Raum fasst und den Walm zur Sprache bringt; Oberlichte unterm First tauchen den Saal in abstraktes Licht.

Neben der Schule die Mikwe, aus derselben Zeit wie der große Nachbar, und nach der Synagoge wichtigstes religiöses Gebäude – Bad für rituelle Reinigung. Ein kleiner Bau, ebenerdig, beheizter Umkleideraum, Treppen hinab zum Becken mit frischem Wasser. Seit den frühen Jahren des 20. Jh. nicht mehr benutzt, wird der Abgang verschlossen, das Gebäude als Werkstätte genutzt. 1996 wird das Becken wieder „entdeckt“, 2009 das Gebäude restauriert – die Substanz gesichert, die Gebäudehülle wetterfest gemacht, im Innern die Spuren der Geschichte sichtbar belassen.

Zwei Tage, zwei Bauten, zwei Erfahrungen – ein Viertel von historischer Bedeutung, nach einem halben Jahrhundert der Verwahrlosung ab den 1990er-Jahren zum Leben erweckt. Motor dieser Bewegung: der „Verein Jüdisches Museum Hohenems“ und engagierte Bürger, die sich der Bedeutung des Viertels und der Bauten bewusst wurden. Wichtige Stationen: Museumseröffnung 1991 und Unterschutzstellung durch das Bundesdenkmalamt 1996. Neues Leben, gesicherte Substanz, Wertsteigerung durch kulturelles Engagement.

Spürbar aber auch: Skepsis gegenüber einem Engagement wie dem Brunnerhaus. Keine offene Kritik, da die Wertigkeit erkennbar wurde, doch Befürchtung, dass der museale Charakter bedroht ist. Entschiedener wird der Widerspruch, als es um ein neues Quartier unmittelbar am Rand des Jüdischen Viertels geht. Wurde dies anfangs vom Investor im Stillen vorangetrieben, so meldete sich bald die Öffentlichkeit zu Wort, verschaffte sich Gehör, und nun ist ordentlich Dampf in der Debatte.

Die andere Seite: „Es fehlt im Viertel an arbeitender und wohnender Bevölkerung, es ist der am dünnsten bewohnte Ortskern des Landes“, stellt Architekt Drexel fest und plädiert für ein neues Wohnquartier. Die neue Verkehrsberuhigung kommentiert der Wirt des Restaurants im Brunnerhaus so: „Schauen Sie raus: Wie ruhig, wie beschaulich, kein Auto, nichts – als Wirt müsste ich zusperren.“ Ein Konflikt. Bedrohen die Kräfte, die das Viertel aus seinem Dornröschenschlaf geküsst haben, eine weitere, vitale Entwicklung?

Neben dem alten Schulhaus führt ein schmaler Weg zwischen Gartenmauern aus dem Viertel hinaus. Nach einigen Metern kommt zwischen den Obstbäumen ein Neubau in den Blick. Drei Geschoße, ein Wohn- und Geschäftshaus, ebenfalls Ziegel, moderne Formensprache, neuer Maßstab, gar wenn man in Rechnung stellt, dass der Bau in ähnlichem Volumen unter der Erde die Biomasse-Heizzentrale für öffentliche Bauten der Stadt und mehrerer Privathäuser (darunter das Brunnerhaus) birgt. Eine sinnvolle Ergänzung der historischen Substanz – auf Abstand gesetzt. Ohne den Eigenwert des Jüdischen Viertels und die Wertschöpfung durch die kulturelle Leistung der Wiederbelebung infrage zu stellen: eine geglückte Ergänzung durch heutiges Wirtschaften und Leben.

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